DOKUMENTATION

Der Abschied aus dem Pfarramt
 und der Kirchenaustritt

Vortrag von Ex-Pfarrer Dieter Potzel in der Gaststätte Buger Hof in Bamberg
 


Für den 4.3.1992 kündigt die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Bamberg-St.-Stephan eine öffentliche Veranstaltung an, in der über die „Gründe“ für den Kirchenaustritt von Ex-Pfarrer Dieter Potzel informiert werden soll. Potzel war bis zum 31.1.1992 einer der beiden Gemeindepfarrer der zu St. Stephan gehörenden Philippuskirche im Stadtteil „Am Bruderwald“ neben dem Bamberger Klinikum. Und er war Jugendpfarrer für die Evangelische Jugend der Stadt Bamberg. Der Ex-Pfarrer möchte an diesem Abend in der Philippuskirche selbst dabei sein, doch er wird von seinem Ex-Kollegen Hartmut Böhme in einem Telefongespräch im Vorfeld zur „nicht erwünschten“ Person erklärt. Darauf hin lädt er zeitgleich zu einer Veranstaltung in die Gaststätte Buger Hof, um dort selbst zu informieren. In der Philippuskirche spricht demgegenüber der evangelische „Weltanschauungsbeauftragte“ Matthias Pöhlmann.
Die Rede wurde vom Vortragenden ursprünglich frei gehalten. Für die hier vorliegende schriftliche Fassung wurde sie vom Vortragenden aufgrund eines Tonbandmitschnitts geringfügig überarbeitet und mit einigen Passagen aus einer schriftlichen Unterlage ergänzt, so dass sie hier auch in einer längeren Form erscheint. Sie bezeugt als Beispiel auch die Identitätskrise und den allmählichen Niedergang der Evangelischen Kirche um das Jahr 2000. So schreibt z. B. die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Bisherigen Befragungen zufolge haben die meisten Pfarrer sich schon längst von ihren eigenen Kirchenleitungen distanziert, dass sie innerlich gekündigt haben.“ (3.2.2007)

 

Lesen Sie auch: Der Theologe Nr. 29 zum Jubiläum:
1007 - 2007: 1000 Jahre Bistum Bamberg und St. Stephan - kein Grund zum Feiern

Sowie: Der Theologe Nr. 40:
Die kirchliche Taufe - ein Angelhaken der Unterwelt


Hier die einzelnen Teile der Rede:

  1.)  An den Lagerfeuern der Evangelischen Jugend

  2.)  Christ sein

  3.) 
Die Herausforderung des Neuen Testaments

  4.) 
Was möchte Christus heute?

  5.) 
Die Widersprüchlichkeit der Kirche

  6.) 
Christus und Kirche passen nicht zusammen

  7.) 
Leiser Abschied

  8.) 
Kirchenaustritt stand in der Zeitung

  9.) 
Nicht mehr erwünscht

10.)
 Jesus wollte keine Pfarrer und Priester

11.) 
Was heißt eigentlich „evangelisch sein“?

12.) 
Welchem Christus folgen wir?

13.) 
Martin Luther, ein Mann des Krieges

14.) 
Kirchliche Blutspur und gesegneter Bombenregen

15.) 
Was hat die Bibel seit ca. 1700 Jahren gebracht?

16.) 
Kompromiss aus allen Kompromissen und auch noch Jahrzehnte zu spät

17.) 
Bibel? Herr Pfarrer, wir können´s nicht mehr hören!

18.) 
Martin Luthers psychische Probleme mit seinem Gott

19.) 
Kirchliche Gottesvergiftung

20.)
 Wie der wahre Sinn der Taufe verschleiert oder umgangen wird

21.) 
Man meldet seinen Säugling ja auch nicht bei der CSU an

22.) 
Die Eltern wünschen Gottes Segen und bekommen einen Kircheneintritt

23.) 
Konfirmation: Das zweischneidige Konfirmandenversprechen
      
  und die Manipulation an den Kindern

24.) 
Kann Heuchelei vermieden werden?

