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DER THEOLOGE
Nr. 15
Die Essener und die Schriften von Qumran:
"Verschlusssache Jesus"?
Lange Zeit stand ein Buch über die
archäologischen Funde von Qumran auf dem ersten
Platz der Bücher-Bestseller-Listen in Deutschland. Der Titel:
Verschlusssache Jesus. Die
kirchlichen Theologen nahmen das Buch nicht ernst und widerlegten
anscheinend
locker seine Thesen. Dennoch war es erfolgreicher als die anderen über Jesus
von Nazareth. Was
war der Grund für
diesen Erfolg? Ist es die Ahnung, dass in Jesus von Nazareth eine andere
Wahrheit auf diese Erde kam als die katholische oder die evangelische Kirche
heute vorgeben? Das genau spüren die Menschen, und das erklärt den Erfolg
von Büchern wie
Verschlusssache Jesus. Doch worum geht es in der Sache? Wer waren die Menschen von Qumran? Und wie standen sie zu
Jesus von Nazareth?
Sie lebten die
Gütergemeinschaft
Kult und Waffen
Verschwörung im Vatikan?
Die Essener: "Stoßtrupp" für das Friedensreich
Sie folgten nicht nach
Jesusbewegung: "Wenn und Aber" als Verhängnis
Das Ende von Qumran
In Kommunikation mit der "Erdenmutter": Eine andere
Essener-Theorie
Die Funde von Nag Hammadi
Exkurs:
Jesus und das jüdische Gesetz
Mystiker und Propheten
Im Jahre 1947 fand ein beduinischer
Hirtenjunge nahe dem Toten Meer auf der Suche nach einer verirrten Ziege
Schriftrollen und Handschriften in Tongefäßen. Beschrieben wird darin die
Lehre einer oder vielleicht auch mehrerer religiöser Gemeinschaften. Die
meisten Forscher gehen heute davon aus, dass es sich bei der Gemeinschaft
von Qumran um eine Untergruppe der so genannten Essener handelt, von der
auch anderweitig berichtet wird, vor allem beim Historiker Flavius Josephus
und beim Philosophen Philon von Alexandria, beides Juden, die im 1.
Jahrhundert nach Christus lebten. Man spricht deshalb auch von den "Qumran-Essenern"
(1). Da es
Parallelen zu Jesus von Nazareth und dem Urchristentum gibt, stellen die
Bestseller-Autoren Michael Baigent und Richard Leigh zwischen den
Qumran-Essenern und den Urchristen eine enge Verbindung bis zur möglichen Identität her. So deuten sie
den in den Qumran-Texten genannten "Lehrer der Gerechtigkeit" als Jakobus,
den Gemeinde-Ältesten der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem, und den "Mann der
Lüge" als Paulus. Eine kühne Vermutung, die sich aber letztlich nicht halten lässt
(vgl. dazu z.B. eine Darlegung von einigen Forschungsergebnissen bei
http://www.wegbegleiter.ch/wegbeg/lehrgere.htm, einer Zeitschrift
mit esoterischem Hintergrund).
Doch auch die nachweisbaren Fakten beinhalten noch genügend Zündstoff.
Sie lebten die
Gütergemeinschaft
So belegen
die Schriften mehrere Gemeinsamkeiten zwischen den Essenern von Qumran und Jesus von
Nazareth: Die Essener bildeten z. B. eine eigene soziale Gemeinschaft
innerhalb, aber am
Rande der damaligen Gesellschaft, und sie grenzten sich von den
einflussreichsten religiösen Parteien der Pharisäer (http://de.wikipedia.org/wiki/Pharis%C3%A4er)
und
der Sadduzäer (http://de.wikipedia.org/wiki/Sadduz%C3%A4er)
sowie der Volksfrömmigkeit ab. Und wie später bei
Jesus von Nazareth und der Jesusbewegung führte dies zu heftigen Konflikten
mit dem israelischen Amtspriestertum, dem sich damals überwiegend Sadduzäer
verbunden fühlten und dem sich die Essener nicht unterordnen wollten. Mehrere Essener sollen
deshalb auch den Märtyrertod
gestorben sein.
Ähnlich wie bei
Jesus gab es einen engeren
Kreis von 12 Männern um den Leiter der Gemeinde, eben dem "Lehrer der
Gerechtigkeit". Die Anhänger lebten nach dem
Gebot "Bete und arbeite" in Gütergemeinschaft und legten Wert darauf, ihre
Sinne zu "disziplinieren", d. h. entsprechend diszipliniert
und asketisch zu leben. Angesichts des erwarteten
Messias und seines herbei gesehnten "Friedensreiches" verkündeten sie eindringlich die
"Buße",
also eine
Umkehr bzw. eine
Notwendigkeit der Vergebung und Erneuerung des Lebens. Doch wie soll
diese praktisch aussehen?
Kult und Waffen
Und hier tut sich ein erster wichtiger
Gegensatz zu Jesus auf. Die Essener sind bei ihren
Erneuerungsbestrebungen, ähnlich wie die Pharisäer, oft auf Äußerlichkeiten fixiert, und
sie verschärfen in fanatischer Weise veräußerlichte Kultgesetze wie das Sabbatgebot.
