DER THEOLOGE
Die "heilige" Elisabeth von
Thüringen
Nr. 30
und ihr kirchlicher Gebieter
Konrad von Marburg
unter die Kirche und früher Tod
Im Jahr 2007
waren 800 Jahre vergangen, nachdem Elisabeth von Thüringen am 7.
Juli als
ungarische Königstochter wahrscheinlich in der Stadt Sárospatak in Ungarn
geboren wird. Mit erst 24 Jahren stirbt sie am 17. November 1231 in Marburg.
Zuvor hatte sie sich - zuerst freiwillig, später auf Anordnung ihres
Seelsorgers Konrad von Marburg - vor allem um arme und kranke
Menschen gekümmert. Von der römisch-katholischen Kirche wird Elisabeth bereits 1235
"heilig"
gesprochen, nachdem sie zu Lebzeiten der Kirche und ihrem
Beichtvater grenzenlosen und bedingungslosen Gehorsam versprochen hatte.
Konrad von Marburg hat sie immer wieder geschlagen und auch seelisch
gequält, und er trägt entscheidende
Verantwortung für ihre letztlich tödlichen Erschöpfungszustände. Ein Widerspruch
Elisabeths gegenüber Konrads Anordnungen wäre ein Bruch ihres verhängnisvollen
Gehorsamsgelübdes gegenüber der Kirche gewesen und hätte wohl genügt, sie auf den Scheiterhaufen zu bringen
- so wie zahllose andere Frauen und Männer in dieser Zeit.
Im Jahr 2007 wurde nun ein Gedenkjahr, ein Jubiläum, für Elisabeth von Thüringen
gefeiert. Sie gilt dabei auch als "deutsche
Nationalheilige des Mittelalters" und
"Patronin
der Caritas". Das Jahr 2007
war das Jahr ihres 800.Geburtstags, und man sprach in der Kirche
deshalb von einem Elisabethjahr.
Doch das Jubiläum trägt viele dunkle Züge. Das Leben und Sterben von Elisabeth von Thüringen ist
nämlich auch eine stumme Anklage gegen die Kirche und ihren im Kern
totalitären Anspruch, was
Der Theologe Nr. 30
nachfolgend im einzelnen belegt. Als spezieller Gedenktag Elisabeths gilt der 19.
November, zwei Tage nachdem sie
im Jahr 1231 in Marburg im Alter von 24 Jahren an
"Entkräftung"
gestorben ist.
Hinweis zur Quellen und
Literatur:
Viele allgemein anerkannte Fakten sind hier um der besseren
Lesbarkeit willen nicht Satz für Satz bzw. Sinneinheit für Sinneinheit
einer Quelle zugeordnet. Sie finden sich so oder so ähnlich in zahlreichen
Publikationen und entstammen meist Niederschriften aus dem 13.
Jahrhundert, v. a. der Summa vitae von
Konrad von Marburg und der Biografie
Leben und Legende der heiligen Elisabeth von
Dietrich von Apolda. Eine genaue Zuordnung
einzelner Informationen zu einer Quelle erfolgte in dieser Studie nur dort, wo dies aufgrund
der Gewichtung als sinnvoll oder notwendig erachtet wurde.
Bei Zitaten ist die jeweilige Quelle allerdings immer
mit vermerkt. Manches wird hier
allerdings anders gedeutet als in den kirchlichen
Veröffentlichungen.
Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie die
Zusammenfassung der einzelnen Lebensstationen von Elisabeth von Thüringen
finden Sie z.B. bei http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_Th%C3%BCringen.
Elisabeth und die
Abgründe der Kirche
Das Urchristentum der Katharer in Südfrankreich
Kreuzzüge gegen Moslems und Urchristen
Der Verrat und der Missbrauch der Franziskaner
Die Scheiterhaufen beginnen zu lodern
Elisabeth, die Freundin der Armen
Das Unheil kommt näher
Elisabeths Gehorsamsgelübde gegenüber dem Großinquisitor
Elisabeth und Landgraf Ludwig als Opfer
ihrer Religion
... noch vier Jahre zu
leben
Das Martyrium
Elisabeth unterwirft sich ganz der Kirche
Fast doch noch Kaiserin
Elisabeths Vermögen und ihre Kraft im Dienst der kirchlichen Strategie
Das Wüten der Inquisition
Elisabeths Tod
Der Leichenkult
Die tote Elisabeth als Vorzeige-Frau der
mörderischen Inquisition
Der Prozess gegen Elisabeths Verwandten Heinrich III.
Konrad von Marburg ereilt sein Schicksal
Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter:
Konrad will seine Untaten durch Elisabeth absegnen lassen
Elisabeth und die Abgründe der Kirche
Das Leben und Sterben der jungen Elisabeth von Thüringen zeigt auf, welche Macht die Kirche über einen einzelnen Menschen gewinnen kann. Im Elisabeth-Gedenkjahr 2007 wurde dabei Elisabeths tatsächliches oder angeblich vorbildliches Verhalten hervorgehoben und damit auch ihr kirchlicher Glaube in positiver Weise dargestellt. Betrachtet man jedoch Elisabeths Leben und Sterben etwas genauer, tun sich Abgründe auf. So hat die Stadt Marburg, in der sie zuletzt lebte und starb, mit folgendem Satz von ihr geworben: "Wir wollen die Menschen froh machen." Doch selbst stirbt sie, wie der Philosoph Dr.Dr. Joachim Kahl darlegt, "als ausgebranntes Opfer ihrer Religion" (Oberhessische Presse, 17.2.2007), und "ihre frohmachende Perspektive war eine jenseitsbezogene" (Marburger Magazin Express, Nr. 7/2007). Das heißt: "Die Freude Elisabeths bezieht sich" nach Dr. Kahl "nur auf die ungeduldig erwartete Erlösung im himmlischen Paradies" (zit. nach Oberhessische Presse, 17.2.2007). Um diesem Ziel vermeintlich näher zu kommen, hatte sich Elisabeth von Thüringen im 13. Jahrhundert der größten Machtorganisation des Kontinents unterworfen, der römisch-katholischen Kirche. Diese Kirche hat ihren Glauben immer wieder in bis heute gültige Dogmen und verbindliche Lehrsätze verfasst. Einer dieser Lehrsätze ist auch das nachfolgende Bekenntnis aus dem 19. Jahrhundert, als die Kirche in Deutschland mit Otto von Bismarck, dem preußischen Ministerpräsidenten (ab 1862) und späteren deutschen Reichskanzler (1870-1890), erstmals einen einflussreichen innenpolitischen Gegner in Deutschland hatte. Der Lehrsatz stammt vom mittlerweile "heiligen" Papst Pius IX. und lautet:
"Die Kirche hat kraft ihrer göttlichen Einsetzung die Pflicht, auf das gewissenhafteste das Gut des göttlichen Glaubens unversehrt und vollkommen zu bewahren und beständig mit größtem Eifer über das Heil der Seelen zu wachen. Deshalb muss sie mit peinlicher Sorgfalt alles entfernen und ausmerzen, was gegen den Glauben ist oder dem Seelenheil irgendwie schaden könnte. Somit kommt der Kirche aus der ihr vom göttlichen Urheber übertragenen Machtvollkommenheit nicht nur das Recht zu, sondern sogar die Pflicht, gleich welche Irrlehren nicht nur nicht zu dulden, sondern vielmehr zu verbieten und zu verurteilen, wenn das die Unversehrtheit des Glaubens und das Heil der Seelen fordern" (Aus einem verbindlichen römisch-katholischen Lehrbrief von Papst Pius IX. an den Erzbischof von München-Freising aus dem Jahr 1862, zit. nach Neuner/Roos, Der Glaube der Kirche, Regensburg 1992, Lehrsatz Nr. 382).
Im 13. Jahrhundert, zu Lebzeiten Elisabeths, war dies nicht anders. Und damals konnte die Kirche ihre behauptete "Machtvollkommenheit" auch noch rigoros politisch durchsetzen. Elisabeth von Thüringen bildet in dieser Zeit eine Schicksalsgemeinschaft mit dem Großinquisitor Konrad von Marburg. Der katholische Mönch (9) war im Geiste dieses Lehrsatzes von einem Ausmerzungswahn gegenüber allem Nichtkatholischen getrieben, und seine Blutspur zieht sich Anfang des 13. Jahrhunderts quer durch das deutsche Land.
Elisabeth wird bereits früh praktisch entmündigt, und andere bestimmen über ihr damaliges und späteres Leben. Schon im Jahr 1211 als 4-Jährige bringt man das 2. Kind des Königspaares von Ungarn (sie hatte noch drei Brüder und eine Schwester) zur späteren Verheiratung an den Hof der Landgrafen von Thüringen in Eisenach - eine machtpolitische Entscheidung. Ihre Eltern Andreas II. und Gertrud von Andechs pflegen in Ungarn ein auf Vetternwirtschaft und unrechtmäßigen Vergünstigungen beruhendes Herrschaftssystem. Elisabeths Mutter wird deshalb im Jahr 1213, während sie selbst auf einer Jagd Tieren nachstellt, von wütenden Adligen ermordet. Bzw. ihr Ehemann hätte sie bei dieser Gelegenheit enthaupten lassen, wie es in anderen Berichten heißt.
Das Urchristentum der Katharer in Südfrankreich
In der Zwischenzeit geschieht in Südfrankreich etwas, was die Geschichte maßgeblich verändern wird. Dort erhält das wieder erwachte Urchristentum großen Zulauf. Die Menschen wenden sich in Scharen von der Kirche ab und möchten Jesus, dem Christus, ohne Dogma und Glaubenszwang nachfolgen. Man nennt die dortigen Urchristen später in Anlehnung an das Wort "katharoi" (= die Reinen) auch Katharer (mehr über die Katharer siehe hier). Und Südfrankreich bzw. Okzitanien erlebt mit den Katharern eine kurze hoffnungsvolle Blütezeit auf fast allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. Der Vatikan hat deshalb große Angst, dass in dieser Situation immer mehr Menschen den historischen Betrug der Kirche durchschauen: Denn die katholische Kirche gibt sich zwar ebenfalls als Nachfolgerin von Christus aus, ist faktisch jedoch seine Gegenspielerin, insofern sie in dessen Namen das Gegenteil von dem tut, was Christus wollte und will (siehe dazu "Der Theologe Nr. 25": Die Kirche - ein totalitärer Götzenkult). Auf diese Weise, so vermuten viele kirchenkritische Christen, sollen Jesus, der Christus, und seine Friedensbotschaft letztlich ausgeschaltet werden. So lange die urchristlichen Ideale dabei nur als Theorie existieren, hält sich die Unruhe innerhalb der Kirchenmauern in Grenzen. Was aber, wenn es eine lebendige Alternative zum Kirchenchristentum gibt, bei der wieder an Jesus von Nazareth angeknüpft wird? Dann zeigte die Kirche zu allen Zeiten - von den Inquisitoren der Geschichte bis zu den "Sektenbeauftragten" der Gegenwart - ihr sonst eher verborgenes Gesicht. Das Urchristentum soll nach dem Willen der Kirche ausgerottet bzw. "ausgemerzt" werden (vgl. den verbindlichen katholischen Lehrsatz aus späterer Zeit oben), und damals waren es Tausende von Anhängern in Südfrankreich, die deshalb ermordet werden sollten. Um dieses Ziel zu erreichen, rufen die Päpste in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts mehrere Kreuzzüge gegen die Katharer (die nach der Stadt Albi manchmal auch "Albigenser" genannt werden) aus, bis diese im Zeitraum von 1208 bis 1244 tatsächlich vollständig vernichtet bzw. "ausgemerzt" werden. Unter dem Motto "Erschlagt sie alle, Gott kennt die seinen", das der päpstliche Legat Arnold von Citeaux ausgegeben hat (zit. nach Walter Nigg, Das Buch der Ketzer, Zürich 1986, S. 228), werden z. B. beim Massaker von Beziers im Jahr 1209 alle 20.000 Einwohner der Stadt ermordet. Später, im Jahr 1212, ist die Teilnahme von Pater Konrad von Marburg (geboren zwischen 1180 und 1190) an diesem Kreuzzug gegen die französischen Urchristen bezeugt, vielleicht schon in leitender Funktion. Konrad ist zumindest beteiligt, als in Straßburg 80 "Ketzer" verbrannt werden. Und bereits 1199 hatte Papst Innozenz III. in diesem Zusammenhang die Losung ausgegeben: "Es lasse sich niemand verleiten von falschem Mitleiden [mit den nichtkatholischen Christen] ... Treu und Glauben braucht einem Ketzer [gegenüber] nicht gehalten zu werden, und der Betrug, gegen ihn geübt, wird geheiligt" (zit. nach Matthias Holzbauer, Der Steinadler und sein Schwefelgeruch, Marktheidenfeld 2003, S. 50; siehe auch online http://www.steinadler-schwefelgeruch.de/buch/kapitel-1.html#Inquisition).