25.) 
Sich selbst erneuern

26.) 
Unbequem

27.) 
Erfahrungen

28.) 
Prüfungen

29.) 
„Innerer Weg“ und Liebe zur Schöpfung

30.)
 Die verbleibende Zeit


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gemeindeglieder von St. Stephan und Philippus!

Ich begrüße Sie ganz herzlich zum heutigen Abend, und ich freue mich, dass ich heute ohne Talar hier stehen darf, sozusagen als „Bruder unter Geschwistern“, so, wie ich es mir immer gewünscht habe ...

An den Lagerfeuern der Evangelischen Jugend

Worauf kam es mir an? Als ich angefangen hatte, Theologie zu studieren, war meine Motivation ganz klar. Ich war als Jugendlicher auf meine Art recht konsequent. Bei einigen Dingen hatte ich ein Gespür für Not und Ungerechtigkeit, und ich sagte: „Ich möchte etwas tun, was Jesus Christus will.“ Und in dieser Zeit, in den 70er Jahren, im damaligen Umfeld, war es für einen jungen Menschen mit Abitur nahe liegend, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden. Für mich als Jugendlicher lebte die Kirche an den Lagerfeuern und bei den Aktivitäten in der Evangelischen Jugend bzw. beim CVJM [Christlicher Verein Junger Menschen]. Mit den Sonntags-Gottesdiensten der Kirchengemeinden tat ich mich schwerer, ich hab’ da lieber ausgeschlafen. Für mich war stattdessen die Mitarbeiterstunde beim CVJM Hof das, was mir ein Gefühl von Zugehörigkeit und teilweise geistigem Zuhause gegeben hatte. Es gab verschiedene Aktionen, die ich als „gelebte Nachfolge“ verstand. Wir haben sogar einmal vor einer Disco Handzettel verteilt für eine christliche Jugendveranstaltung. Sicher, es war damals das Jugendalter, der Sturm und Drang, und manches war dabei auch altersgemäß.

Christ sein

„Ich will Christ sein“, das war mir wichtig. Es hat mich zunächst ins Theologiestudium gebracht, später dann zum Pfarramt. Ich war schließlich mit Überzeugung Evangelischer Pfarrer, und ich habe mich bemüht, das, was ich im Herzen glaubte, auch als „evangelisch“ zu betrachten. Also das, was ich glaubte und von Jesus wusste, wollte ich so auch als „evangelischer Glauben“ verstehen. Aber ich merkte mit der Zeit, dass das oft sehr schwer war.

So wie ich Jesus verstand, und wie ich den Glauben an ihn erlebt habe, und wie ich ihm nachfolgen wollte, war es etwas anderes als das, was die Institution Kirche repräsentierte. Und es waren seit dem Beginn des Theologiestudiums [1978] dreizehn Jahre Mühe und Anstrengung, in dieser Spannung zu leben.

Ich habe vor ca. dreizehn Jahren am Beginn des Studiums schon das erste Mal darüber nachgedacht, wie das wäre, wenn ich aus der Kirche austreten würde. Doch seitdem war ich auch immer bestrebt, evangelisch bleiben zu können und Christ-Sein und Kirche irgendwie zusammen zu bringen.

In der Verfassung für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern heißt es: Es gehe darum, „Gottes Heil in Jesus Christus in der Welt zu bezeugen“. Das klingt gut und ist genau das, worum es mir damals ging. Bei meiner Ordination [= Einsetzung] zum Pfarrer habe ich deshalb auch versprochen, das Amt „nach Gottes Willen in Treue zu führen und das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben ist, lauter und rein zu predigen“. Nach Gottes Willen zu leben, das war für mich immer die größte Herausforderung im Leben. Die Erzählungen von Jesus aus dem Neuen Testament, die sind mir dabei innerlich sehr nahe gegangen. Doch als ich dann in der evangelischen Kirche meinen Dienst tat, war ich oft zu bequem, um das dann wirklich umzusetzen, was ich von Jesus, von Christus, wusste.