Jesus von Nazareth hatte jedoch mit Kult, Ritualen und äußerlichen
Frömmigkeitsübungen
überhaupt nichts im Sinn.
Der zweite gravierende Gegensatz zwischen Jesus
und Qumran besteht beim Thema "Gewalt und Feindesliebe". Jesus lehrte und lebte
die Feindesliebe vor, und er war, anders als es manche Texte der Qumran-Essener
bezeugen, gegen den Gebrauch von Waffengewalt. In der Diskussion über die Verschlusssache Jesus wurde dies aber mehr und mehr in
Frage gestellt. So zeichneten Journalisten verschiedentlich
ein Bild von einem Jesus, der womöglich nur in seiner Jugend pazifistisch
gewesen wäre. Der "ältere" Jesus, der die Ungerechtigkeit der Römer erlebt
hätte, hätte seine Überzeugung dadurch womöglich geändert.
Diese Beurteilung
stützt sich v. a. auf die Bibelstelle in Lukas 22, 36-38, wonach
Jesus kurz vor seiner Gefangennahme rät, ein Schwert zu kaufen, woraufhin ihm die Jünger zwei Schwerter
präsentieren. Dies sei "genug", so Jesus. Doch diese beiden Schwerter würden zwar einen
möglichen Räuber abschrecken - und das ist sehr wahrscheinlich auch ihr ganz praktischer Sinn
gewesen -, für eine bewaffnete
Auseinandersetzung mit einer ganzen Truppe von Soldaten und Wachleuten sind sie aber völlig unzureichend. Außerdem weist Jesus wenige
Augenblicke später den aktiven Einsatz der Schwerter deutlich zurück (Verse
49-51), und er erklärt nach Matthäus 26, 52-53 unmissverständlich:
"Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen."
Ein gewalttätiger Jesus wäre damals wie
heute allerdings denen lieber, die selbst in den Kreislauf der Gewalt
verwickelt sind, wie z. B. Anhänger zunehmend radikalerer nationalistischer
Bewegungen. Dass in "der letzten Zeit" der materialistischen Welt die Gewalt
eskaliert, davon hat auch Jesus selbst gesprochen, z.B. in Markus 13, 8:
"[In der letzten Zeit] ... wird sich ein Volk gegen das andere erheben
und ein Königreich gegen das andere. Es werden Erdbeben geschehen hier und
dort, es werden Hungersnöte sein. Das ist der Anfang der Wehen." Doch seine
Nachfolger beteiligen sich nicht an den Kriegen und Aufständen, sondern sie befolgen seine
Bergpredigt (Matthäus 5-7), in der er u. a. sagte: "Selig sind die
Friedensstifter; denn sie werden Gottes Kinder heißen" (5, 9).
Dennoch kam es immer wieder vor, dass Jesus für die eigene gewalttätige
Partei vereinnahmt wurde. So hat es die Kirche Jahrhunderte lang
praktiziert, und so geschieht dies in unserer Zeit z. B. ungeniert durch die
Regierungen der USA. Und so rückt auch die Verschlusssache Jesus den Mann aus Nazareth
nahe an die
Schwertkämpfer der Vergangenheit heran.
Verschwörung im
Vatikan?
Was beabsichtigten nun die Autoren
mit einem gewaltbereiten Jesus?
Obwohl die katholische Hierarchie sich noch nie durch Gewaltfreiheit
und Pazifismus ausgezeichnet hatte, sollte mit den Bestseller-"Enthüllungen" von
Michael Baigent und Richard Leigh in erster Linie
der Vatikan getroffen werden, der die Qumran-Forschung in den 50er-Jahren
unter Kontrolle seiner Glaubenskongregation (früher "Heilige Inquisition")
brachte. Die Veröffentlichung wesentlicher Dokumente wird nämlich, wie
Kritiker immer wieder beklagen, seit
Jahrzehnten hinausgezögert oder verhindert, und viele der "renommiertesten" Wissenschaftler in der Qumran-Forschung
mussten sich
angeblich wegen "persönlichen Versagens" zurückziehen oder sie starben unerwartet.
Das klingt
durchaus nach einer möglichen Verschwörung. Vor allem, wenn man bedenkt,
dass die Essener auch im gesamten Neuen Testament nicht erwähnt sind. So
kann man fragen, ob die so genannte frühkatholische Kirche z. B. bereits bei
der Entstehung des Neuen Testaments massiv in die Darstellung des
Urchristentums und des Judentums zur Zeit von Jesus eingegriffen hat.
Immerhin kannte der katholische "Kirchenvater" Hieronymus, der im Auftrag
von Papst Damasus I. im Jahr 383 eine vereinheitlichte Fassung der Bibel
heraus gab (die so genannte Vulgata), nachweislich noch einen "geheimen" Urtext des
Matthäusevangelium, der von dem uns heute bekannten Matthäusevangelium
erheblich abgewichen hat (vgl. hier).
Doch die Inhalte des Buches
Verschlusssache Jesus vergrößern leider nur das Durcheinander
anstatt notwendige Klärungen herbeizuführen.