Kreuzzüge gegen Moslems und Urchristen
"Mit peinlicher Sorgfalt alles entfernen und ausmerzen", was den
römisch-katholischen Theorien zum Seelenheil "irgendwie schaden" könne. So
schreibt es also sogar das Glaubensbekenntnis des
"heiligen" Pius IX. (siehe
oben) den Katholiken seit fast 150 Jahren vor, und viele Jahrhunderte lang
zuvor wurden dabei auch die Leben von Menschen ausgemerzt.
So fürchtet die Kirche zu Beginn des
13. Jahrhunderts eine ähnliche Entwicklung wie in Südfrankreich auch
in Deutschland und sie betraut
deshalb ihren "Diener" Konrad von Marburg mit seiner
Lebensaufgabe: der vollständigen
Ausrottung aller "Ketzer" in Deutschland. Dazu wird der
Beauftragte des Vatikan auch zur
erbarmungslosen Hinrichtung aller derer ermächtigt, die auch nur verdächtigt werden, dem
Urchristentum oder anderen Abweichungen von der katholischen Lehre nahe zu stehen oder
diese zu tolerieren. Und hierbei werden in der Folgezeit auch die
Häuser der Verdächtigen zerstört, und ihr Vermögen wird zwischen Kirche und Staat
aufgeteilt.
Vor allem mit finanziellen Versprechungen lockt die Kirche die lokalen
staatlichen Behörden zur aktiven Teilnahme an der Inquisition. Konrad von Marburg gilt
dabei als "angesehen", weil er sich offenbar nicht persönlich an seinen Opfern
bereichert und sonst ebenfalls materiell asketisch lebt - im Unterschied
zu anderen Kirchenführern, die wie die Maden im Speck leben. (1)
Neben dem Krieg gegen Minderheiten in den von ihr beherrschten Ländern gibt es
für die Kirche auch eine große außenpolitische Front. So will Papst Innozenz III., der als der bedeutendste Papst des
Mittelalters gilt (1198-1216), den verlorenen 4. Kreuzzug in den Nahen Osten
im Jahr 1198 nicht einfach hinnehmen. Deshalb ruft er im Jahr 1215, beim großen Laterankonzil
der römisch-katholischen Kirche in Rom, zu einem neuen Kreuzzug gegen die Moslems in
Palästina auf. Die Bevölkerung in Deutschland ist allerdings "kreuzzugsmüde",
wie es manchmal in Geschichtsbüchern heißt. Doch das soll sich bald ändern. Denn: "Ausgerechnet in dieser Lage
gelang es Konrad durch außergewöhnliche Rednerbegabung und das schöne Versprechen, durch Kreuzzugsteilnahme einige Monate Fegefeuer im Jenseits zu
sparen, Volkes Meinung
umzustimmen"
(zit. nach
www.uni-protokolle.de/Lexikon/Konrad_von_Marburg.html).
Der Verrat und der Missbrauch der Franziskaner
So ist also der spätere Beichtvater der Landgräfin Elisabeth von Thüringen in doppelter
Mission unterwegs: Andersgläubige in Deutschland zu vernichten und die
Bevölkerung gleichzeitig für einen neuen Kreuzzug in den Nahen Osten zu
gewinnen und dafür Kreuzfahrer anzuwerben. Konrad von Marburg wirkt dabei
entweder als dem Papst unmittelbar unterstellter Beauftragter oder als Franziskaner-Mönch
und damit als Angehöriger eines Ordens, den es erst seit dem Jahr 1210 gibt.
Genau lässt es sich nicht mehr ermitteln (9). Auf jeden Fall
spielt der Franziskaner-Orden eine entscheidende Rolle bei den
schicksalhaften Ereignissen in Deutschland im Allgemeinen und bei Elisabeth
im Speziellen. Diesen Orden lässt der Vatikan zusammen mit
dem Dominikaner-Orden (seit 1216) im Wesentlichen deshalb gründen, um die Menschen, die
von der tätigen Nächstenliebe der Urchristen z. B. in Südfrankreich begeistert
sind, in der Kirche zu halten. Den Dominikanern kommt dabei in erste
Linie das Aufspüren und die Ermordung Andersgläubiger zu (siehe dazu
www.steinadler-schwefelgeruch.de/buch/kapitel-1.html#Dominikaner),
während die Franziskaner sich mehr um die kirchliche Alternative kümmern sollen.
Dazu muss der Vatikan notgedrungen christliche Verhaltensweisen nachahmen lassen, um die Kontrolle über
die Menschen behalten zu können. Hierzu werden vor allem Franz von Assisi
und seine Anhänger mit ihren Idealen von Einfachheit und Naturverbundenheit
benutzt und teilweise auch missbraucht (2). Doch Franz
von Assisi und seine 11 Gefährten (eine Nachahmung der 12 Jünger) tragen für
den Missbrauch ihrer Ideale selbst einen großen Teil
der Verantwortung, da sie sich dem Papst unterworfen haben. Im Jahr 1208 kommt es in Rom dabei zu einer Art
Kuhhandel: Papst Innozenz III. gibt Franz und seinen Freunden den
päpstlichen Segen. Im Gegenzug verpflichten sich diese, Kleriker (also
Priester) zu wählen
und eine Hierarchie aufzubauen. Damit wird Jesus von Nazareth, der niemals
Kleriker und eine Hierarchie wollte und sich nie einem Papst unterworfen hätte,
auch von Franz von Assisi und seinen Anhängern
schmählich verraten. Die folgende Entwicklung ist dann für den Vatikan mehr oder weniger
Formsache: So wird z. B. im Jahr 1223 die "Gemeinschafts-Regel" der Franziskaner von
Papst Honorius III. anerkannt. Und später werden sogar fünf Franziskaner selbst
Päpste (Sixtus IV., Julius II., Sixtus V., Clemens XIV., Alexander V.).
Und auch der "heilige" (seit 1690) Johannes Capistranus (oder Capestranus
oder Capistrano) (1386-1456), "der
als erster die Ausrottung der Juden in Zentraleuropa propagierte"
(http://www.das-weisse-pferd.com/98_ex/kreuzzuege.html),
war ein berühmter Franziskaner-Prediger (3).
Während die Kirche die urchristlichen Katharer in Frankreich im 13.
Jahrhundert also
bestialisch ausrottet, schafft sie sich selbst mithilfe der
Franziskaner
einen Zweig, in dem sie einige urchristliche Ideale unter ihrer
Gewaltherrschaft vereinnahmt. Daran zeigt sich beispielhaft die vielfach
in der Geschichte bewährte
kirchliche Doppelstrategie: Menschen außerhalb
der Kirche vernichten und gleichzeitig das Beeindruckende in deren Leben in
die Kirche zu integrieren suchen. Mit dieser Doppelstrategie täuscht die
Kirche - seit ihren Anfängen als "frühkatholische Kirche" um das Jahr 100 bis
in die Gegenwart - immer wieder zahllose Menschen guten Willens, die z. B.
Jesus von Nazareth nachfolgen wollen und glauben, dass dies innerhalb der
Kirche möglich sei.
Die Scheiterhaufen beginnen zu lodern

Ein Kind klammert sich verzweifelt an seine Mutter, die von den Häschern der Kirche auf den Scheiterhaufen gezerrt wird
Der Vatikan ist von den Hetzpredigten von Konrad von Marburg hellauf begeistert. Papst Innozenz III. und später sein Nachfolger Gregor IX. verleihen dem mutmaßlichen Franziskaner (9) uneingeschränkte juristische Vollmachten für ganz Deutschland. Konrad von Marburg ist jetzt unmittelbar dem Papst unterstellt und kann an allen Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen und ihren Gerichten vorbei urteilen und richten. Er braucht sich also nicht um die dem Papst nachgeordnete Hierarchie zu kümmern. Er selbst darf nach eigenem Ermessen den päpstlichen Willen direkt vollziehen. Und Deutschland tritt auf diese Weise wieder einmal ein in eine seiner besonders dunklen Epochen. Es ist die Zeit um das Jahr 1224, als, erst unmerklich, aber bald stetig, in Deutschland die Scheiterhaufen zu lodern beginnen, die der Beauftragte des Vatikan in allen Orten, durch die er zieht, aufrichten lässt. Er beginnt seine "Wirksamkeit" im Elsass und zieht von dort zunächst rheinaufwärts bis Mainz und Köln. Sind Konrad und seine Helfer "gnädig", wird den Verdächtigen "nur" die Zunge abgeschnitten, oder sie werden zu lebenslanger Kerkerhaft unter grausamen Bedingungen verurteilt, was einem Todesurteil auf Raten gleichkommt. Die Kirche beginnt einmal mehr ein grausames Zerstörungswerk und stürzt Familien und Gemeinschaften, unzählige liebenswerte Menschen und ihre Verwandten und Freunde, in ein mit Worten nicht zu beschreibendes Elend. Das Land verwandelt sich nach und nach in ein Tränenmeer, und die Herren der Kirche triumphieren, und sie sprechen sich einmal mehr die "Machtvollkommenheit" (vgl. oben) zu.
Elisabeth, die Freundin der Armen
Elisabeth von Thüringen - Statue in
der Elisabethkirche in Marburg
(Ausschnitt)
Währenddessen wächst in Eisenach das Kind
Elisabeth allmählich zu einer sehr anmutigen und tatkräftigen jungen Frau
heran. Ihr Verlobter stirbt, als Elisabeth erst 12 Jahre alt ist. So wird
sie dessen Bruder versprochen. Und dieser tritt 1217 im Alter von 17 Jahren
die Herrschaft als Landgraf Ludwig IV. an. Vier Jahre später, im Jahr 1221,
kommt es zur Hochzeit mit Elisabeth. Elisabeth ist jetzt 14, ihr Mann Ludwig
21, und von der Ehe wird einigermaßen glaubhaft nur Positives berichtet. Sie
soll sehr glücklich gewesen sein und auch mit einem gewissen Esprit.
Allerdings zeigt sich bei Elisabeth auch bereits ein asketischer
katholischer Fanatismus, der ihr später zum
Verhängnis werden sollte. "Um dem ´sündigen Fleischestrieb` im
Ehebett zu entkommen, hat sie sich wiederholt nachts wecken lassen und in
einem ferner gelegenen Raum - damit der Ehemann nicht durch ihre Schreie
gestört würde - von ihren Mägden auspeitschen lassen"
(Der Philosoph
Joachim Kahl, Marburger Magazin Nr. 7/2007).
Doch möglicherweise übertriebene
sexuelle Wünsche ließen sich noch nie aus einem Menschen heraus peitschen,
sondern können allenfalls
allmählich "veredelt" und verfeinert werden, damit der Mensch innerlich
freier wird. Und umgekehrt: Das durch die Striemen der Peitsche Verdrängte
und Kasteite würde zu einem bestimmten Zeitpunkt nur desto heftiger hervorbrechen, worauf auch die
vielfach überlieferten und sogar sprichwörtlichen sexuellen Orgien in
Klöstern hindeuten.
Elisabeth fällt am Hof in Eisenach zudem durch ihre Demut auf. Diese
zeigt sich auch darin, dass sie z. B. ihre Landgräfinnen-Krone später auf
einem Altar ablegt. Und sie ist dabei, eine beim Volk sehr beliebte
"Landgräfin der Herzen" zu werden. So beschwert sie sich über die
Verschwendungssucht am Hof des Landgrafen und beginnt damit, bedürftige oder
schwer kranke Menschen mit Nahrung, Kleidung oder Geld zu unterstützen, wie
es z. B. auch die urchristlichen Katharer in Südfrankreich tun. Bereits als
14-jährige Landgräfin lässt sie ein erstes Hospiz bzw. Hospital für Arme in
Eisenach errichten, und es heißt über sie: Sie weiß die Speisen "königlichen
Gästen königlich vorzulegen. Aber mit noch größerem Vergnügen trug sie sie
auf den Hof und bewirtete persönlich die Hungernden. Sie freute sich, wenn
die für die Fürstentafel bereiteten Speisen ihren Gästen, reich wie arm, gut
schmeckten." Dabei ist ihr vor allem das Brot eine "köstliche Speise"
(Herbert Hahn, Elisabeth
von Thüringen, Dornach 1982, S. 30 f.),
weswegen sie heute auch als "Patronin der Bäcker" gilt. Zudem isst Elisabeth
nur von Speisen, "die von den rechtmäßigen Gütern ihres Gemahls oder ihren
eigenen Besitzungen stammten" (Karfunkel,
Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007)
und nicht von jenen, die man armen Untertanen abgepresst hatte.
Als eines Tages
Kaiser Friedrich II. die Wartburg besucht und die Tischgespräche der
Männer beginnen, bleibt sie lange schweigend. Dann fällt auch ihr etwas ein,
was sie beitragen könnte.
Sie spricht von einem "elenden" Kind, das sie jeden Morgen besucht. "Der
Gang führt durch ein reifendes Weizenfeld. Von diesem begann Elisabeth zu
erzählen. Und wie sie von ihren Halmen sprach, wurde das Herz ihr wieder
frei" (Hahn, a.a.O., S. 36). So soll sie, vergleichbar den Mystikern aller
Religionen, eine innige Verbindung zu
Menschen, Tieren und anderen Geschöpfen Gottes haben. All das bringt sie in
lebensgefährliche Nähe zu den urchristlichen "Ketzern".