Die Herausforderung des Neuen Testaments

Diese Herausforderung, die da war, die vom Neuen Testament her kam, von Jesus von Nazareth, hat mich privat schließlich zur Gemeinschaft, die sich "Universelles Leben" nennt, geführt. Es hieß, es gäbe da Urchristen, die würden so ähnlich leben wie Christus vielleicht heute leben würde. Ich habe zuerst gesagt, das gibt es überhaupt nicht. In unserer Zeit kenne ich überhaupt niemanden, vielleicht Mahatma Gandhi noch, der war mir da vom Hörensagen am ehesten noch nahe. Der war allerdings gar kein Christ.
Aber ich habe das einmal geprüft, bin privat dahin gegangen, inkognito, und habe bis auf wenige Ausnahmen nicht gesagt, dass ich evangelischer Pfarrer bin. Und dieser private Prüfungsprozess dauerte ca. vier Jahre, bis ich zu dem Ergebnis kam, dass das Geschehen dort wirklich im Sinne von Jesus ist und dass ich dabei am liebsten privat mithelfen möchte. Bis dahin habe ich versucht, alles, was ich dort gelernt hatte, bei Schulungen oder bei Veranstaltungen, in den evangelischen Glauben und in die evangelische Kirche zu integrieren. Denn ich wollte ja evangelischer Christ sein, evangelischer Pfarrer, und ich hatte mir immer wieder gesagt: „Die Evangelische Kirche ist ja die Kirche der Reformation und folglich auch eine Kirche, die sich selbst reformieren sollte.“ Ich habe lange an diese Erneuerung der Kirche geglaubt. Jetzt nicht mehr, dazu aber später noch etwas mehr.

Was möchte Christus heute?

Allein Christus“, wie es im evangelischen Bekenntnis heißt, das wurde mir in den letzten Jahren immer wesentlicher, und darauf kommt es heute für mich auch weiter an. Ich will Christ sein, und ich möchte nicht mehr fragen: „Was muss ich tun, damit die Institution Kirche Mitglieder behält?“ Sondern meine Frage ist: „Was möchte Jesus Christus heute mit denen tun, die so leben möchten wie er?“ So gesehen geht es überhaupt nicht um mich. Ich bin durch verschiedene Umstände heute in den Mittelpunkt gekommen, aber es geht um Christus.

Einer der wichtigen Sätze steht für mich im Neuen Testament, wenn Johannes der Täufer sagt: „Ich muss abnehmen, Christus muss zunehmen“. Von daher ist mir das gar nicht so lieb, heute Abend so viel persönlich zu sagen. Aber ich denke, das ist heute in dieser Situation einmal angebracht. Doch grundsätzlich ist mir wichtig, dass es um Christus gehen soll.

Soweit vorab als Zusammenfassung.

Die Widersprüchlichkeit der Kirche

Jetzt einige Worte dazu, wie es überhaupt zu diesem Abend kam.

Im Herbst vergangenen Jahres ist für mich der Entschluss gereift, das Pfarramt niederzulegen. Vorher habe ich einiges versucht, um diesen Schritt zu umgehen, viele Jahre lang. Eine gute Lösung schien zu sein: Eine Journalistik-Zusatzausbildung in der Kirche zu machen. Das wurde mir dann tatsächlich genehmigt. Als ich also dieses Angebot bekommen hatte, habe ich mir aber gedacht: „Ich kann diese Ausbildung nicht mehr machen. Ich kann das von meinem Gewissen her nicht mehr verantworten.“ Denn ich ahnte schon: Der Weg führt wahrscheinlich früher oder später aus der Kirche hinaus.