Ein wichtiges Thema ist dabei das Alter
der Rollen. Mit Hilfe einer als zuverlässig geltenden Radiocarbon-Methode
wird der große Teil der Schriften von den meisten Wissenschaftlern in das 1.
Jahrhundert vor Christus datiert. Die Bestseller-Autoren glauben aber
anderen Untersuchungen und datieren die Schriften in das 1. Jahrhundert nach
Christus, also in die Zeit des Urchristentums. Das stärkste Argument dafür
scheint aber ihr
Wunschdenken zu sein. Doch auch wenn die Dokumente den Untersuchungen
zufolge sehr wahrscheinlich aus
dem 1. Jahrhundert vor Christus stammen, wovon die meisten Wissenschaftler ausgehen, bleiben ihre Inhalte
dennoch spannend und
von großer Bedeutung für die Entstehung des Urchristentums.
Die Essener: "Stoßtrupp" für das
Friedensreich?
Denn die
Bewegung von Qumran und ihre Lehren stehen trotz einiger Gegensätze immer
noch in größerer Nähe
zu Jesus von Nazareth als die kirchlichen Lehren. Dass der Mann aus Nazareth
keine weltweite katholische Kirche eingesetzt hat und keine Fundamente für
die späteren kirchlichen Dogmen und Zeremonien gelegt hat, dafür genügt als
Quelle jedoch das Neue Testament. Die Textfunde von Qumran sind hier nur am
Rande bedeutsam, da in ihnen - wie bereits dargelegt - eben nicht die Jesusbewegung beschrieben wird,
sondern eine andere Gruppierung der damaligen Zeit. Eine an den Haaren herbei gezogene
Identifizierung zwischen Jesus und den Essenern ist für das Anliegen, die
Fundamente des Vatikan ins Wanken bringen zu wollen, deshalb eher schädlich.
Worum ging es Jesus von Nazareth? Er versuchte, das damalige Volk Israel zu sammeln (z. B. Matthäus
23, 37b) und im Einklang mit den Geboten Gottes zunächst innerlich und
dann auch äußerlich zu einen. "Das Reich Gottes ist nahe
herbeigekommen", hat er mehrfach gesagt, und er wollte das Friedensreich
aufbauen, das schon von den jüdischen Propheten vorhergesagt wurde. Dieses
"Reich" entsteht zuerst im "Inneren" eines jeden Menschen (Lukas 17, 21), der
durch das Leben nach den 10 Geboten und der Bergpredigt von Jesus friedfertig
geworden ist und seinem Nächsten dient. Und es nimmt mit der Zeit dann auch im
Äußeren Gestalt an (siehe z. B. Matthäus 13, 31-32). Was haben nun
aber die Essener
damit zu tun?
Eine Verbindung von Johannes dem Täufer sowohl zu Jesus als auch zu Qumran
gilt als unbestritten. Und weiter: Die Menschen von Qumran wollten
bewusst das "Volk David" sein. Die Vision eines erneuerten Volkes war also bei ihnen
zentral - wie zuvor schon bei den großen jüdischen Propheten und später in der
Jesusbewegung. Die Essener verstanden sich als eine Art "Stoßtrupp" für das Friedensreich
des kommenden Messias. Sie wollten mit dem Messias den Durchbruch schaffen, wenn er
kommt. Dafür lebten, dafür beteten und arbeiteten sie.
Sie folgten nicht nach
Und so kann man
aus geistiger Sicht fragen: Sollte sich die Gemeinschaft von Qumran einige Jahrzehnte
vor dem Wirken von Jesus von Nazareth innerlich und äußerlich
für dessen Kommen vorbereiten? War dies also der geistige Auftrag von
vielen Qumran-Essenern, dass sie durch ihr Leben
dem Christus die Wege bereiten sollten? Nach Aussagen der meisten Wissenschaftler habe der
"Lehrer der
Gerechtigkeit" sogar bereits im 2. Jahrhundert vor Christus gelebt. Wer die Gruppe
dann zu Lebzeiten von Jesus leitete, ist nicht bekannt. Doch es wäre ihr auf jeden
Fall möglich gewesen, sich Jesus von Nazareth anzuschließen und sich
von ihm hier und da korrigieren zu lassen. Doch die Essener hatten eben
- wie viele andere religiöse Gruppen auch - ihre speziell eigenen Vorstellungen vom kommenden Messias,
die sie nicht aufgeben wollten, z. B. in der Frage von Gewalt und Feindesliebe
(siehe oben). Zudem hatten sie sehr
strenge und fanatische Vorstellungen vom Tempelkult, und die
offiziell durchgeführten Riten im Tempel zu Jerusalem waren für die Essener
von Qumran bereits eine Abweichung von den ursprünglichen
Tempel-Vorschriften, was wesentlich für ihre Distanzierung vom damaligen
israelischen Amtspriestertum war (siehe dazu z.B.
http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-nt/religioese-parteien/essener/).