Doch
das Unheil naht für sie auf etwas andere Weise. Im Jahr 1223 tauchen die ersten Franziskaner-Prediger in
Thüringen auf, die argwöhnisch darauf achten, dass alle Regungen der
Nächstenliebe unter der Oberherrschaft der Kirche zu geschehen hätten.
Elisabeth freut sich, wie sich offenbar auch die Kirche für Notleidende
einsetzt und begünstigt als Landgräfin nun die missionierenden Franziskaner. Rom und die
Massaker an den Urchristen in Südfrankreich scheinen weit weg. Doch weiß
Elisabeth
denn nichts von den planmäßigen Folterungen und Ermordungen, die ihre Günstlinge
in Frankreich durchführen? Und hat sie nichts von den
Hinrichtungen auf Veranlassung der Franziskaner, Dominikaner und anderer Kirchenmänner
gehört, die nun auch in Deutschland begonnen haben? Oder sieht sie bewusst weg? Oder unterstützt
sie umgekehrt
gar die Hinrichtungen? Denn viele der Opfer möchten sich ja nicht mehr der römisch-katholischen Kirche
unterwerfen - ganz anders als sie es bald tut. Doch ob ungewollt und
gezwungenermaßen oder ob aus indoktrinierter Überzeugung und freiwillig: Sie
steht auf Seiten der Inquisitoren. Und von nun an entwickelt sich auch Elisabeths
Schicksal zur Katastrophe.
Elisabeths Gehorsamsgelübde gegenüber dem Großinquisitor
Elisabeths Leben erfährt seinen schicksalhaften Einschnitt, als das thüringische Herrscherhaus (allen voran Elisabeths Gatte und dessen
Brüder) ausgerechnet den Beauftragten des "Heiligen Stuhls", Konrad von
Marburg, an den Hof nach Eisenach holt. Konrad ist der Kopf der kirchlichen Inquisition und der
Kreuzzugsbewegung. Und es scheint so, als hätte das thüringische Adelsgeschlecht dadurch
den Pakt mit dem Teufel geschlossen. Denn was nun geschieht, macht
hoffnungsvolle Ansätze für eine Blütezeit in Thüringen, die vielleicht
ähnlich wie diejenige im französischen Okzitanien hätte sein können, in
wenigen Jahren zunichte.
Etwa zeitgleich mit der Ankunft der
inquisitorischen Franziskaner wird Thüringen zunächst jedoch von Hunger, Pest und
Überschwemmungen heimgesucht; als ob die Naturgewalten den Menschen ein
Zeichen geben wollen, dass man die Tore des Landes nun für Elend und
Verderben geöffnet hatte. Während Elisabeth die Not im Land zu lindern
sucht, indem sie z. B. die gräflichen Kornkammern öffnen lässt, hat die
Kirche überwiegend anderes im Sinn: So
überredet Konrad von Marburg Elisabeths Mann, Landgraf Ludwig IV., zum Kreuzzug nach
Palästina aufzubrechen. Und als nächstes ist Elisabeth selbst im Visier der
Kirche. Ihr guter Wille, die
Bescheidenheit und Demut noch
besser zu erlernen, wird ihr nun zum Verhängnis. Sie glaubt nämlich, sie könne diese
Tugenden
besonders gut erlernen, wenn sie sich ausgerechnet den "strengen" Konrad
von Marburg als "Beichtvater" wählt.
Auch sind die von ihr anscheinend als großes Problem betrachteten
sexuellen Wünsche natürlich unterschwellig weiter wirksam, wodurch sie sich
also von den meisten Menschen nicht unterscheidet. Und offenbar aufgrund
ihres Alters wird Konrad jetzt nicht nur der Seelsorger, sondern auch der
Vormund für die jetzt 18-jährige Landgräfin - das letzte, was die reife junge Frau
gebraucht hätte. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Denn der kirchliche Bevollmächtigte über Leben und Tod,
der zahllose Menschen in Deutschland per päpstlicher und kaiserlicher Vollmacht
nur per Verdacht verbrennen lässt, ist bereit, noch massiver über das Leben
Elisabeths bestimmen zu können. Und Elisabeth, die eigentlich lernen wollte,
demütiger zu werden, obwohl sie es bereits mehr als andere war, geht in die
Falle. Im Beisein ihres Mannes Ludwig,
der bereits mit Kreuzzugsvorbereitungen beschäftigt ist, nimmt Konrad von
Marburg im Jahr 1226 Elisabeth das Gelübde ab, ihm, dem Mann der Kirche, zeitlebens
"Gehorsam" zu leisten; zudem gelobt Elisabeth "immerwährende
Keuschheit" für den Fall des Todes ihres Mannes; und weiterhin für
diesen Fall auch "unbedingten, durch nichts mehr eingeschränkten
Gehorsam" gegenüber ihm, Pater Konrad
(zit. nach
Wikipedia-Enzyklopädie; Stand: 23.12.2006;
dort ist auch ein ausführliches Literaturverzeichnis zu Elisabeth von
Thüringen aufgeführt; siehe
http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_Th%C3%BCringen).
Dazu ein Beispiel: Konrad von Marburg forderte Elisabeth einmal auf, "zu
einer seiner Predigten zu erscheinen, als Elisabeth überraschend Besuch von
der Markgräfin von Meißen erhielt. Als Elisabeth seinem Ruf nicht folgte,
kündigte Konrad seine Stellung als geistlicher Begleiter umgehend und nahm
sie erst wieder auf, nachdem Elisabeth sich ihm zu Füßen geworfen hatte, und
er die Gelegenheit erhielt, ihre Dienerinnen zu züchtigen [also zu schlagen], die er für ihr Nichterscheinen mit verantwortlich machte" (Karfunkel,
Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007).
Weder Elisabeth noch ihr Mann Ludwig getrauen sich,
dem "Seelsorger" und Inquisitor zu widersprechen, und sie binden sich
und ihr ganzes Leben an seine
Person und an seine schier grenzenlose Macht. Und Elisabeths ehrlicher Wunsch nach Demut wird in
der Folgezeit pervers missbraucht. Zudem lässt sich Konrad von
Marburg von Landgraf Ludwig IV. auch wesentliche
Regierungsvollmachten für die Zeit seiner Abwesenheit übertragen.
In diesem
Zusammenhang kann
man fragen: Hat Ludwig vielleicht geahnt, dass er nie zurück kehren
wird? Und hatte er dabei am Ende mehr Angst vor den Einschüchterungen der Kirche als
vor dem Tod? Im Ergebnis kann der "Sektenbeauftragte" des Vatikan
jetzt auch ohne adlige Herkunft nahezu unbeschränkt über Stadt und Land
herrschen. Und bald auch total über Ludwigs Frau.
Elisabeth und Landgraf Ludwig als Opfer ihrer Religion
Welche Macht die Kirche über die Seelen dieser Menschen hat, ist kaum in
Worten auszudrücken. Schon indem er Ludwig zum Kreuzzug missionierte, hat
Konrad
praktisch die Ehe und Familie mit drei
kleinen Kindern auseinander gerissen. Am 24.6.1227 ist
es dann auch im Äußeren so weit, nachdem Ludwig seine Teilnahme am Kreuzzug
zuvor noch drei Jahre hinaus gezögert hatte: Landgraf Ludwig bricht nun in kriegerischer Absicht
in Richtung Palästina auf. Für Elisabeth ist dies ein furchtbarer
Einschnitt in ihrem Leben. Der Dominikaner Dietrich von Apolda
berichtet in seinen Lebensbeschreibungen über Elisabeth (entstanden von 1289-1297), wie
die Landgräfin ihren Mann über die thüringischen Landesgrenzen hinaus
begleitet: "Als es Zeit zur Umkehr war, hielten ihre große Liebe und der
Abschiedsschmerz sie zurück und drängten sie, noch eine schwere Tagesreise
weiter zu folgen. Aber auch diese Zugabe genügte ihr nicht: Zur Trennung
unfähig, fügte sie nochmals eine volle Tagesreise hinzu" (zit. nach
Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007). Elisabeth
hat in ihrem Inneren wohl gewusst oder geahnt, dass der Abschied endgültig ist. "Die
Landgräfin kehrte zurück, weinend wie eine Witwe und [mit] Tränen auf den
Wangen. Sie zog ihre Freudengewänder aus und legte das Kleid der
Witwenschaft an."
Und um seine Bindung an die Kirche im Vorfeld des Krieges
noch mehr zu festigen, tritt ihr Mann Ludwig IV.
jetzt in den Deutschen Orden ein
- neben den
Johannitern bzw. Maltesern und den Templern einer der drei "großen" kirchlichen
Kreuzfahrerorden. Doch noch ehe der Ehemann Elisabeths einem Moslem den Hals durchschneiden kann,
ist er selbst tot. Er stirbt
bereits auf dem Weg nach Palästina am 11.9.1227, offenbar an einer Seuche.
Kurz nachdem er von Italien aus
auf See aufgebrochen war, erkrankt er schwer und wird deshalb im italienischen Otranto wieder an Land gebracht.
Einem Bericht zufolge hätte er dann dort in Gegenwart der erst 15-jährigen Kaiserin Isabella II.
"einen schedlichen tranc" zu sich genommen (zit. nach Hahn,
a.a.O., S.
40), der ihm den Rest gegeben haben soll (PS: Auch Kaiserin Isabella stirbt ca. ein Jahr
später bei der Geburt ihres Kindes). Als man Elisabeth die
Todesnachricht überbringt, bricht sie zusammen. Doch der eigene Tod hat Ludwig immerhin davor
bewahrt, ein vielfacher Mörder im Krieg zu werden, wie es seine kirchliche
Bestimmung hätte sein sollen. Seine Frau Elisabeth gehört seither aber
Konrad ganz allein, denn für den Fall von Ludwigs Tod hatte sie ja bereits
entsprechende vorsorgliche Gelübde abgelegt. Sie ist
dem vatikanischen Inquisitor nun grenzenlosen Gehorsam schuldig und damit total ausgeliefert. Und
Konrad verhält sich dabei auch als
Machtpolitiker, denn er hat sich diesen uneingeschränkten Macht-Status über
Elisabeth sogar vom Papst persönlich bestätigen
lassen. Offiziell gilt Konrad nun als vom Papst beauftragter "Defensor" von
Elisabeths Rechten gegenüber dem Hof von Eisenach. Dort herrscht nun als
Nachfolger ihres Mannes ihr Schwager Heinrich Raspe. Praktisch ist Elisabeth jedoch wie Konrads
Sklavin.
Von nun an hat Elisabeth von Thüringen noch vier Jahre zu leben - vier Jahre, in denen sie
für die römisch-katholische Kirche zur "Heiligen" wird. Doch während ihr
früheres Engagement für die Bedürftigen noch freiwillig war, handelt sie von
nun ab nur noch als willenloses Werkzeug des vatikanischen Beauftragten, der mehr und mehr seinen Sadismus an seinem Opfer
auslässt und der sie schließlich maßgeblich mit in den Tod treibt. Da sich Elisabeth in ihr
Schicksal fügt und sich nicht wehrt, erfüllt sie die kirchlichen Voraussetzung für die
spätere katholische "Heiligsprechung". Vermutlich hätte ihr jeglicher
versuchte Widerstand, jeder Versuch, aus diesem seelischen Gefängnis auszubrechen, ohnehin den
Scheiterhaufen gebracht. Denn sie hat ja gesehen, wie ihr Gebieter nur mit
Wimpernschlag Folter und Tod befehlen kann und davon auch tausendfach Gebrauch
macht. Elisabeth wäre dann noch etwas früher gestorben, hätte
sich aber nicht mehr als katholische "Heilige" geeignet. So aber dient sie bis heute als
Vorzeige-Frau der römisch-katholischen Kirche, ihrer Machthierarchie und
ihrem Zwangssystem, und sie gebraucht diese Macht hier und da auch selbst.
So schreiben ihre Dienerinnen: "Einmal forderte sie eine arme, alte Frau zur Beichte
auf. Als dies nichts nützte, und weil sie da lag, wie wenn sie schliefe,
keine Lust zum Beichten zeigte und die Ermahnung nicht achtete, züchtigte
die selige Elisabeth sie mit Ruten und brachte so die Widerwillige
schließlich doch zum Beichten" (Libellus [Büchlein über ihre
"Wunder"], zit. nach Karfunkel,
Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007). Doch wer andere dazu
nötigt, das zu tun, was man selbst für richtig hält, zeigt damit nur die
eigene Charakterschwäche und seelische Labilität. Wenn es also heißt,
dass sich Elisabeth zeitlebens für Arme und Bedürftige
"aufgeopfert" hätte, so sind doch ihre Motive vor allem in ihren späteren
Lebensjahren sehr fragwürdig (mehr dazu siehe später in den Kapiteln
Elisabeths Vermögen und Kraft im Dienst der
kirchlichen Strategie und Elisabeths Tod).