Das war zuerst nicht leicht, dieses berufliche Angebot fallen zu lassen. Doch die Entwicklung hat sich ja seither auch sehr in eine andere Richtung beschleunigt. In der Pfarrer-Dienstbesprechung der Gemeinde habe ich die Kollegen informiert [Anmerkung: Es waren insgesamt fünf Pfarrer in Bamberg-St. Stephan beschäftigt], und wir haben miteinander kurz darüber gesprochen, wie ich das nach außen hin darstelle, dass ich kein Pfarrer mehr sein möchte. Und die neutralste Formulierung schien mir damals eben: „Aus persönlichen Gründen“. Das könne dann jeder so auffassen, wie er möchte, und ich hatte noch gedacht, ich will keine Unruhe in die Gemeinde hinein bringen. Also spreche ich am besten von „persönlichen Gründen“. Ich habe das also so gesagt, um die Kirche zu schützen. Doch das ist ja unter diesen Umständen heute nicht mehr nötig, und so würde ich es jetzt auch nicht mehr formulieren. Ich bin, und Sie kennen mich ja, ein normaler Mensch, und, auf den Punkt gebracht, sage ich heute: „Das Problem bin nicht ich, sondern die Widersprüchlichkeit der Kirche, an der ich als einzelner gelitten habe.“ Für mich war die Diskrepanz einfach sehr groß: Immer das Neue Testament zu lesen und zu merken, wir machen das doch meistens anders.

Christus und Kirche passen nicht zusammen

Dazu noch ein paar weitere Gedanken: „Salz der Erde, Licht der Welt“ sollen die Christen sein. Ich denke dabei z. B. an die Feindesliebe Jesu, die Gewaltlosigkeit und die Umkehr, wenn man etwas Falsches getan hat. Das könnte etwa so aussehen, dass man miteinander dieses Ziel verfolgt, indem man sich z. B. vornimmt: „Wir wollen unser Leben ändern. Und nun gehen wir mal alle Bereiche praktisch durch, wie das vielleicht möglich wäre.“ Aus einer Umkehr heraus ist im Urchristentum auch vielfach eine Vollmacht gewachsen, und es kam sogar zu körperlichen Heilungen. Und Jesus von Nazareth sagte ja zu den von ihm Geheilten: „Sündigt in Zukunft nicht mehr“. Also diese Radikalität, die im Neuen Testament in den Evangelien auf jeder Seite zu spüren ist, davon sind wir meistens weit entfernt, und ich beziehe mich hier ausdrücklich mit ein, und da hat auch jeder seine menschlichen Schwächen. Klar: Wir sind vermutlich alle überwiegend freundliche und gut gewillte Menschen. Für gefährlich halte ich jedoch eine gewisse Selbstzufriedenheit. Wenn man nämlich einmal das Gesamtbild der Kirchengemeinden betrachtet: Wer traut sich dann, guten Gewissens zu sagen: „Wir sind die Nachfolger von Jesus in unserer Zeit“? Doch ich will hier niemandem zu nahe treten. Selbst wenn man es hier und da guten Gewissens sagen könnte: Was Menschen dann innerhalb dieser Kirche glauben und für richtig halten, entspricht oft gar nicht der Lehre dieser Kirche. Christus und Kirche sind nämlich zweierlei. Da sage ich später noch ein paar Sätze dazu. Und wenn man noch manches mehr einbezieht, wofür Kirche in der Gesellschaft steht, dann bestehen sogar Gegensätze zwischen Christus und Kirche: Wenn ich z. B. an den vergangenen Golfkrieg denke [1991], den die Kirche abgesegnet hat oder an die kirchlichen Weltanschauungsbeauftragten, die über Andersgläubige mit Unwahrheiten und Verleumdungen herziehen. Oder noch ein Bereich: Da wird z. B. jedes Jahr am Erntedankfest auch für Fleisch und Wurst gedankt. Doch was ist mit dem, was täglich in unseren Schlachthöfen passiert, die Todeskämpfe der Tiere, die dort sehr leiden? Die grausame Massentierhaltung wird von den Kirchen gesegnet, weil sie den Tieren die unsterbliche Seele und teilweise auch die Leidensfähigkeit abgesprochen hat. Doch was passiert, ist nicht im Sinne von Christus. Und ich könnte hier noch vieles aufzählen und begründen, will es aber erst einmal bei diesen Stichworten belassen.