Und so waren sie eben - völlig anders als Jesus - dem Kult und seiner angeblich
von Gott angeordneten Durchführung verhaftet (siehe oben). Doch Jesus hielt
im Gegensatz dazu nichts von Kult und Zeremonien und auch nicht viel von
prachtvollen Kult-Häusern aus Stein und Edelhölzern (gleich den früheren Propheten
wie z. B. Nathan
(2.Samuel 7, 4-7) und Jesaja (66, 1-2); vgl. dazu
"Freie Christen Nr. 1": Gott wohnt nicht in Kirchen aus Stein). Er sprach stattdessen vom
"stillen Kämmerlein", in
das man sich zum Beten zurückziehen solle (Matthäus 6, 5-6). Und
während einer seiner Jünger sich vom damaligen Tempel beeindruckt zeigte ("Was
für Steine und was für Bauten!" Markus 13, 1), prophezeite Jesus bereits die
Zerstörung dieses Monumental-Baus: "Nicht ein Stein wird auf dem anderen
bleiben, der nicht zerbrochen werde" (V. 2).
Während des
Auftretens von Jesus sind keine Daten über die Essener bekannt. Wie hätte
sich jedoch die Geschichte entwickelt, wenn der größte Teil der jüdischen
Bevölkerung einschließlich der Essener Jesus als den "Messias" (den von Gott
Gesandten) anerkannt
hätte und wenn die Leute damit angefangen hätten, zu tun, was er lehrte? Die Kirche und das abendländische Christentum wären womöglich nie
entstanden, zumindest nicht in der römisch-katholischen Ausprägung. Doch die
Menschen von Qumran
sind
als Gemeinschaft Jesus nicht gefolgt.
Als These formuliert, könnten
vor allem die beiden Sachverhalte
entgegen gestanden haben, über die oben bereits geschrieben wurde, und die
hier noch einmal in Worte gefasst werden:
1) Die qumranische Glaubensgemeinschaft war noch stark priesterlichem,
hierarchischem und kultischem Denken verhaftet. Priester und Kult spielen
jedoch in der Botschaft von Jesus Christus und in seinem geplanten Friedensreich
keine Rolle mehr, und eine Hierarchie lag ihm fern, denn
"ihr alle aber seid Brüder [und Schwestern]"
(Matthäus 23, 8).
2) Es konnte sich in Qumran auch das Vertrauen nicht durchsetzen, dass das
Friedensreich nicht mit Waffengewalt gegen die Römer entstehen soll, sondern
in jeder Hinsicht gewaltlos nach der Botschaft der Bergpredigt des Jesus von
Nazarareth.
Jesusbewegung: "Wenn und Aber" als
Verhängnis
Vermutlich gab es Wanderungsbewegungen von Qumran zu den Anhängern von Jesus von
Nazareth und in die umgekehrte Richtung, wobei letztlich fast alle damaligen Zeitgenossen Jesus die Gefolgschaft versagten. Doch auch unter den
letztlich noch wenigen Anhängern von
Jesus verlief die
Entwicklung nicht besonders gut. Es entstanden zwar urchristliche Gemeinden, die
jedoch vor allem seit dem Auftreten des Paulus durch Unstimmigkeiten und Zerwürfnisse geschwächt
wurden (vgl. dazu
Der Theologe Nr. 5). Hierarchisches Denken zog
auch in diese Gemeinschaften wieder ein, und daraus gingen wieder "geistliche"
und priesterliche Obrigkeiten
hervor, die Jesus niemals wollte. Damit wurde hier die Saat für eine äußere
Kirche gelegt, die sich wieder an den heidnischen und dem jüdischen Kult
orientierte und die mit den ursprünglichen Visionen und Plänen von Jesus nicht mehr
viel zu tun hatte.
Doch für die inneren Auseinandersetzungen war
nicht Paulus alleine verantwortlich. Glaubt man einer "Neu-Offenbarung" von 1989, dann gab
darin Christus selbst eine Erklärung hierzu. Es heißt dort: "Der eine
glaubte sofort an Meine Sendung, der andere zweifelte daran, da er vieles
aus Meiner Rede ... nicht verstehen konnte ... Bei vielen gab es ein langes
Hin und Her, ein Wenn und Aber. Die Unentschiedenheit war für viele ein
Verhängnis. Sie blieben einige Zeit - dann trennten sie sich wieder von mir
... Die Vorstellungen und Interessen waren mannigfach und das Denken so
unterschiedlich wie die Menschen selbst ... Die sich von Herzen entschieden
und Meine Lehren verwirklicht haben, standen zu Meiner Rechten und blieben
an Meiner Rechten"
(Das ist Mein Wort, S. 93,
http://www.das-wort.com/deutsch/gottesprophetie-aktuell/das-ist-mein-wort---alpha-und-omega.php).
Unabhängig von der Glaubwürdigkeit dieser Quelle berichtet
der jüdische Wissenschaftler Prof. Dr. Shemaryahu Talmon Ähnliches von Qumran: Es hätte
ein Kommen und Gehen gegeben und unterschiedliche Vorstellungen. Das
spiegle sich auch darin, dass die Qumran-Schriften nicht als einheitlich
anzusehen sind. Möglicherweise hat es in Qumran auch innere Auseinandersetzungen
wegen der Botschaft von Jesus von Nazareth gegeben. Das kann man jedenfalls vermuten.