So tut sie dies als eine Frau, die dabei immer der Kirche stumm gehorcht
und die den freien Willen ihrer Mitmenschen zumindest nicht immer respektiert.
Insgesamt verhält sie sich so, wie sich die
Kirche eben auch noch im "Elisabethjahr" 2007 eine "heilige" Frau vorstellt.
Rückblickend auf Elisabeths Leben heißt es bei Wikipedia
(a.a.O.) über
Konrad von Marburg (Stand: 23.12.2006): "Sein seelsorgerliches Amt gegenüber der späteren
Heiligen übte er in grausamer Weise aus; er nahm ihr die Kinder weg ebenso
wie ihre Freundinnen, er ließ sie häufig auspeitschen und bespitzeln. Die
Gesundheit der jungen Frau war dem nicht lange gewachsen. Elisabeth starb
mit nur 24 Jahren."
Dabei hatte Elisabeth selbst die Voraussetzungen dafür mitgebracht, dass Konrad von
Marburg und die Kirche überhaupt diese totale Macht über ihr Leben gewinnen konnten.
Doch auch diese Voraussetzungen, vor allem eine gefährliche Neigung zur fanatischen Askese,
lassen sich auf den bis dahin erfolgten negativen Einfluss der Kirche auf ihr junges Leben
erklären. Und nach ihrem Gehorsamsgelübde gegenüber der Kirche hat Konrad diese problematische Haltung
Elisabeths weiter verstärkt. So hat er bei der jungen Frau fast bis
zum Psychopathischen auf die Spitze getrieben, was sich
in einem anderen Umfeld in eine
andere, glücklichere Richtung hätte entwickeln können. Und das
Resümee des Philosophen Joachim Kahl, Elisabeth
von Thüringen sei letztlich als "Opfer ihrer Religion" gestorben, erweist sich
von daher als
sehr nahe liegend, was auch die nachfolgenden Konkretisierungen belegen.
Denn worin besteht das Martyrium Elisabeths praktisch? Es wird berichtet, wie der
Beauftragte der Kirche die junge Frau "körperlich brutal disziplinierte"
(www.tempora-nostra.de/artikel/zeittafel/lexi_p.shtml)
oder
wie er sie "mehrfach blutig schlug" (www.rheindrache.de/heinrich.htm).
Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Hubertus Mynarek schreibt. Er
verlangte von ihr, "da sie ihm noch zu ungeistig erschien, sie solle sich
nackt ausziehen, damit er sie geißeln könne. Und er geißelte sie, bis das
Blut floss. Immer und immer wieder" (Die neue Inquisition,
Marktheidenfeld 1999, S. 46). Zudem spioniert er ihr nach und verordnet ihr qualvolle "Gebetsübungen" ohne Ende,
z. B. stundenlanges Knien auf einem harten Schemel. Zu den körperlichen
Schmerzen kommen die seelischen, und hier hat Konrad von Marburg mehrfach
Steigerungen veranlasst. So verlangt er von Elisabeth, ihre drei kleinen Kinder
Hermann, Sophie und Gertrud im
Stich zu lassen und stattdessen öffentlichkeitswirksam im Namen der Kirche
Aussätzigen und Armen zu helfen. Auch jeglichen Kontakt mit ihren
Freundinnen muss sie abbrechen. Unter dem
Lobgesang "ihrer" Franziskaner zieht sie im Spätherbst 1227 kurz
nach dem Tod ihres Mannes aus der Wartburg in Eisenach aus
und lässt die Mönche dabei ein "Te deum laudamus" (= "Wir loben
dich, Gott") singen. Heutigen kirchlichen Berichten zufolge hätte man sie angeblich
wegen ihrer Mildtätigkeit von dort "vertrieben", doch anderen
Überlegungen zufolge ist sie selbst auf Veranlassung bzw. Anordnung von Konrad
ausgezogen. Nachdem Konrad bei den Erbauseinandersetzungen mit der
Landgrafen-Familie ein erhebliches Vermögen "für Elisabeth" heraus geholt
hatte (man spricht von "beträchtlichen Witwengütern", über die Konrad
seither uneingeschränkt verfügen darf), könnte allerdings die Stimmung auf der
Wartburg auch nicht besonders freundlich gegenüber der jungen Witwe unter
kirchlicher Vormundschaft gewesen sein.
Wohin Elisabeth unter den Klängen
des lateinischen Gesangs zieht, ist nicht ganz klar, und womöglich wohnt sie
zumindest zeitweise mit Konrad zusammen. Praktisch ist der Auszug auf jeden
Fall ein erheblicher Einschnitt in ihrem Leben. Denn während das familiäre und
höfische Umfeld bis dahin ein gewisses Gegengewicht bzw. einen Ausgleich zum
kirchlich-asketischen Fanatismus bieten, ist Elisabeth von nun an auch im
alltäglichen Leben ganz in der Hand von Konrad und der Kirche.
Elisabeth wirft es jetzt aus der Bahn. Zeitweilig soll
sie in Eisenach sogar in einem Schweinestall gewohnt bzw. gehaust haben. Der Beauftragte des Papstes zieht
dabei seine Vormundschaft über sie weiter durch. So verbietet er ihr einerseits, etwas zu erbetteln,
während er andererseits ihr umfangreiches Vermögen hütet. Der
Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek schreibt über den Einfluss von Konrad auf
Elisabeth: "Furchtsamer hat er sie auf jeden Fall gemacht" (Die
neue Inquisition, a.a.O., S. 46). Und
der ehemalige Dekan des renommierten katholischen Corpus Christi College in
London, Peter de Rosa, zitiert in diesem Zusammenhang Elisabeth von Thüringens
eigene Worte über Konrad
von Marburg: "Wenn ich einen solchen Mann fürchte, wie muss dann Gott sein?"
(Peter de Rosa, Gottes erste Diener, Droemer-Knaur-Verlag,
München 1989, S. 227) Die
Gottesvergiftung der römisch-katholischen Kirche hat also jetzt auch von Elisabeth
voll Besitz ergriffen. Und die Kirche hat damit offenbar nicht nur dem Menschen Elisabeth
das Rückgrat gebrochen. Sie hat wohl auch ihren Glauben an einen liebenden
Gott zerstört.
Nachdem sich Elisabeth
einmal ein Herz
gefasst hat und zeitweilig zu ihren Verwandten Heinrich III. von Sayn und seiner Frau
Mechthild in den Westerwald in die Nähe von Koblenz reist, zieht Konrad seine stärkste
Trumpfkarte: Er verklagt Heinrich III. vermutlich zu Unrecht als "Ketzerfreund" und will ihn auf
diese Weise ausschalten und auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen. Doch gibt
es wirklich eine "Anschuldigung" gegen Heinrich? Oder duldet Konrad einfach
niemanden mehr in der Nähe "seiner" Elisabeth? Mit seinem Vorgehen leitet er
allerdings sein eigenes Ende ein,
wie sich bald erweisen wird.
Elisabeth unterwirft sich ganz der Kirche
Die Nachstellungen Konrads gegenüber Elisabeth entbehren wahrscheinlich
jeder Grundlage. Denn Elisabeth verfällt ihm offenbar in Hörigkeit.
Und in einer monströsen Sitzung in der Eisenacher Franziskanerkirche macht
die junge Landgräfin jetzt einen weiteren Schritt in Richtung Elend. Sie entsagt dort im Jahr 1228
allem weltlichen Besitz (über den sowieso Konrad verfügt), nochmals ihren drei Kindern und,
als Höhepunkt, ihrem eigenen Willen. Fortan will sie nur noch "Gott" zu Willen leben. Praktisch unterwirft sie sich jedoch nicht Gott, sondern
- im Gegensatz zum Glauben an einen gütigen Gott - Konrad und der römisch-katholischen Kirche. Sie gilt
als dreifache Mutter für die Kirche jetzt als "Terziarin" (bzw. Tertiarin), als Angehörige
eines so genannten "Dritten Ordens" neben den ausschließlich zölibatären Männerorden ("Erster
Orden") und den ausschließlich zölibatären Frauenorden ("Zweiter Orden") (vgl.
http://de.wikipedia.org/wiki/Dritter_Orden). Die Vorgeschichte
dieser bald lebensgefährlichen Zuspitzung der Situation kann man nur
erahnen: Wahrscheinlich ist es ihr schwer gefallen, sich nicht mehr um ihre
kleinen Kinder zu kümmern, deren Erziehung die Kirche dafür direkt
übernimmt. Z. B. kommt ihre Tochter Gertrud (sie trägt denselben Namen wie
Elisabeths Mutter) als Zweijährige in ein Kloster und wird dort zur Nonne
heran gezogen. Oder Elisabeth muss einzelne eigene Willensregungen beichten.
So wären es für sie ja "Versuchungen", wenn sie der Kirche und ihrem
Gebieter nicht komplett untertan sein wollte, wie sie es geschworen hat.
Hinzu kommen wohl die bei fast allen Menschen auftretenden sexuellen
"Anfechtungen". Nach kirchlichen Berichten hätte ausgerechnet Konrad von
Marburg den Zölibat gehalten und sich damit von zahllosen seiner sexuell
aktiven Priester-Kollegen unterschieden. Denkbar ist das zwar schon, so dass
sein Treiben und, parallel dazu, sein tausendfaches Morden an
Andersgläubigen, dann auch als Ausgeburt einer extrem kasteiten Sexualität
verstehbar wäre. Doch wer kann schon sagen, wie sich der Kirchenmann
verhält, wenn ihn niemand beobachtet? So ist es genauso denkbar, dass es -
mit oder ohne Elisabeth - zu sexuellen Handlungen kommt. In diesem
Zusammenhang gibt es - allgemein gesprochen - auch viele Erfahrungsberichte,
wie sich massiv aufgestautes Drängen wie durch ein Ventil entlädt. Oder es
kommt hier in der konkreten Situation zumindest zu sexuellen Erregungen,
während der Beauftragte des Vatikans auf Elisabeth einschlägt und
seine Augen dabei ja auf ihren schönen nackten Körper richtet.
Dies ist in vielen sado-masochistischen Beziehungen so belegt (vgl. dazu auch (5)).
Vielleicht wurde die kasteite Sexualität aber auch, wie eingangs erwogen,
durch Brutalität in Schach gehalten. Psychologische Gutachten über Gewaltverbrecher
legen z. B. dar, wie Täter durch rohe Gewalt z. B. ihr feindliches
und zerstörerisches Verhältnis
gegenüber dem eigenen Körper zu kompensieren versuchen. In der
Internet-Enzyklopädie Wikipedia (a.a.O.) heißt es über Konrad von Marburg: "Heute, würden
derartige Taten bekannt, sprächen psychologische Gutachter von Sadismus und
Gefühlsroheit sowie Machtbesessenheit und Missbrauch" (Stand: 23.12.2006).
Diejenige, die einen großen Teil von dem weiß, was wirklich passierte, ist Elisabeth selbst.
Doch ihre zeitnahe "Biografie"
wird damals - wie könnte es jetzt anders sein - natürlich von ihrem Peiniger Konrad geschrieben.
Bereits im Jahr 1232, ein Jahr nach Elisabeths Tod, erscheint seine
Lebensbeschreibung Summa
vitae. Und Konrad hat natürlich nur das
veröffentlicht, was seiner Sichtweise
und seinen Absichten entspricht. Die Summa vitae gilt deshalb sogar in
kirchenfreundlichen Publikationen als
"zweckorientiertes Dokument", dessen ausschließliches Ziel es ist, "der
Kanonisation [= Heiligsprechung] der verehrten Landgräfin zu dienen"
(Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007).
Im Hinblick auf Sadismus, Folter und Inquisition kann vielleicht auch ein Satz des bekannten Schauspielers Peter Ustinov
weiterhelfen, der einmal über den Hass sagte: "Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass der
Hass auf andere Menschen Selbsthass ist, getarnter Selbsthass" (zit. nach
Horst Eberhard Richter, Folter und Humanität, siehe
unten).
Noch einmal versucht ihre Familie, Elisabeths Schicksal zu wenden und
greift ein. Verwandte holen sie im Jahr 1228 aus Thüringen heraus und bringen sie nach
Schloss Pottenstein in Oberfranken. Die Tragödie hätte dort eine fast märchenhafte Wendung nehmen
können. Denn ausgerechnet der - wie sie - mittlerweile verwitwete Kaiser
Friedrich II. von Hohenstaufen hat ein Auge auf die trotz der
Selbstquälereien
weiterhin schöne und
anmutige Frau geworfen. Und der Kaiser geht nun aufs Ganze und macht Elisabeth
einen Heiratsantrag. Es wird vermutet, dass
Friedrich II. sich bereits bei einem früheren Besuch auf der Wartburg in Elisabeth verliebt hatte
(siehe oben). Doch beide waren zu diesem
Zeitpunkt gebunden.
Nun sind beide verwitwet.
Doch alles gute Zureden der Verwandten an Elisabeth, den
Heiratsantrag anzunehmen und deutsche Kaiserin zu werden, nützt nichts.
Elisabeth fühlt sich an Konrad, an die römisch-katholische Kirche und an ihre monströsen Gelübde gebunden.