Leiser Abschied

Wie ging es nun in der Gemeinde weiter? Es kam die offizielle und sehr freundliche Verabschiedung in der Philippuskirche im Januar, und mir war klar, bis zum 31. Januar [1992] bin ich noch Pfarrer in Bamberg-St.-Stephan und stehe auch zu dieser Verantwortung. Vom 1. Februar an konnte ich dann meinem Leben eine neue Deutung geben, doch mir war nicht daran gelegen, das öffentlich bekanntzumachen. Aber wer mich gefragt hat, dem habe ich gesagt: „Gut, ich habe das Dienstverhältnis als Pfarrer niedergelegt, und ich möchte in Zukunft in einem ´Christusbetrieb` beim Universellen Leben arbeiten.“ Das hat sich übrigens erst Ende Januar/Anfang Februar so ergeben. Bis dahin wollte ich es noch anders: Nämlich mich in aller Ruhe aus der Öffentlichkeit zurück ziehen, eine Umschulung machen und möglichst einmal raus aus allem sein. Aber die Dynamik der Ereignisse war nicht mehr aufzuhalten.

Auch mit dem Kirchenaustritt ging das so: Ich habe mir dann gesagt, das sind ja Glaubensgründe, weswegen ich nicht mehr Pfarrer sein wollte, und wenn schon so konsequent, dann mache ich jetzt keine Kompromisse mehr. Dann ganz raus. Ich habe in all´ den Jahren viele offene und versteckte Kompromisse machen müssen, und vor allem die versteckten haben sehr viel Energie gekostet. Jetzt wollte ich das nicht mehr. Aber auch da war mir überhaupt nicht daran gelegen, damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich war jetzt Privatmann, ich war einzelner, und der Kirchenaustritt war meine freie Glaubensentscheidung. Ich wollte überhaupt niemandem etwas sagen. Auch Freunde von mir wussten es nicht. Es waren vielleicht zwei oder höchstens drei private Gespräche, da hatten enge Vertraute danach gefragt, und ich habe gesagt: „Ja, ich bin ausgetreten.“ Ich habe das also weitgehend für mich behalten.

Kirchenaustritt stand in der Zeitung

Dann kam ein Anruf eines Journalisten vom Evangelischen Pressedienst epd, und er hat mir gesagt - das war dann Mitte Februar - er hätte gehört von einer Verbindung zwischen mir und dem Universellen Leben, und er würde gerne mehr darüber erfahren. Um den Kirchenaustritt ging es jedoch nicht. Und ich habe ihm auch gesagt, das sei ein privates Gespräch, ich möchte nichts in der Presse haben! Wieso auch? Ich bin kein Pfarrer mehr, ich bin ein ganz normaler Christ. Also: „In meinem Interesse ist das nicht, bitte schreiben Sie darüber nichts!“

Dennoch ist schließlich ein Artikel erschienen, und dadurch kam ein Stein ins Rollen, der das Klima sehr verändert hat in den letzten Bamberg-Tagen. Und so haben Sie dann ja in der Zeitung etwas von dem gelesen, was ich so gesagt habe. Was mich am meisten verwundert hat, war, dass der Kirchenaustritt samt Datum in der Zeitung stand, denn ich hatte mich hier bei den Behörden auf den Datenschutz verlassen. Ich weiß bis heute nicht, wer das an den Evangelischen Pressedienst verraten hat ...