Wie eng die Geschichte von Jesus von Nazareth und seiner
Anhänger mit der Geschichte von Qumran verbunden ist, kann letzten Endes
nicht mit Sicherheit geklärt werden. Und zur Vermeidung von
Missverständnissen ist noch ein weiterer Hinweis hilfreich: Manchmal wird neben den Essenern von Qumran
auch noch die Gruppe der Nazoräer genannt, die wiederum
verschiedentlich mit den so genannten "Essäern" zur Deckung gebracht wird. Von ihnen wird berichtet, dass
sie z. B. Fleischnahrung und Tieropfer ablehnten (siehe dazu eine
Anmerkung). Anscheinend lehrte diese
Gemeinschaft
ähnlich bzw. teilweise gleich wie Jesus, pflegte aber - ähnlich wie die
Essener von Qumran - mehr ihre Gruppen-Eigenheiten anstatt
die "Zeichen der Zeit" zu erkennen und sich dem Mann aus Nazareth
anzuschließen.
Das Ende von Qumran
Was ist aus Qumran geworden? Die Essener
von Qumran haben sich offenbar am Aufstand
gegen die Römer (66-70) beteiligt, was als eine Konsequenz ihrer Überzeugungen zum Thema
"Gewalt" auch einleuchtend ist. Über Qumran ist bekannt, dass
der Ort
von der
10. römischen Legion unter Vespasian im Jahre 68 n. Chr. geschleift wurde. Die Qumraner wurden
vermutlich niedergemacht oder in die Sklaverei verkauft. Qumran ist von nun
an ein römischer Militärposten. Und im Jahr 70 wurde
schließlich auch der Tempel in Jerusalem ganz kurz nach seiner Fertigstellung
von den Truppen Roms zerstört.
Und in den Jahren 132-135 formiert sich ausgerechnet in Qumran bzw. Mesad Chasidin, wie der Ort jetzt heißt, der letzte
jüdische Aufstand unter Bar Kochba. Auch er wird von den Römern
niedergeschlagen und mit ihm alle weltlich-militärischen Vorstellungen von
einem "Friedensreich", das in Palästina seinen Anfang nehmen
sollte.
In Kommunikation
mit der "Erdenmutter"?
Eine andere Essener-Theorie
Was
bleibt von der "Verschlusssache" Jesus? Hierzu gibt es noch eine
bemerkenswerte Variante zu diesem Thema.
Der Wissenschaftler Dr. Edmond Bordeaux Székely (der eng mit dem
Schriftsteller und Philosophen Aldous Huxley zusammenarbeitete) ist sich wie
die Bestseller Autoren Michael Baigent und Richard Leigh sicher, dass der
Vatikan wichtige Unterlagen versteckt. Doch geht er von anderen Inhalten
in diesen Unterlagen aus. Nach seinen eigenen Angaben wurde ihm vom Leiter der
Vatikan-Archive einmal ausnahmsweise Zugang zu einem verschlossenen Raum in den
unterirdischen Gewölben gewährt. Er schreibt: "Dort lagern Stapel
verstaubter Rollen von uralten Handschriften, darunter mehrere aramäische
Essener-Dokumente, aber auch unveröffentlichte Evangelien des Barnabas,
Jacob, Peter, Thomas und anderes mehr." Jahre vergingen, bis Edmond Bordeaux Székely nach
eigenen Angaben die geheim gehaltenen Inhalte - hauptsächlich durch Inspiration -
zu rekonstruieren versuchte und u. a. unter dem
Titel Das Friedensevangelium der Essener veröffentlichen konnte
(so der Titel von Buch 1, Verlag Bruno Martin, Südergellersen 1977; Buch
2: Die unbekannten Schriften der Essener, Frankfurt 1978).
Dieses Evangelium
enthält einige Informationen über die Essener, die auch schon durch die antiken
Schriftsteller Josephus, Philo und Plinius bekannt wurden, und es rückt die
Gemeinschaft von Qumran darüber hinaus sehr nahe an Jesus heran - wie bei der
Verschlusssache Jesu,
nur in diesem Fall aufgrund ganz anderer Inhalte. Bei Bordeaux Székely sind plötzlich auch die
Essener pazifistisch. Sie hätten sich wie Jesus vom Kult und der Hierarchie
gelöst und stünden in intensiver Kommunikation mit der "Erdenmutter", mit "Engeln" und mit den Naturkräften.
Diese Thesen mögen vielen im einzelnen zwar
sympathisch erscheinen. Doch es stellt sich die Frage, ob es sich hier tatsächlich um
Inhalte aus alten "unterdrückten" "Essener"-Schriften handelt.
Oder ob
die Zuordnung der Essener zu dieser zukunftsweisenden Weltanschauung nur dem Wunschdenken Dr.
Edmond Székelys
bzw. seiner
Inspiratoren entspricht.