Auf diese Weise hat Elisabeth wahrscheinlich eine historische Chance für das ganze
Land nicht genutzt. Denn beide, Friedrich und Elisabeth, hätten wohl gemeinsam die
Stärke gehabt, die todbringende Macht der Kirche über Deutschland auf längere
Sicht zurück zu drängen und den unter dem Vatikan leidenden Menschen ein
großes Stück Freiheit zu bringen. Denn Kaiser Friedrich
II. ist alles andere als ein
Freund der Kirche. Er wird von Papst Gregor IX. im Jahr 1227 sogar offiziell gebannt (was er
übersteht) und im Jahr 1239
gar als "Antichrist" beschimpft - eine für die Kirche typische
Projektion eigener Wesensmerkmale auf andere. Der Hintergrund: Friedrich hatte zuvor einige
Kreuzfahrer gefangen nehmen lassen. Und der "Heilige Stuhl" in Rom betrachtet
es zudem als Hochverrat, dass Friedrich lieber mit den Moslems
verhandelt statt sie niederzumetzeln. Doch der Kaiser vertieft sich sogar in die
moslemische Kultur und Wissenschaft, lernt die arabische Sprache und
erhält wegen seines Engagements gar den Beinamen "der Sarazene". Darüber hinaus verfügt Friedrich auch über ein
modern wirkendes "hoch entwickeltes Individualitätsbewusstsein" (Wikipedia,
a.a.O.,
Stand: 23.12.2006), und selbst vom Bann des Papstes und der Kirche lässt er
sich nicht einschüchtern.
Doch eben dieser Kaiser
Friedrich II. versucht, seine kirchenkritische Haltung wenigstens
dadurch zu kompensieren, dass er den "Stuhl Petri" bei der Inquisition
unterstützt. So zählt ausgerechnet, er, der Kaiser, auch als größter Fürsprecher von Konrad von
Marburg, und er überzieht - zusammen mit der Kirche - Deutschland nun immer
engmaschiger mit dem finsteren Netz der Inquisition
(mehr dazu siehe
www.steinadler-schwefelgeruch.de/buch/kapitel-1.html#Friedrich_II).
Dieses Verhalten kann auch damit erklärt werden, dass er sich vom Papst
womöglich die Kaiserkrone
dadurch "erkauft" habe, dass er sich zur Verfolgung religiöser
Minderheiten verpflichtete. So war er genauso ins Netz der Kirche
verstrickt wie Elisabeth. In dieser Situation hätte
es eine große gemeinsame Aufgabe von Friedrich und Elisabeth sein können, ihre
jeweilige Gefangenschaft und ihre Fesseln gegenüber der Kirche zum Wohle von Tausenden von Menschen zu lösen. Doch anstatt damit zu
beginnen, das
mittelalterliche Deutschland aus der totalitären Gewaltherrschaft der
römisch-katholischen Priesterkaste heraus zu führen, bleiben beide doch im
Spinnennetz des Vatikan und seiner politischen Macht sowie seiner Macht über
die Seelen von Menschen hängen. Eine mögliche Blütezeit für Deutschland
wird vertan.
Nach langwierigen Kleinkriegen mit dem Vatikan stirbt der Kaiser im Jahr 1250, wie Elisabeths Mann Ludwig, an einer Seuche.
Bis dahin standen wenigstens die Muslime in Europa und ihre Gelehrten noch
unter dem kaiserlichen Schutz. Doch nach Friedrichs von der Kirche herbei
gesehntem Tod schürt diese auch wieder
verstärkt den Hass gegen die Moslems. Gleichzeitig lässt man aber alle
wissenschaftlichen Werke aus dem islamischen Kulturkreis (wo man damals viel
weiter fortgeschritten war als in Europa), derer man habhaft werden konnte, abschreiben.
Man unterschlägt jedoch deren Herkunft und schreibt sich selber die
Erkenntnisse zu - eine Lüge mehr in einer schier unendlichen Kette der
kirchlichen Geschichtslügen.
Elisabeths Vermögen
und ihre Kraft
im Dienste der kirchlichen Strategie
Und wie ist Elisabeths Leben weiter gegangen? Vielleicht hat es zu ihrer
Ablehnung des kaiserlichen Heiratsantrags beigetragen, dass gerade zu dieser
Zeit die Leiche ihres Mannes aus seinem italienischen Grab geholt und in
Richtung Thüringen überführt wird. Dadurch hat Elisabeth einen Grund,
ihren Aufenthalt in Schloss Pottenstein in Franken zu beenden und nach Thüringen zurück
zu reisen. Denn dort würden noch einmal Beisetzungsfeierlichkeiten für
Ludwig IV. organisiert. Und so kommt es fast zwangsläufig dazu, dass sie nach diesen
Feiern wieder in der unmittelbaren Gewalt von Konrad ist. Dieser zieht jetzt Elisabeth mit
zu sich nach Marburg und richtet dort von ihrem Geld ein Hospiz für arme und
pflegebedürftige Menschen ein, in dem Elisabeth auf seine Weisung hin selbst als
Pflegerin arbeiten "darf". Elisabeths Vermögen, das Konrad aus dem
thüringischen Hof heraus löste, wird also jetzt ganz im Sinne der kirchlichen
Strategie
verwendet. Denn um der praktizierten Nächstenliebe der von ihr verfolgten
Urchristen etwas entgegen zu setzen, tut die Kirche, wie
oben bereits dargelegt, zweierlei: Zum einen die "Ketzer"
töten und möglichen Erben die finanziellen Mittel und damit auch die Hilfsmöglichkeiten entziehen.
Und zum anderen etwas Ähnliches wie die von ihr Verfolgten, nämlich sich um
Arme kümmern. Und die
Kirche tut es in einer für sie
über Jahrhunderte typischen Weise: Sie verwendet für "ihr" Tun nicht ihr
eigenes Geld. Denn während sie selbst ein Vermögen
aufhäuft, bezahlt sie bis heute ihre "Wohltaten" vor allem mit dem Geld anderer
(4).
So ist es auch im 13. Jahrhundert.
Das von Elisabeths Vermögen errichtete Hospital in Marburg ist ein Grundstein für ein Sozialwesen in
der Stadt,
das später dem katholischen Kreuzzugsorden "Deutscher Orden" übereignet wird. Hier verlebt Elisabeth, die allmählich zum Mythos wird, ihre letzte
Lebenszeit, bis sie zusammenbricht und stirbt. Womöglich hat sie die Not
leidenden Menschen nicht nur auf Befehl, sondern auch aus ihrem Inneren
heraus gepflegt, da ihr die Linderung von Not bereits ein
Anliegen war, bevor sie unter die komplette Vormundschaft der Kirche geriet. Durch
ihre Unterwerfung unter Konrad und die Franziskaner wird sie mit ihren positiven
Eigenschaften jedoch zu einem idealen "Feigenblatt" für die inquisitorische
Kirche (siehe dazu unten die
Stellungnahme des Psychoanalytikers Horst Eberhard Richter).
Allerdings wird ihr pflegerisches Tun und
seine Motivation im
Elisabeth-Jahr auch
hinterfragt. "Elisabeth küsste Wunden von Aussätzigen und riskierte
damit bewusst eine Ansteckung", schreibt z. B. der Philosoph Dr. Joachim Kahl
(zit. nach Oberhessische Presse, 17.2.2007). Und auf die Frage nach dem
Warum spricht der Philosoph vom "Heilsegoismus" Elisabeths, einer religiösen
Variante des in der heutigen Psychologie bekannten "Helfer-Syndroms", einem
letztlich egoistischen "Helfen", das nicht aus freier Selbst- und
Nächstenliebe, sondern aufgrund eigener Probleme erfolgt. Denn "welchen
medizinisch-therapeutischen hilfreichen Zweck soll das [Küssen von
infektiösen Wunden] haben? Keinen. Es dient nur ihrer eigenen, exaltierten,
irregeleiteten Religiosität", um ihren eigenen "Weg zum Herrn im Himmel" zu
"beschleunigen" (Joachim Kahl, zit. nach Marburger Magazin, Nr. 7/2007). Was
letztlich genau zugrunde liegt, kann man als Außenstehender natürlich nicht wissen.
Doch Dr. Kahl trifft wohl mehrere wunde Punkte. Und dies trifft auch zu,
wenn er schreibt: "Was hätte sie ... noch
zugunsten der Leidenden tun können, wenn sie Nächstenliebe mit Sinn und
Verstand praktiziert hätte! Und sich auch selbst geliebt hätte".
Aber "Nächstenliebe mit Sinn und Verstand" - "das gab es bei Elisabeth
nicht" (zit. nach Oberhessische Presse, 17.2.2007). Denn sie
ließ eben nicht "Sinn und Verstand" zum Zuge kommen, sondern lebte als
Gefangene unter dem Diktat der Kirche. Deshalb kann ihr als "positiv"
dargestelltes Tun im Elisabeth-Jahr 2007 von der Kirche ja auch so massiv vereinnahmt
werden.
Mittlerweile hat Konrad von Marburg deutschlandweit Berühmtheit als unerbittlicher Inquisitor erlangt, und Elisabeth muss gesehen haben, welchem furchtbaren Mordbrenner sie sich unterworfen hat. Doch Papst Gregor IX. sieht das natürlich anders. Für ihn ist Konrad der "Brautführer der Kirche" und der "Diener des Lichts". So schreibt der Papst ca. fünf Wochen vor Elisabeths Tod am 11.10.1231 an Konrad nach Marburg: "Du kämpfest mit all deiner Kraft gegen die [ketzerische] Schlechtigkeit so erfolgreich, dass zahlreiche Ketzer durch dich vom Acker des Herrn ausgerottet worden sind" (zit. nach Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 7, Reinbek 2002, S. 256). Damit Konrad sich in Zukunft nicht mehr mit langwierigen "Untersuchungen" abgeben muss, darf er von nun an ohne jegliche Prüfung der jeweiligen Anschuldigungen sofort auf Verdacht hinrichten. Und allen seinen Helfern wird vom Vatikan der Erlass von Kirchenstrafen versprochen. Wer als Inquisitionshelfer bzw. Denunziant ums Leben komme, würde von nun an sofort und ohne Fegefeuer ins himmlische Paradies einziehen. In den Annales Colonienses maximi heißt es, es geht von nun an durch Konrad "eine ungezählte Zahl von Menschen ... zugrunde", und bei den betroffenen Städten werden u. a. auch Erfurt und Marburg genannt - also grausame Hinrichtungen Unschuldiger unmittelbar vor den Augen Elisabeths, die aber der Überlieferung zufolge auf dieses Elend nicht reagiert. Womöglich fiebert die junge Frau, die in dieser Zeit einflussreiche Kaiserin hätte sein können, schon ihrem eigenen Tod entgegen. Die Zeiten werden dabei immer finsterer. Die Sächsische Weltchronik bemerkt jetzt "in dutschen Landen vil Keczerie ... darumme ward an deme Rine von Meister Conrade von Marpurg des Predigers wegen vil Ketzere gebrant." Und Konrads Gehilfe, der Dominikaner Bruder Konrad Dorso hat "wol dusend gebrant" (zit. nach Deschner, a.a.O., Seite 256 f.). Als dritter im Bunde der führenden Inquisitoren gesellte sich ein fanatischer Kirchenhelfer im Laienstand (also kein Priester) namens Johannes dazu, der nur noch einen Arm und ein Auge hatte - markanter könnten die "Rollen" auch in einem apokalyptischen Kino-Epos (wie z. B. Der Herr der Ringe oder Star Wars) nicht verteilt sein. Und die Annales Colonienses schreiben weiter über die drei Haupt-Inquisitoren, Pater Konrad von Marburg, den Dominikanerpater Konrad Dorso und über Johannes "den Einäugigen": "Sie ließen in den Städten und Dörfern verhaften, wen sie nur wollten". Und die weltlichen Richter sind gezwungen, die Verdächtigen noch am selben Tage hinzurichten, auch wenn die Opfer noch in den Flammen ihren reinen römisch-katholischen Glauben unter grässlichen Qualen heraus schreien. Dabei verkehren die Inquisitoren das Jesuswort "So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte" (Lukas 15, 7) in: "Es sei besser, dass von hundert Angezeigten neunundneunzig unschuldig sterben, wenn dabei nur ein einziger Ketzer getroffen werde" (Annales colonienses, max., I., S. 2, zit. nach www.bendorf-geschichte.de/bdf-0075.htm). Was hier in Deutschland einmal mehr passiert, zeigt drastisch auf, wohin das Wirken der Kirche führt bzw. führen kann, wenn diesem freier Lauf gelassen wird. Und die mahnenden Worte des deutschen Philosophen Karl Jaspers sollte sich heute eigentlich jeder Politiker zu Herzen nehmen. Demnach steht der "biblisch fundierte Ausschließlichkeitsanspruch" der Kirchen nach wie vor "ständig auf dem Sprung, von neuem die Scheiterhaufen für Ketzer zu entflammen" (Der philosophische Glaube, 9. Auflage, München 1988, S. 73). Und es sind damals eben nicht nur aus katholischer Sicht die "Ketzer", die zu Opfern der Kirche werden, sondern man verbrennt viele überzeugte, aber wenig einflussreiche Katholiken "sicherheitshalber" gleich mit.