Das nächste war, dass in der Zeitung Fränkischer Tag [Tageszeitung für Bamberg und die Region] dann wenig später zu lesen war, dass eine Gemeindeversammlung in Bamberg-St.-Stephan stattfindet, wo über die Beweggründe für meinen Kirchenaustritt informiert wird. Jetzt hatte ich aber darüber mit überhaupt niemandem gesprochen. Ich habe nur den Kollegen in privaten vertraulichen Gesprächen gesagt, warum ich das Pfarramt niederlege und dass ich nach außen einfach die Formulierung „persönliche Gründe“ wähle, ohne näher auf das Thema einzugehen. Über Kirchenaustritt haben wir auch unter den ehemaligen Kollegen nie gesprochen. Natürlich hängen die beiden Bereiche zum Teil zusammen. Man kann sie unterscheiden, man kann Parallelen sehen. Aber der Austritt ergibt sich nicht notwendigerweise aus dem Kontakt mit dem Universellen Leben, denn das Universelle Leben ist eine geistige Gemeinschaft, es gibt dort keine Mitgliedschaft, und auch Kirchenmitglieder können da hingehen. Da muss niemand eine Kirchenaustrittsbescheinigung vorlegen. Da hätte ich auch ohne Austritt ohne weiteres hingehen können, und ich habe mich auch zeitweise mit dem Gedanke getragen: „Wäre das vielleicht eine Möglichkeit? Muss dieser Austritt überhaupt sein?“ Ich habe das dann völlig frei für mich so entschieden.

Nicht mehr erwünscht

Und jetzt wird nun plötzlich eine öffentliche Veranstaltung anberaumt, wo über die Gründe, die zu meinem Austritt geführt haben, gesprochen wird. Das hat mich doch recht beschäftigt. Hätte es geheißen „Stephanskirche, wie geht es weiter nach dem Austritt von Pfarrer Potzel?“ hätte ich sicher nicht reagiert. Aber wenn über mich gesprochen wird, will ich auch reagieren. Also habe ich gesagt: „Gut, ich habe nichts zu verbergen, ich stelle mich dieser Diskussion, ich gehe da hin.“ Und dann hat mir mein Pfarrer-Kollege H. B. gesagt: Ja, ich wäre unerwünscht, und man hätte mit mir nichts mehr zu tun. Ich könnte oder sollte zu dieser Veranstaltung also nicht hinkommen.

Daraufhin habe ich mich entschlossen, als Alternative diesen Abend anzubieten. Dadurch ist jetzt Zeit, in dieser Weise miteinander nachzudenken. Das ist natürlich keine Kaminzimmer-Atmosphäre, und Sie spüren das auch schon: Wenn man am Kamin ein interessantes Gespräch miteinander führt, ist es etwas anderes, als wenn ich hier in diesem öffentlichen Rahmen spreche.

Ich möchte sagen, dass die Entscheidung für den Kirchenaustritt eine Entscheidung ist, um den Weg für etwas Neues frei zu machen, und so war ich auch sehr froh und erleichtert, als ich es getan hatte. Für mich gilt dabei: „Ich will Christ sein“. Und ich kann das Christ-Sein mit dem Evangelischsein nicht mehr vereinbaren. Das ist für mich das Ergebnis der Entwicklung in den letzten Jahren und Monaten. Es ist das Ergebnis eines Prozesses, über den ich jetzt noch etwas ausführlicher sprechen möchte.

Jesus wollte keine Pfarrer und Priester

Ich war ja in der ganzen Zeit nicht nur evangelisches Kirchenmitglied, ich war evangelischer Pfarrer und mit meiner ganzen beruflichen Existenz an die Kirche gebunden. Und bereits an diesem Amt kann ich einiges deutlich machen: Ich glaube nämlich nicht, dass Jesus Priester und Pfarrer wollte. Er wollte nicht, dass Theologen und Schriftgelehrte eine Gemeinschaft führen, die seinen Namen trägt. Mir war hier manchmal die anglikanische Kirche in England ein etwas besseres Beispiel als die eigene Kirche. Dort gibt es auch Theologen als Pfarrer. Aber „Pfarrer“ ist dort eine Zusatzausbildung, die ich Berufs begleitend machen kann oder in Intensivkursen. Die Leute haben eigene Berufe und jemand macht z. B. mit 45 noch eine Pfarrer-Zusatzausbildung. Also dort ist der Pfarrer viel mehr in das Leben der übrigen Bevölkerung integriert. Der Talar war für mich demgegenüber immer ein Symbol der Abgrenzung. Der Pfarrer im Talar grenzt sich dabei von den anderen Leuten ab.
Doch es hieß ja in der Reformation „Priestertum aller Gläubigen“. Die Abgrenzung war also nicht evangelisch für mich und schon gar nicht christlich. Oder auch die Abgrenzung des Altars: Der Pfarrer steht dahinter und sagt „Friede sei mit euch“, „Der Herr segne euch“. Er schließt sich immer aus in diesen ganzen Formulierungen. Und auch im Bewusstsein der Leute ist „Pfarrer“ eben eine Art besondere Berufung. Aber wieso eine besondere Berufung? Jeder Christ ist berufen. „Ihr alle seid Brüder und Schwestern“, hat Jesus Christus gesagt, es gibt da keine mit einer besonderen und andere mit einer weniger besonderen Stellung.