Die Funde von Nag
Hammadi
Gesichert sind in diesem Zusammenhang jedoch andere Inhalte. Dazu gehören die
Funde
von Nag Hammadi am Nil. Dort lagen außerbiblische Evangelien seit dem 1.
Jahrhundert unter dem Wüstensand verschüttet
(z. B. das Thomasevangelium), und sie entgingen so der kirchlichen Dokumentenvernichtung, die v. a. im 4.
Jahrhundert wütete. Ein tragischer Höhepunkt war das "versehentliche"
Niederbrennen der größten Bibliothek der Antike in Alexandria im Jahr 389,
neun Jahre nachdem der Katholizismus zur Staatsreligion aufgestiegen war. Die Mönche der Kirche hätten angeblich
"nur" den benachbarten heidnischen
Serapis-Tempel in Schutt und Asche legen wollen.
Die Kirchenforschung bezeichnet diese Funde heute als "gnostisch" - ein negativer Sammelbegriff, mit dem im kirchlichen
Sprachgebrauch viele mystische bzw. esoterische Strömungen von sehr unterschiedlicher Qualität
zusammengefasst werden, um sie von
den eher kirchenkonformen Dokumenten einer zunehmend veräußerlichten
Religiosität zu unterscheiden. In Wirklichkeit
sind sie zu einem Teil "urchristlich".
Die Texte von Nag Hammadi
(http://de.wikipedia.org/wiki/Nag-Hammadi-Schriften) sind also sehr
verwandt mit den inspirierten Texten von Dr. Edmond Bordeaux Székely und sie stehen
Jesus von Nazareth und dem Urchristentum vielfach nahe. Von daher sind
Querverbindungen von deren Autoren zur Jesusbewegung hier viel deutlicher
als bei den Qumran-Texten.
Allerdings gibt es auch sehr große Unterschiede zwischen den "gnostischen"
Texten und den urchristlichen, was man am Beispiel des im Jahr 2006 erstmals
in Auszügen veröffentlichen Judasevangeliums sehen kann, das in den
70er-Jahren des 20. Jahrhunderts in Mittelägypten gefunden wurde. Demnach
habe Jesus Judas um den Verrat gebeten, um von seiner "körperlichen Hülle"
befreit zu werden - ein scheinheiliger Unsinn, denn Jesus wollte mit seinen
Jüngern und dem Volk die Fundamente für das Friedensreich auf Erden legen
und dies weiter aufbauen, und Jesus litt nicht an einer psychisch
hochproblematischen oder gar krankhaften Todessehnsucht oder dergleichen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die religiösen Anschauungen im
Palästina des 1. Jahrhunderts sehr vielfältig waren und dass es der
Jesus-Bewegung nicht gelungen ist, zu einer mächtigen und friedvollen
Alternative heran zu wachsen, zu der Zug und Zug auch immer mehr ehemalige
"Gnostiker", ehemalige "Qumran-Essener", ehemalige Pharisäer usw. hinzu
gekommen wären.
Exkurs: Jesus und
das jüdische Gesetz
An dieser Stelle ist es sinnvoll, einmal inne zu halten, und sich die
Botschaft des Jesus von Nazareth, so weit sie bekannt ist, einmal näher zu
betrachten, wenn man sie etwa mit den einflussreichen Lehren der herrschenden Parteien der
Pharisäer und Sadduzäer vergleicht.
Vor diesem Hintergrund kann man dann auch die Überzeugungen des
Qumran-Essener besser verstehen. Bezieht man hierzu die gesicherten Funde von Nag Hammadi in
ein mögliches Gesamtbild der damaligen Situation mit ein, dann könnte die
Botschaft von Jesus von Nazareth wie folgt in das zeitgeschichtliche
jüdische Umfeld eingeordnet werden:
Jesus und seine Nachfolger brachten keine neue Religion,
sondern sie wollten den Bund Gottes mit Mose im "Reich Gottes auf Erden"
praktisch in die Tat umsetzen.
Wenn Jesus von Nazareth hierbei von der Erfüllung des "Gesetzes" sprach
(Matthäus 5, 17 ff.), dann bezog er sich aber auf ein ursprüngliches
"Gesetz
Gottes" und nicht auf das bis heute im Alten Testament stehende "Gesetz", das
durch die Fälschungen von Priestern
im Laufe der Jahrhunderte entstanden ist und das zu Lebzeiten von Jesus vor
allem den Sadduzäern und Pharisäern als Grundlage diente.
Jesus ging davon aus, dass Mose in der Tat Grundzüge und viele
Einzelheiten des ursprünglichen "Gesetzes Gottes" offenbart wurden, wobei "Gesetz Gottes" einfach ein anderes Wort ist für
ein praktisches Leben im Geiste Gottes. Später erhielt Mose dann als
vereinfachten Auszug daraus die Zehn Gebote. Was dieses "Gesetz" an weiteren
Einzelheiten beinhaltete, kann man wiederum an der Lehre von Jesus ablesen,
denn er sagte, nicht der "kleinste Buchstabe" würde vergehen (Matthäus 5, 18).