Karlheinz Deschner schreibt in der Kriminalgeschichte des Christentums: "Gregor [der Papst] gestattete ´Ketzern` keine Berufung. Anwälte, Notare, die ihnen beistanden, verloren, so befahl er, ´für immer ihr Amt`. Ja, sie gerieten in Gefahr, gleichfalls verbrannt zu werden; ebenso ´Ketzer`, die sich weigerten, Mitschuldige zu nennen. Sie verklagten Leute, ´ohne sie verklagen zu wollen; Dinge aussagend, von denen sie nichts wussten. Auch wagte es niemand, für jemand, der verklagt war, Fürsprache zu erheben oder auch nur Milderungsgründe vorzubringen, denn dann wurde er als Verteidiger der Ketzer betrachtet, und für diese und die Hehler der Ketzer waren vom Papste die gleichen Strafen wie für die Ketzer selbst bestimmt. Hatte jemand der Sekte abgeschworen und wurde rückfällig, so wurde er, ohne noch einmal widerrufen zu können, verbrannt.` (Gesta Treverorum) - bald ein allgemeiner Grundsatz" (a.a.O., S. 257). Konrad von Marburg badet förmlich im Blut seiner Opfer, und die Kirche triumphiert und erlebt in Deutschland einen neuen grausigen Höhepunkt ihrer Macht.
In dieser Situation hält Elisabeth der Kirche die Treue, oder anderweitige
Äußerungen von ihr werden von ihrem Gebieter Konrad von Marburg verschwiegen.
Oder sie wird dafür zur Buße gezwungen, was durchaus denkbar ist. Elisabeth von Thüringen
hatte ja ihren eigenen Willen und ihr eigenes natürliches Empfinden der Kirche
geopfert, und sie pflegt in Marburg nun "rechtgläubige" Bedürftige, von denen sie
deswegen zunehmend verehrt wird. Dabei hat sie große Mühe, ihren eigenen
Alltag konzentriert zu regeln, und sie kann - ihren Dienerinnen zufolge, die sie
auch in Marburg noch teilweise hatte, - weder kochen noch nähen. So berichten diese
z. B. in ihrer
Lebensbeschreibung über Elisabeth: "Diese an sich erbärmliche Speise, die sie wegen ihres
Betens [auch noch] unaufmerksam zubereitete, schmeckte dann auch noch
angebrannt." Oder: "Da geschah es dann manchmal, dass sie bei der Arbeit
ihrer Hände in Gebet oder Beschauung versunken mit Augen und Herz mehr dem
Himmel zugewandt war und eine Flamme oder ein Funke ihre armseligen Kleider
ergriff, große Löcher hinein brannte und sie verdarb" (Libellus
[Büchlein über ihre "Wunder"], zit. nach Karfunkel, Zeitschrift
für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007). Da es
jedoch anders lautende Berichte aus ihrer Zeit auf der Wartburg gibt,
wonach sie neben dem Nähen auch anderweitig handwerklich tätig war, wird
hier vermutlich ihr zunehmender innerer und äußerer Verfall in Marburg geschildert. Elisabeth hatte
offenbar bereits auf der Wartburg psychische Probleme, die sich dann gegen
Ende ihres kurzen Lebens mehr und mehr bis zum religiösen Wahn und zu
Umnachtungs-Zuständen hin steigerten. Und vermutlich hatte sie sich
in Marburg auch schon länger innerlich
aus dem Leben verabschiedet, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis
sie früh stirbt, was dann auch tatsächlich geschieht. So kann z. B. ihr
medizinisch extrem fahrlässiges Küssen von ansteckenden offenen Wunden (siehe
oben) auch als eigene Todessehnsucht gedeutet werden oder gar als
versteckter Selbstmordversuch bzw. als "Fluchtversuch" in die jenseitige
Welt. Denn in ihrer leidenden Seele haben sich, gleich einem Tumor, die von der Kirche indoktrinierten
Vorstellungen ausgebreitet, im Jenseits wäre sie ihre irdischen Schwierigkeiten
los, und dort würde sie glücklich sein - ein wohl
verhängnisvoller Trugschluss. (Gemäß dem geistigen Wissen in vielen
Religionen nimmt man alle seine Probleme mit; vgl. auch
Der Theologe Nr. 2 zum Thema Reinkarnation.)
Zunächst wird noch berichtet,
dass Elisabeth durch ihre Fürsorge ein stummes Kind zum Sprechen gebracht habe
(Hahn, a.a.O., S. 49). Sie selber wählt jedoch genau den entgegen
gesetzten Weg und verstummt mehr und mehr. Es scheint tatsächlich fast wie
ein Selbstmord auf Raten, womöglich aus der tiefen Verzweiflung in ihrer
Seele über ihr von der Kirche missbrauchtes und gefangenes Leben. Dies wird
von den kirchlich Verantwortlichen im Elisabeth-Gedenkjahr natürlich
bestritten. Demnach hätte sie sich "nur" überarbeitet und ihre Gesundheit
nicht geschont. Doch selbst für diesen Fall wäre zu bedenken: Sie hat ihr
Arbeitspensum ja nicht selbst festgelegt, sondern es wird für sie durch Konrad
von Marburg so angeordnet bzw. von ihm kontrolliert. Ihr ganzes Tun wird ihr spätestens seit 1228 von der
Kirche geboten - bei direkter oder indirekter Androhung von diesseitigem
Scheiterhaufen und jenseitiger "ewiger Verdammnis" (vgl. dazu
"Der Theologe Nr. 19": Es
gibt keine ewige Verdammnis). Es gibt jedoch auch die
kirchenfreundliche Sichtweise, dass Konrad umgekehrt versucht hätte, den Fanatismus
von Elisabeth zu bremsen und "sie zur Mäßigung anzuhalten" (Karfunkel,
Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007). Demnach hätte
Elisabeth ihre wahnhaften katholischen Vorstellungen verinnerlicht, und
Konrad hätte diese in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken versucht. Unumstritten ist
jedoch, dass Konrad Elisabeth kurz vor ihrem Tod noch alle Freundinnen entzog. Und
das ist selbst für die fanatische Landgräfin zu viel: "Mit ihren Freundinnen
traf sie sich heimlich. Schließlich hielt sie der Fülle der Belastungen
jedoch nicht mehr stand" (Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare
Geschichte, Nr. 70/2007).
Elisabeth wird nun ernsthaft krank und steht nicht mehr auf. Zwölf Tage spricht sie
in dieser Situation kein
einziges Wort mehr, ist jetzt also völlig stumm; als ob sie darauf wartet, nicht
mehr einatmen zu müssen. Kurz vor ihrem Tod soll dann im Geist
eine Gestalt an ihr Bett getreten sein, und Elisabeth richtet sich noch
einmal auf und ruft ihr zu: "Flieh, flieh!"
(Herbert Hahn, Elisabeth von Thüringen, Dornach 1982) Wer diese Gestalt
für Elisabeth ist und was die Landgräfin ihr genau mitteilen will,
ist nicht bekannt. So läuft
beim Sterben oft das bisherige Leben wie
in einem Film zurück, und der Sterbende kann noch einmal für
sich wägen, was er in seinem Leben richtig und was er falsch gemacht hat. Auch
gewinnt er manchmal schon einen Einblick in das, was ihn im Jenseits als
nächstes erwartet. So sieht er unter Umständen Verstorbene, die ihm aus der anderen Welt entgegen kommen.
Die Gestalt könnte deshalb ihr im Vorfeld des Kreuzzugs ums Leben gekommene Mann Ludwig
gewesen sein. Denkbar wäre aber auch, dass Elisabeth in einer Vision schon das
tödliche Attentat auf Konrad von Marburg voraus sieht (siehe
unten), und sie würde ihn dann vielleicht mit
ihrem Rufen warnen wollen (5).
Denn im Jenseits lösen sich auch diesseitige Begrenzungen von Zeit und
Raum auf. In diesem Fall wäre sie auch im Sterben noch dem
katholischen Großinquisitor und seiner Schreckensherrschaft treu ergeben.
Denkbar ist natürlich auch, dass sie in dieser Vision den in sie verliebten
Kaiser Friedrich warnen will, aus den Fängen der Kirche zu "fliehen".
Letztlich bleibt die Deutung Spekulation. Man weiß nicht, was in ihrem
Unterbewusstsein und in ihrer Seele vorging.
Am 17.11.1231 ist Elisabeth von Thüringen dann tot und fünf Jahre später
"heilig".
Das entspricht dem Wesen der
Kirche: Denn wer an ihr zerbricht, ohne sich jedoch gegen sie zu erheben,
dem kann es passieren, von ihr später völlig vereinnahmt zu werden:
als
"Heiliger"
oder "Heilige".
Und Elisabeth bleibt ein gehorsames und zuletzt ganz verstummtes "Kind"
der aufs Ganze gesehen wohl brutalsten Machtorganisation der Weltgeschichte
(siehe
Zitat oben). Doch wenn der Mensch
sich nicht wehrt bzw. sich noch nicht wehrt, fangen vielleicht irgendwann die
Steine an zu schreien.
Gleich nachdem Elisabeths Leiche aufgebahrt wird, fällt der
nach Reliquien gierige katholische Mob über sie her. Es werden Stücke der Tücher
abgerissen, mit denen ihr Körper bedeckt ist. Andere Katholiken reißen ihr Haare aus
oder schneiden sie ab, und wieder
andere schneiden ihr sogar die Brustwarzen und einen Finger
ab. Und Konrad
von Marburg setzt sofort alle Hebel für die "Heiligsprechung" in Bewegung
- was zur Folge hat, dass Marburg bald zum Wallfahrtsort wird. Die Sozialeinrichtungen werden dank
weiterer Unterstützung von Elisabeths Schwager und jetzigem Thüringer Landgrafen
Heinrich Raspe erweitert
und bald dem Deutschen Orden geschenkt (6). Ein "Wunder" nach dem anderen wird jetzt an
Elisabeths Grab berichtet, und neben zahllosen Krankenheilungen soll die
Verstorbene auch acht Totenerweckungen vollbracht haben. Die Legenden blühen. Im Jahr 1235 wird zudem mit dem Bau der mächtigen Elisabethkirche begonnen,
die im Jahr 1283 als erster oder - neben der Liebfrauenkirche in Trier
- zweiter gotischer Kirchenbau in Deutschland fertig
gestellt wird.
Für einen skurrilen Höhepunkt des Andenkens an Elisabeth sorgt
Kaiser Friedrich II., der verschmähte Liebhaber, der Elisabeth gerne zur
Ehefrau und Kaiserin gemacht hätte. Im Jahr 1236
lässt er ihr Skelett auf dem Altar der neuen Elisabethkirche ablegen. Dann lässt er ihren Totenschädel vom
übrigen Körper abtrennen. Nachdem sich die lebende Elisabeth nicht neben ihn
gelegt hatte, nimmt er dafür jetzt ihren Schädel in Besitz. Er legt ihr
Haupt anschließend auf einen wertvollen Becher und
setzt dem Schädel Elisabeths eigenhändig eine von ihm gestiftete Kaiserinnen-Krone auf.
Diese
makabre und zugleich rührige Inszenierung ist auf ihre Weise zumindest ehrlich.
Gegenüber dem Geheuchel der Kirche zeigt der Kaiser hier
noch einmal seine innigen Gefühle gegenüber Elisabeth und betrauert
damit seinen
gescheiterten Lebenstraum einer Ehe mit ihr und einem gemeinsamen Leben als
Kaiser und Kaiserin. So führt dieses gespenstische Szenario auch drastisch vor Augen: Es hätte sein können,
wenn Elisabeth gewollt hätte, doch diese Vision des Kaisers
ist jetzt endgültig
gescheitert. Elisabeth hatte es nicht
gewollt. Ungeklärt bleibt dabei die Frage, ob die Gefühle
nicht vielleicht doch beidseitig waren und Elisabeth sie nur nicht zugegeben
hat. Und ungeklärt bleibt auch die kühne Spekulation, ob Friedrich II. beim Tod beider
Ehepartner (von Landgraf Ludwig und Kaiserin Isabella) vielleicht ein wenig
nachgeholfen haben könnte (siehe oben).
Gegen eine Verbindung von Friedrich und Elisabeth standen auf jeden Fall
die Gelübde von Elisabeth von
Thüringen, deren Bruch evtl. dazu geführt hätte,
dass Konrad die Kaiserin dann zum Tode verurteilt und sie auf diese Weise wieder in
seine Gewalt zu bekommen versucht. Maßgeblich waren aber vermutlich auch Elisabeths gefühlsmäßige Bindungen
an ihren "Beichtvater" Konrad, so dass die Gelübde in diesem Fall auch ein
Spiegelbild ihrer inneren Abhängigkeit von Konrad und von
der Kirche wären (vgl. (5)).