Was heißt eigentlich „evangelisch sein“?

Das mit dem Pfarramt ist aber nur ein Detail. Grundsätzlich ging es darum: Was heißt evangelisch sein? Kann ich evangelisch sein? Kann ich mein Christ-Sein, so wie ich es verstehe, mit dem Evangelisch-Sein verbinden?

Wenn ich Leute gefragt habe, warum sie in der Kirche sind, dann ging es meistens darum: „Ja, liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das war so der gemeinsame Nenner. Und ich sage dazu: „Den Nächsten lieben, wenn es einfach ist, geht es gut. Aber wie ist es denn mit der Feindesliebe? Oder wie ist es, wenn mir diese Nächstenliebe schwer fällt?“ Laut evangelischer Lehre ist es so, dass mir aus der Freude über die „Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden“, dass mir dadurch das automatisch zufallen soll. Also aus dieser Freude heraus soll die Kraft zur Nächstenliebe zufallen. Bloß das funktioniert meistens nicht. Und was dann? Was ist, wenn es so nicht geht?

Wenn ich in einen evangelischen Gottesdienst gehe, dann ist es ziemliche Glückssache, was ich an diesem Tag zu hören bekomme. Es ist das, was sich eben der einzelne Pfarrer gerade zuvor ausgedacht hat. So war eines meiner Ziele auch gewesen: Ein Konzept christlicher Persönlichkeitsbildung mit zu entwickeln und zu erproben, wo man eine „frohe Botschaft“ etwas systematischer darlegen kann. Doch so eine Zusammenfassung des Glaubens, die gibt es ja schon, auch wenn sie sehr theoretisch ist. Die evangelischen Bekenntnisschriften, das ist die bis heute verbindliche Lehrgrundlage der Evangelischen Kirche. Es ist so ein dickes Buch aus dem 16. Jahrhundert. Doch es ist eigentlich kein Pfarrer und kein evangelischer Christ so richtig damit im Reinen, wenn man überhaupt weiß, was da alles drin steht. Und ich kann heute sagen: „Da kommt einem manchmal das Grauen“. Aber genau das ist es. Nicht das, was wir vielleicht gerne hätten, dass es evangelisch wäre, ist evangelisch. Sondern das, was da ´drin steht. Und dann beginnen eben die Kompromisse, wenn man das nicht so ganz wahrhaben will. Und so war es für mich auch schon so ein Kompromiss, dass ich mich als Pfarrer lieber auf ein paar Lehraussagen konzentriert habe, die ich für die wesentlichen hielt. Da gibt es nämlich die zunächst einmal theoretischen Grundpfeiler der Reformation, die man folgendermaßen umschreiben kann: „Allein Christus, allein die Bibel, allein der Glaube, allein aus Gnade.“ Und anhand dieser vermeintlichen bzw. geglaubten Grundlagen der Kirche kann ich das jetzt einmal etwas vertiefen, was in den letzten Jahren geschehen ist.

Welchem Christus folgen wir?