Demnach muss
man eine Identität dieses Gesetzes mit der Lehre von Jesus annehmen. Was heute
jedoch über Mose und das "Gesetz Gottes" im Alten
Testament zu lesen ist, steht aber vielfach im Widerspruch zu Jesus von Nazareth.
Und dafür gibt es eben diese einfache Erklärung, die auch durch viele Indizien belegt wird:
Die Texte im heutigen Alten Testament wurden von Priestern massiv überarbeitet und verfälscht.
So lautet z. B. eine alttestamentliche Quellenschrift auch "Priesterschrift". Die Priester haben also dort (und nicht nur dort, sondern
z. B. auch in den Prophetenbüchern) die Geschichte Israels und seine
Ethik nach ihren priesterlichen Interessen umgeschrieben. In Wirklichkeit hat Mose aber z. B.
gar keine Gesetze verkündet, welche die Ermordung
von Menschen und Tieren (als Schlachtopfer) vorschreiben (siehe dazu auch
Der Theologe Nr. 26, Die Aufforderung zum
Völkermord in der Bibel und Der Theologe Nr. 8
über Widersprüche in der Bibel). Das ist die Geschichtslüge der Priesterschrift
bzw. ihrer Hintermänner,
denn diese Vorschriften stammen weder von "Gott" noch von Mose. Und Jesus hat klar
auf diesen Sachverhalt hingewiesen. Deshalb sahen
sich die Priester und
religiösen Obrigkeiten zur Zeit von Jesus aus den Kreisen der Pharisäer und
Sadduzäer von diesem auch entlarvt, und sie
stellten sich folglich gegen ihn. Und auch die
Bevölkerung und ihre zahlreichen weiteren Interessengruppen sind dem Mann aus
Nazareth schließlich nicht gefolgt.
Mystiker und
Propheten
In diesem
Zusammenhang noch einmal zurück zu den Essenern von Qumran. Ganz
offensichtlich sind nun auch die Essener der Geschichtsfälschung der
herrschenden Priester
aufgesessen (obwohl sie mit dem offiziellen Amtspriestertum im
Widerstreit standen), und wahrscheinlich ist dies der tiefere Grund,
warum sie an ihren Überzeugungen festhielten. Es waren ja immerhin "heilige Schriften", auf die sie sich berufen hatten, und es wäre ein wenig Mut nötig
gewesen, diese in Frage zu stellen. Stattdessen wollten die Qumran-Essener
diese aber offenbar besonders gut erfüllen. Jesus von Nazareth hatte diesen Mut
und auch den Verstand und das Bewusstsein dafür, den überlieferten Betrug zu durchschauen:
"Ich aber sage euch" - mit diesen kraftvollen Worten widersprach er immer
wieder der gefälschten "heiligen" Überlieferung. Vieles davon ist in der
Bibel nachzulesen, vor allem in der Bergpredigt im Matthäusevangelium
(Kapitel 5-7). Doch in all der Zeit seither stellten sich - wie schon zu
seinen Lebzeiten - wiederum die
Priester gegen ihn; einst die jüdischen, später die kirchlichen. So versucht seit ca. 1700 Jahren
die Kirche, die Inhalte dieser Bergpredigt im kirchlichen Sinne zu verbiegen. Und
manches ist bereits im Neuen Testament selbst verfälscht dargelegt (siehe dazu
Der
Theologe Nr. 14, Hieronymus und die Entstehung der Bibel).
Und es
wäre auch kein Wunder, wenn in den dunklen
Kellergewölben in Rom tatsächlich Informationen über Jesus und das Urchristentum unter
Verschluss gehalten werden. So sprach - wie oben bereits dargelegt - Kirchenvater Hieronymus, der Letzt-Verfasser der katholisch verbindlichen Bibel, der lateinischen
Vulgata, z. B. von einem "geheimen" Urtext des Matthäusevangeliums, das sich
von dem biblischen unterscheide (vgl.
hier). Allein dieser Umstand
müsste eigentlich genügen, um der kirchlichen Bibel mit Nachdruck zu
misstrauen. Eine bleibende Frage für
alle Gottsucher lautet deshalb: Wo findet
man heute die unverfälschte Wahrheit über Jesus?
Eine mögliche Antwort dazu:
Neben all den Fragmenten gab es zu allen Zeiten auch einen lebendigen
Gottesgeist, der durch Mystiker und Propheten sprach (siehe dazu auch
Elia, Amos, Jeremia - Propheten als unbequeme
Mahner für ihr Volk - Gegensatz von Priester und Prophet). Diese
Propheten kamen meist auf den Scheiterhaufen der Kirche ums Leben. Doch
waren es keineswegs die "falschen" Propheten, vor denen einst Jesus warnte.
Denn das Kriterium zur Unterscheidung von "richtig" und "falsch" ist nach
Jesus: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (Matthäus 7, 20-21).
Und die meisten der Ermordeten wiesen nachweislich "gute Früchte" auf,
während die Geschichte der Kirche von einer grässlichen Blutspur durchzogen
ist, woraus sich für alle offensichtlich ableiten lässt, wer die "falschen
Propheten" sind, welche die Menschen in die Irre geführt haben.