Und ob es Friedrich und Elisabeth
als Kaiserpaar wirklich zusammen geschafft
hätten, die totalitäre Schreckensherrschaft der Kirche in Deutschland
wenigstens einzudämmen, bleibt letztlich eine These. Denn offenbar tat
Elisabeth nichts Nachweisliches, um wenigstens in ihrem Umfeld die Menschen vor den
kirchlichen Massakern zu schützen. Und Konrad von Marburg steigert nach Elisabeths Tod
sogar noch einmal den Vernichtungsfeldzug gegen die nicht "rechtgläubigen" Teile der deutschen
Bevölkerung - im Auftrag von Papst Gregor IX. und auch im
Auftrag von Kaiser Friedrich II.
Die tote Elisabeth als Vorzeige-Frau der mörderischen Inquisition
So hatte zunächst der Papst die Inquisition bereits erheblich verschärft (siehe
oben). Jetzt folgt auch noch der Kaiser. Auch Friedrich II., so heißt es,
wolle jetzt noch "schärfer
gegen die Ketzer in Deutschland vorgehen". Die ihm von der Kirche
indoktrinierte Begründung lautet dabei: "Ketzer stellten die Ordnung in
Frage, und damit auch seine Autorität". Und "ausgerechnet der Kaiser, der selbst
alles und jedes in Frage stellte, erließ nun Gesetze, die man modern als
Notstandsgesetze bezeichnen würde: das bisher gültige Untersuchungs- und
Bekehrungsverfahren wurde aufgehoben, dafür konnten die Inquisitoren nach
eigenem Ermessen und mit aller Vollmacht handeln - auch gegen Helfer und
Verteidiger von Ketzern … Außerdem werden Belohnungen und Privilegien für
das Denunzieren von Ketzern zugesagt" (www.rheindrache.de/heinrich.htm). Und um Andersdenkende in Deutschland komplett auszurotten, weitet der
Beauftragte der Kirche, Konrad von Marburg, den Einsatz der Folter noch
einmal aus (Zum Einsatz der Folter bei der
Inquisition siehe www.theologe.de/LInquisition.htm).
Es ist tiefschwarze Nacht in Mitteleuropa, und Elisabeth soll jetzt als
neue "Heilige" dem monströsen Grauen der Kirche wenigstens
eine glänzende Fassade verschaffen. Am 27. Mai 1235 wird sie in Perugia
in Rekordzeit "heilig" gesprochen. Und Papst Gregor IX. erläutert
in der Urkunde zur Heiligsprechung, "er hoffe, die Heilige werde zur
Mehrung des rechten Glaubens beitragen, den Ungläubigen den Weg der Wahrheit
vor Augen führen und die Ketzer verwirren"
(Norbert Ohler, Vom Hoffen auf ein Wunder, in: Damals - Das Magazin für
Geschichte und Kultur, Nr. 7/2007). Neben den
urchristlichen Katharern sind dies vor allem die Waldenser, die sich wie die
Katharer bzw. Albigenser an Jesus von Nazareth orientieren und ihr damaliges
Zentrum im französischen Lyon haben. Professor Dr. Ohler schreibt: "Nachdem
die hochverehrte Landgräfin offiziell heilig gesprochen war, konnte man den
Waldensern und Albigensern entgegenhalten: ´Schaut, wir verehren eine
wahrhaft christliche Frau.`" Im Umkehrschluss wird den Urchristen das
"Christentum" abgesprochen, und sie werden unter der Führung von Konrad von
Marburg grausam verfolgt.
Die wahnhafte und zynische Bösartigkeit des Vertrauten der "heiligen
Elisabeth" bestätigt auch Professor Dr. Alexander Patschovsky von der
Universität Konstanz. Er schreibt: "Man warf Konrad vor, nicht nur Ketzer,
sondern auch massenhaft unschuldige Christgläubige [Anmerkung: also
hörige und folgsame Katholiken] auf den Scheiterhaufen gebracht zu haben,
weil er ... dem Angeklagten nur die Wahl zwischen entehrendem Geständnis
[was die Todesstrafe nach sich zog] und dem Tod ließ [wenn er nicht
gestand]. Dabei wusste Konrad wohl, was er tat: Wer [aus kirchlicher Sicht]
unschuldig starb, weil er nicht gestand, was er nicht getan hatte, ... dem
soll Konrad das Martyrium versprochen haben - also die Korrektur des Urteils
im Jenseits" (Prof. Dr. Alexander Patschinsky, Der erbarmungslose
Inquisitor, in: Damals - Das Magazin für Geschichte und Kultur, Nr. 7/2007).
Der Prozess gegen Elisabeths Verwandten Heinrich III.
Eine kurzfristige Veränderung zum Positiven erreicht dann 1233 der von Konrad für den Scheiterhaufen
vorher gesehene Heinrich III. von Sayn, ein Verwandter Elisabeths von
Thüringen. Heinrich reagiert empört auf die Anklage Konrads, ein "Ketzerfreund"
zu sein, da man ihm aus römisch-katholischer Sicht wohl tatsächlich nichts vorwerfen kann.
Doch Konrad kann den Grafen ja mittlerweile auch ohne Untersuchung hinrichten
lassen, und
eventuell hat
er dafür ein privates Motiv. Heinrich III. und seine Frau Mechthild stehen
nämlich im Verdacht, dass ihnen Elisabeth möglicherweise intime Details über sich
und ihn, den Großinquisitor, erzählt haben könnte. Doch Konrads mögliche Angst vor
Enthüllungen oder vor Berichten über Elisabeths Leben, die nicht
in sein "Heiligenbild" passen, ist offenbar unbegründet. Dennoch will er
Heinrich auf jeden Fall umbringen lassen. Vielleicht einfach
"sicherheitshalber". Doch Heinrich kämpft um seine kirchliche
Anerkennung. So erreicht er es, dass
der Mainzer Erzbischof Siegfried III. ein Sendgericht im Mainzer Dom
einberuft, bei dem über die Anklage Konrads gegen Heinrich verhandelt werden
soll. Die Chancen für Heinrich III. von Sayn sind dabei ungewiss. Einerseits
ist Konrad zwar den deutschen Erzbischöfen mittlerweile zu mächtig,
und sie überlegen, vom Papst eine Korrektur von dessen Vollmachten zu ihren eigenen Gunsten
zu erwirken. Doch andererseits sitzt Konrad von Marburg als heimlicher Herrscher
Deutschlands zu diesem Zeitpunkt immer noch auf dem hohen Ross. So reist er
zwar zum Mainzer Sendgericht, stellt jedoch "von Anfang an klar, dass er im
Auftrag des Papstes und des Kaisers handele, dass es keine höhere Instanz
als sein Gericht gäbe, und dass ein Sendgericht seine Vollmachten nicht
einschränken und sein Urteil nicht aufheben könne" (www.rheindrache.de/heinrich.htm).
Konrad von Marburg redet auf diese Weise Klartext
und unterstreicht seinen Anspruch, unter den Anwesenden unangefochten der
mächtigste Mann zu sein. Und erwartungsgemäß fordert er im Mainzer Dom
dann auch die Todesstrafe für Graf Heinrich
III. Dabei bemüht er sich nicht einmal, die Rechtsvorschriften eines
Sendgerichts zu respektieren, da er sich selbst ja sowieso "höher stehend"
wähnt. Während Heinrich III. nämlich krampfhaft zahlreiche Zeugen aufbietet,
die seine "Unschuld" bestätigen, erklärt Konrad von
Marburg scheinheilig, seine Zeugen möchten aus Angst vor Graf Heinrich und seinen Rittern anonym bleiben,
und auch er selbst, Konrad, möchte "im Haus Gottes" nicht diese "ungeheuerlichen
Dinge" wiederholen, die Heinrich III. angeblich gesagt habe und
weswegen er jetzt hingerichtet werden soll (7). Dabei wird Konrad als der "Sektenbeauftragte" des Vatikan auch von
König Heinrich VII., dem Sohn von Kaiser Friedrich II., unterstützt. Und da
Konrads absolutistische juristische Vollmachten ja ohnehin höher stehen als die
Macht des Mainzer Sendgerichts, scheint die Macht des Inquisitors doppelt
abgesichert. So rechnet Konrad von Marburg aufgrund dieser
klaren "Rechtslage" zu seinen Gunsten mit der sofortigen Verbrennung Heinrichs III. von Sayn,
und dessen Leben scheint verloren. Doch vielleicht ist es
die bodenlose Dreistigkeit, mit der Konrad glaubt, sich sogar das Verlesen
einer Anklage ersparen zu können, die den König irritiert, während der
Beschuldigte verzweifelt um sein Leben kämpft. Womöglich ist sein Gewissen
berührt, und so gibt König Heinrich VII. am Ende der Verhandlung
plötzlich zu bedenken, dass
aus seiner, des Königs Sicht, Heinrichs III. Schuld
noch nicht erwiesen sei. Als Sohn des Kaisers schlage er deshalb vor, dass der Fall
direkt Papst Gregor IX. in Rom vorgetragen werden solle, bevor ein
endgültiges Urteil gesprochen und vollzogen würde.
Dieser Vorschlag
bedeutet die unerwartete Wende im Prozess.
Nun ist
Konrad von Marburg zerknirscht und irritiert. Kann er sich vor allen versammelten
kirchlichen und staatlichen Gewalten die Blöße geben, sich einer Anfrage an
den Papst, den "Lenker des Erdkreises", zu widersetzen? Auch wenn er,
Konrad, unter
allen Anwesenden über die absoluten Machtbefugnisse verfügt? Er kann es wohl
nicht. Denn wäre der Papst selbst anwesend, stünde dieser über Konrad.
So wird durch diesen klugen Schachzug
von König Heinrich VII. das Leben von Graf
Heinrich III. von Sayn in letzter Minute und wenigstens für
kurze Zeit gerettet. Doch der gerade noch dem Scheiterhaufen entronnene Graf weiß genau, dass sein
Leben weiterhin nur am seidenen Faden hängt. Denn der Inquisitions-Beauftragte
des Vatikan könnte jederzeit andernorts durch ein Standgericht zuschlagen
und ihn umbringen lassen, bevor eine Antwort des Papstes aus Rom
eingetroffen sein würde. So entschließt sich Heinrich III. jetzt zu einer Art Notwehr
und erteilt offenbar einigen von seinen Rittern einen Auftrag, um
möglichen hinterhältigen Plänen Konrads zuvor zu kommen ...
Konrad von Marburg ereilt sein Schicksal
Auf dem Rückweg von Mainz nach Marburg ahmt Konrad wie immer den
Ritt von Jesus auf einem Esel nach, und er reist mit seinen Begleitern
auf Maultieren.
Diesmal wird aber - anders als sonst - seine Rückkehr schon mit
innerer Anspannung erwartet. Es ist
der 30.7.1233, als kurz vor Marburg nahe
dem Ort Beltershausen sechs Reiter mit ihren Pferden auf der
Lauer liegen und nach Konrad Ausschau halten. Denn
die Reiseroute von Konrad von Marburg soll hier vorbeiführen. Schließlich
tauchen die Maultiere mit Konrad und seinen Begleitern tatsächlich auf, und
die letzten Augenblicke im Leben des Inquisitors beginnen. Als
Konrad gerade am Versteck der Reiter vorbei
ziehen will, stürmen diese aus ihrer
Tarnung heraus und greifen an. Konrad von Marburg
soll um sein Leben gefleht haben. Doch so wie Konrad den Ruf
Tausender um Gnade ignoriert hat, so wird auch ihm keine Gnade gewährt. Die
Männer schlagen Konrad und wahrscheinlich auch seine Begleiter (darunter z.
B. der Franziskaner Gerhard Lutzelkolb) zusammen, bis
sie sich nicht mehr rühren.
Nur kurze Zeit später wird auch der Dominikaner-Inquisitor, Pater Konrad Dors, in
Straßburg erschlagen (fuit occisus), während der dritte
Inquisitor, Johannes, "der Einäugige", von einer wütenden Menge
in Friedberg/Hessen aufgehängt wird (suspensus)
(Wormser
Bischofschronik, editio Boos, S. 169, 33 f.).
Als man
Gregor IX. den gewaltsamen Tod von Konrad von Marburg meldet und der Papst einsehen muss, dass ihm der
kurz zuvor noch hoch gelobte "Brautführer der Kirche" und der "Diener des
Lichts" nun nichts mehr nützt, lässt er ihn sofort fallen. Mit
heuchlerischen Worten über das Verhalten Konrads schreibt er an den Erzbischof
von Mainz: "Ein solches Elend, wie Ihr uns
geschildert habt, dulden wir nicht!": Und er "zieht" in diesem Brief
zudem die
absolutistischen Vollmachten für Konrad von Marburg "zurück".
Wohlgemerkt:
nach dessen Tod. Unmittelbar zuvor waren die Machtverhältnisse noch
ganz anders. So ist die Anfrage des Mainzer Sendgerichts an den Papst in Sachen
Heinrich III. von Sayn z. B. nie im Vatikan angekommen, und
das Misstrauen des Grafen und seiner Freunde war also nur allzu berechtigt. Doch unmittelbar nach dem Tod
von Konrad von Marburg erfolgt nun der für die Kirche typische Seitenwechsel. Er
erfolgt in der Geschichte immer dann, wenn es für ihren umfassenden
Herrschaftsanspruch
nützlich bzw. notwendig ist (8).