Und auch in unserer Zeit gibt es weise
Menschen, und Propheten, durch die z. B. Christus zu den Menschen sprechen
kann, wie er dies auch in der Zeit des frühen Urchristentums getan hat. Die
durch eine Prophetin vermittelte umfangreiche Darlegung Das ist Mein Wort
aus dem Jahr 1989 (siehe oben) ist
eines der aktuellsten Beispiele für mögliche Christusworte durch Prophetenmund
in unserer Zeit.
Anmerkungen:
1) Inwieweit die
Gemeinschaft von Qumran mit den "Essenern" identisch ist oder sich
von ihnen unterscheidet bzw. dass es sich in Qumran um eine bestimmte Gruppe
der Essener
handelt, wie mehrheitlich angenommen, wird hier nicht weiter vertieft. Wir schließen uns der
überwiegend anerkannten Sichtweise an und gehen von einem wesentlichen Zweig der essenischen Bewegung aus,
in der Literatur auch "Qumran-Essener"
genannt. Qumran könnte
dabei auch das Zentrum dieser Bewegung gewesen sein. Der Einfachheit halber
sprechen wir in dieser Studie in der Regel von den "Essenern von Qumran".
Bei Interesse an einer Vertiefung dieser Thematik verweisen wir auf die
entsprechende Fachliteratur.
2) Meistens gelten die Begriffe
Essener und
Essäer als zwei unterschiedliche Bezeichnungen für dieselbe Gruppe,
und sie werden dann wie Synonyme verwendet. Dies geht zurück auf die
antiken Schriftsteller Josephus, der von "Essenoi" (= Essener) sprach
bzw.
von Philo, bei dem von "Essaio" (= Essäer) die Rede ist. In dieser Studie
wird - wie mehrheitlich - von den
Essenern
gesprochen (Die Betonung liegt dabei auf dem zweiten "E" im Unterschied zu den
Bewohnern der Stadt Essen, bei denen das erste "E" betont wird).
Denkbar ist jedoch auch, dass die
Essäer eine
eigenständige Gruppierung sind, die möglicherweise identisch mit den
Nazoräern ist.
Das Wort
"Nazoräer" war ursprünglich ein Wortspiel des
Evangelisten Matthäus, das auf die
Nazarener
abzielte, die Bewohner der Stadt Nazareth (2, 19-23).
In Anlehnung an den aus dieser
Stadt stammenden - und deshalb im Volksmund auch "Nazarener" genannten - Jesus nannte man auch
seine Anhänger manchmal "Nazarener", bevor sich mit der Zeit das Wort
"Christen"
durchsetzte. Das Wort "Nazoräer" dient später offenbar jedoch auch einer urchristlich
orientierten Kleingruppe als Selbstbezeichnung. In der
kirchlich-theologischen Wissenschaft identifiziert man sie mit den syrischen
"Judenchristen" (also den Juden, die in Syrien Christen geworden
waren) und man weiß auch von einem Nazöräerevangelium.
3) Verwechslungsgefahr besteht hier auch mit den "Nasiräern". Ein
Nasiräer war
ein gläubiger Jude, der sich gemäß dem 4. Mosebuch, Kapitel 6 besondere Verpflichtungen
auferlegte, um sich durch eine gewisse Enthaltsamkeit und durch das Erfüllen
bestimmter kultischer Vorschriften Gott "weihen" zu wollen. Dazu
gehörte vor allem, keinen Alkohol zu trinken, sich keinem Grab
oder einer Leiche zu nähern und sich Haare und Bart nicht zu schneiden. Das Nasiräer-Gelübde wurde meist auf Zeit abgelegt, und an dessen Ende musste ein
Tier zur Opferung geschlachtet werden. Doch auch ein lebenslanges
Versprechen war möglich. Mit Jesus von Nazareth und dem
Urchristentum hat dieses kultische Gelübde allerdings nichts zu tun:
Jesus
trank gelegentlich Wein, hatte keine Berührungsängste bei Verstorbenen und
ein seriöses und gepflegtes äußeres Erscheinungsbild - andernfalls wäre ihm
das sicher von seinen Gegnern vorgehalten worden. Des weiteren lehnte er
Tieropfer ab und kultische Vorschriften waren ihm - gelinde gesagt - unwichtig.
Jedoch sollen einige Nachfolger von Jesus in ihrer Vergangenheit einmal
das Nasiräer-Gelübde abgelegt haben, was gut vorstellbar ist, da vor allem
ernsthaften Gottsuchern das Ablegen dieses Gelübdes nahe gebracht worden war.
Vielleicht war Johannes der Täufer zumindest zeitweise Nasiräer
(vgl.
Lukas 1,15; doch Achtung! Wenn jemand aus welchen Gründen auch immer
auf das Trinken von Alkohol verzichtete, war er damit noch lange kein
"Nasiräer") und später vielleicht auch der Kirchenlehrer Paulus
(Apostelgeschichte 18, 18).
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Der Text kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 15: Die Essener und die
Schriften von Qumran, Würzburg 1992, zit. nach
http://www.theologe.de/theologe15.htm,
Fassung vom 17.8.2010 |
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