Das Skelett von Konrad von Marburg wird heute ausgerechnet neben dem Skelett von
Elisabeth von Thüringen in der evangelischen Elisabethkirche (bzw.
Elisabethenkirche) in
Marburg in "Ehren" gehalten. An Elisabeths Skelett fehlt jedoch der Kopf, den
damals Kaiser Friedrich II. hat abtrennen lassen und der heute in Wien in der
Klosterkirche zur Heiligen Elisabeth aufbewahrt wird. Irgendjemand riss auch
noch einmal irgendwann einen Arm von Elisabeths Leiche ab. Dieser wird heute im
Schloss der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein in Sayn im Westerwald bei Koblenz als Reliquie aufbewahrt.
Die übrigen Leichenteile legte man im Jahr 1249 in einen eigens dafür
angefertigten Reliquienschrein aus Gold.
Der Psychoanalytiker Horst Eberhard
Richter
über Konrad von Marburg und Elisabeth von Thüringen:
Konrad will seine Untaten
durch Elisabeth absegnen lassen
Nachfolgend einige Ausschnitte aus einem Vortrag des bekannten
Psychoanalytikers Dr. Horst Eberhard Richter am 6.11.2006 in der Urania in
Berlin. Horst Eberhard Richter ist Mitbegründer der bundesdeutschen Sektion
des IPPNW (Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des
Atomkriegs, Ärzte in sozialer Verantwortung), die 1985 den
Friedensnobelpreis erhielt. In seinem Vortrag zum Thema "Folter und Humanität" zitiert der Psychoanalytiker Papst Innozenz III., der Anfang des 13. Jahrhunderts zugibt: "Jede
Verderbnis im Volk geht in erster Linie vom Klerus aus." Horst Eberhard
Richter folgert aus diesem Satz des Papstes weiter:
"Da besinnt sich die Kirche auf ein alterprobtes Herrschaftsmittel, indem
sie sich selbst durch Ablenkung des allgemeinen Unmuts auf Sündenböcke aus
der Schusslinie bringt. Als solche Sündenböcke bieten sich Scharen der
Glaubensabweichler an. Unter diesen erscheinen die Katharer besonders
gefährlich, weil sie sich von der katholischen Kirche gerade wegen deren
Verweltlichung und Ausschweifungen abgewandt haben. So ziehen sie
gewissermaßen als lebendiger Vorwurf besonderen Hass des Klerus auf sich."
"Das Startsignal für die europäische Inquisition gibt Papst Gregor IX. im
Jahre 1231. Da ernennt er den Magister Konrad von Marburg offiziell zum
Aufspüren von Ketzern und stattet ihn mit einer Vollmacht für eine
Sondergerichtsbarkeit aus. Dieser Konrad wütet fortan mit Anklagen und
Verbrennungen im Lande. Er entfacht, wie es heißt, einen regelrechten
Feuersturm. Seine Gnadenlosigkeit stößt bald auf Kritik, nicht aber bei
Papst Gregor, der ihn konsequent deckt. Gregor IX., eine der herausragenden
Papstgestalten des hohen Mittelalters, ist von gleicher schonungsloser Härte
wie Konrad. Sie zeigt sich in seinen brutalen Anordnungen bei der
Organisation der Inquisitionspraxis. Rechtsanwälte und Notare dürfen den
Beschuldigten nicht beistehen. Diese dürfen nicht mehr testamentarisch über
ihren Besitz verfügen. Kinder und Enkel werden in Sippenhaft einbezogen."
"Zu allen Zeiten suchten und suchen die Verantwortlichen für organisierte
Grausamkeit nach Legitimation durch den Allerhöchsten. Das Bild der Barbarei
wird mit Beweisen christlichen Edelsinns übermalt, etwa durch demonstrative
Bindung an allerseits verehrte Heilsfiguren. So tut sich Konrad von
Marburg mit der später heilig gesprochenen Elisabeth zusammen und wacht als
Beichtvater über ihre strenge Askese und über ihre bedingungslose Hingabe
als karitative Wohltäterin. Dabei verrät sein fanatischer erzieherischer
Eifer, den er dabei an den Tag legt, dass er eigentlich für sich selbst
kämpft. Er will Elisabeth dem Himmel und seiner Umgebung als sein eigenes
besseres Selbst vorzeigen und seine Untaten durch sie absegnen lassen."
"Papst Gregor hat sich nach demselben Muster gleich zwei Entlastungszeugen
besorgt. Es sind Franziskus und Klara von Assisi (vgl. unten) ... Helmut Feld, der
bekannte Franziskus-Forscher, erkennt hier den schlichten Versuch des
Papstes, bei Klara so etwas wie eine eigene Rechtsschutzversicherung für das
Jüngste Gericht abzuschließen ... Papst Gregor vergießt bei der Beerdigung
von Franziskus einen Strom von Tränen und spricht diesen 1228 und Klara 1235
heilig, ohne die Verfolgung von Glaubensabweichlern im geringsten
abzumildern."
(zit.
nach
http://www.psychanalyse.lu/articles/RichterFolter.htm; dort ist der
gesamte Vortrag veröffentlicht)
PS: Unser Vorschlag für die Zeit nach dem Elisabethjahr 2007:
(2) Vgl. dazu den Klassiker von Arnold Toynbee, Menschheit und Mutter Erde, Die Geschichte der großen Zivilisationen, Propyläen-Verlag, 1972. Darin heißt es: "Dem heiligen Franz wäre viel seelische Qual erspart geblieben, wenn er bei seinem ersten Zusammenstoß mit der Kurie den Märtyrertod gestorben wäre. Statt dessen musste er erleben, wie seine nun vom Heiligen Stuhl institutionalisierte Bruderschaft in den Händen des Kardinals Ugolino und des Bruders Elias eine Gestalt annahm, die mit seiner ursprünglichen Vorstellung von einem christusgleichen Leben nur noch wenig Ähnlichkeit zeigte" (S. 397).
(3) Der franziskanische Wanderprediger Johannes Capistranus war Kreuzzugs-Prediger gegen Moslems, Hussiten (bei denen es Gemeinsamkeiten zum Urchristentum gab) und Juden. So fanden Judenermordungen unmittelbar nach Predigten von Capistranus statt. In Jawor in Polen wurden als Reaktion auf eine Predigt des Franziskaners z. B. 17 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
(4) So sind beispielsweise
die heutigen kirchlichen
Sozialdienste in Deutschland zu fast 100 % staatsfinanziert, während die
beiden Großkirchen auf der anderen Seite ein Vermögen von hochgerechnet ca. 500 Milliarden Euro
hüten (Carsten Frerk, Finanzen und
Vermögen der Kirche in Deutschland, Aschaffenburg 2002). Die Kirchen
lassen sich aber gerne als soziale Wohltäter loben, weil die meisten
Menschen nicht wissen, woher das Geld für die Sozialleistungen wirklich kommt.
Zur Entwicklung des kirchlichen Reichtums siehe auch die Schrift:
Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld.
(5) Bei einem sadomasochistischen Verhältnis wie bei Elisabeth von Thüringen (der Geschlagenen und Gequälten) und dem Inquisitor Konrad von Marburg (dem Schläger und Peiniger) gibt es unterschwellig oft eine extreme gegenseitige Abhängigkeit mit starken beidseitigen Gefühlen. Verklärend schreibt die bekannte US-Schauspielerin Angelina Jolie in ihrer gleichnamigen Autobiografie dazu sogar: "SM [Sadomaso] kann leicht als Gewalt missverstanden werden. Aber in Wahrheit geht es dabei um Vertrauen" (zit. nach Bild, 24.3.2007). So ist es denkbar, dass auch Elisabeth von Thüringen ihrem Gebieter und Peiniger Konrad von Marburg bis in die Todesstunde hinein in diesem Sinne "vertraute".
(6) Der Deutsche Orden wäre 2001 pleite gewesen; er wird aber durch eine Rechtsbeugung des Freistaats Bayerns vom Staat, d. h. den bayerischen Steuerzahlern, aufgefangen; mehr dazu hier; wie meistens zahlte der Staat wieder einmal für die Kirche.
(7) Auch hier eine erschreckende Parallele zur Gegenwart: Verleumder von religiösen Minderheiten sagen oft anonym und im Fernsehen mit dem Rücken zur Kamera bzw. mit verzerrt dargestelltem Gesicht oder mit verzerrter Stimme aus; angeblich aus Angst vor denen, die sie beschuldigen. Mit einer solchen Vorführung in den Medien versuchen die Kirche und ihre Helfer, eine angebliche "Bedrohung" durch eine "Sekte" noch zu steigern. Manchmal ist das ganze Szenario zusätzlich mit düsterer Musik unterlegt.
(8) Vgl. der Seitenwechsel im Mai 1945, als aus Unterstützern für Adolf Hitler plötzlich von einer auf die andere Woche ehemalige "Widerstandskämpfer" wurden.
(9) Die Ordenszugehörigkeit
von Konrad von Marburg gilt als umstritten, doch am ehesten war er
Franziskaner - ein Orden, der erst im Jahr 1210, also zu Lebzeiten von
Konrad (ca. 1180-1235) gegründet wurde. Dafür spricht z. B.: Es waren
Franziskaner, die in Missionsabsicht nach Deutschland und auch an den Hof
nach Eisenach kamen. Dabei rief man von Anfang an zum Kreuzzug auf
und engagierte sich in der Inquisition. Elisabeth von Thüringen wurde
schließlich von Konrad und
den Franziskanern in Eisenach in den "Dritten Orden" der Franziskaner
aufgenommen. Hinzu kommt die extrem asketische "franziskanische"
Lebensführung Konrads. Dazu passt auch ein mittelalterliche Abbildung, auf der er am ehesten eine
franziskanische Bekleidung tragen könnte. Und am Rande bemerkt: Zumindest ein nachgewiesener
Franziskaner, Gerhard Lutzelkolb, wurde auch als Begleiter Konrads zusammen
mit diesem erschlagen.
In http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_bedeutender_Franziskaner wird
Konrad von Marburg zudem in der Liste der bedeutenden Franziskaner
aufgeführt.
Da die Beurteilung Konrads in jüngerer Zeit immer kritischer
wurde, gibt es allerdings auch den Wunsch, die Franziskaner von ihm zu
"entlasten". Bzw. es gibt unabhängig davon andere Überlegungen: So wird er gelegentlich als "Prämonstratenser" bezeichnet
(ein Orden, der 1120 von Norbert von Xanten gegründet worden war). Diese Einschätzung beruht auf
dem Sachverhalt, dass er "gute Kontakte" zum Prämonstratenserinnen-Kloster Altenburg (deren spätere Äbtin Elisabeths
Tochter Gertrud wurde) hatte, und weil es eine entsprechende umstrittene
Notiz aus dem 15. Jahrhundert gibt. Andere vermuten, er wäre Dominikaner gewesen,
der Hauptorden der Inquisition. Doch beides ist eher unwahrscheinlich.*
Eventuell gehörte Konrad überhaupt keinem Orden an. Denkbar ist auch,
dass Konrad zunächst im Auftrag der Franziskaner predigte und dann vom Papst
in dessen unmittelbaren Dienst gestellt wurde, wobei man auch in dieser
Funktion zumindest theoretisch in seinen Orden eingebunden bliebe.
In vielen Publikationen wird die Ordenszugehörigkeit von Konrad von Marburg
aufgrund dieses nicht eindeutigen Befunds deshalb gar nicht thematisiert.
"Nach intensiver
Beschäftigung mit der Geschichte des Christentums kenne ich in Antike,
Mittelalter und Neuzeit, einschließlich und besonders des 20. Jahrhunderts,
keine Organisation der Welt, die zugleich so lange, so fortgesetzt und so
scheußlich mit Verbrechen belastet ist wie die christliche Kirche, ganz
besonders die römisch katholische Kirche."
(Der Historiker Karlheinz Deschner in: Die beleidigte Kirche, Freiburg
1986, S. 42 f.)
"Und ein Engel rief mit mächtiger Stimme: ´Sie
ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große, und ist eine Behausung
der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister ...` Und ich
hörte eine andere Stimme vom Himmel, die sprach: ´Ziehet aus aus ihr, mein
Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren
Plagen! Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel.`"
(Bibel, Offenbarung 18, 2.4 f. über "Babylon", eine symbolische
Bezeichnung für die Stadt Rom, denn die Stadt Babylon war damals längst
untergegangen. Nach Auslegung vieler Bibel-Experten ist mit Babylon die endzeitliche
Kirche gemeint, die ihren Hauptsitz in Rom hat.)
|
Der Text
kann wie folgt zitiert werden: |
Tipps zum Weiterlesen:
Der Theologe Nr. 9 - Todesfalle Kirche: Warum musste
Anneliese Michel sterben?
Was steckt
hinter der "Maske" von Mutter Theresa? in der Zeitschrift
Das Weisse
Pferd
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