Allein Christus“ - das war für mich die Basis, auf der ich den Gemeindeaufbau hier in der Stephanskirche und in der Philippuskirche gemacht habe mit anderen zusammen. Und dann frage ich mich natürlich auch: „Welchem Christus folgen wir?“ Allein Christus, darauf kann man sich zwar schnell einigen, das gilt ja als eine der Säulen des evangelischen Glaubens. Aber welchem Christus folgt man dann? So hat der Christus der Evangelien z. B. nicht von der „Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben allein aus Gnaden“ gesprochen, sondern er hat gesagt: „Wer diese Meine Rede hört und tut, der ist ein weiser Mann“ und: „Nicht wer ´Herr, Herr` sagt, wird ins Himmelreich kommen, sondern der den Willen tut des Vaters im Himmel“. Schon im Studium hatte ich ja erlebt, dass man jahrelang über Christus reden kann, ohne etwas tun zu müssen. Aber genau auf dieses Tun und nicht auf das Glauben und Reden käme es an.

Eine meiner Lieblingsstellen in der Bibel ist die im Matthäusevangelium von den falschen Propheten, wo Christus, wo Jesus von Nazareth, den einzigen Maßstab gibt, den wir anwenden können an Propheten, durch die Gott sprechen soll. Es gibt ja kaum mehr Gottespropheten. Viele sind auf den Scheiterhaufen der Kirche verbrannt, aber es gibt jetzt wieder welche. Aber da muss man gut unterscheiden, welches diejenigen sind, die ihre Botschaft von Christus bekommen, und welches diejenigen, die ihre Botschaft aus anderen Quellen empfangen. Den Maßstab, den Jesus uns dazu gibt, ist: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Das heißt: „Wer redet nur von Christus, aber tut nicht, was er sagt?“ Und die anderen: „Wer redet von Christus und tut auch das, was er sagt?“ Das war der Maßstab, den ich auch an die Prophetin angewendet habe, die im Universellen Leben spricht, eine Frau mit Namen Gabriele. Es ist aber auch der Maßstab für die eigene Kirche gewesen.

Martin Luther, ein Mann des Krieges

Ein Beispiel: Im Alten Testament heißt es: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ - ich vereinfache jetzt bewusst, ich kann das alles jetzt nicht ausführlich erklären. „Du sollst nicht töten“ heißt aber das fünfte Gebot. Das ist ein Widerspruch dazu, wenn man „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ z. B. als Rechtfertigung zur Vergeltung deutet, bis hin zur Tötung, was ja seit Jahrtausenden getan wird. Christus hat das noch weiter radikalisiert: Er hat sinngemäß gesagt: „Wer schon mit seinem Bruder zürnt, der verstößt gegen das fünfte Gebot, der wird schuldig. Und wer zu seinem Bruder sagt ´Du Narr!`, verstößt schon gegen den Sinn dieses fünften Gebotes.“ Das Töten fängt also schon mit Gedanken an.
Martin Luther hat das aber ganz anders gesehen. Er hat nicht auf der Linie von Jesus dieses Gebot radikalisiert, sondern er war noch viel brutaler als das Alte Testament. Bei der Auseinandersetzung mit den rebellischen Bauern hat er selbst über die Bauern, die nicht getötet haben, Todesurteile gesprochen. Also, man könnte sagen: Es gab den Bauernaufstand 1525: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ - wenn die Regierenden danach gegangen wären, hätte es bedeutet, dass ein aufständischer Bauer, der getötet hatte, von der Obrigkeit getötet würde. Aber Luther sagt sinngemäß: „Auch wer nicht getötet hat, hat ein zehnfaches Todesurteil verdient“, und das ist auch vielfach so geschehen. Das ist tatsächlich auch von den Fürsten so brutal vollstreckt worden.
Ich habe mich sehr intensiv damit auseinandergesetzt und habe auch gesagt: „Geschichte ist für mich wichtig, denn ich verstehe mein Leben und meinen Glauben auch aus der Geschichte.“ Und meine Sympathie war bei den Bauern gewesen, und ich könnte mich gut mit einem Bauern identifizieren, der davongelaufen wäre vor den Luther-Anhängern, die ihn hinrichten wollten. Also, das mal als ein kleines Beispiel. Da ist vieles aus dem Ruder gelaufen in der evangelischen Geschichte, und das fängt bereits bei Luther an. Und es gibt noch weit mehr, wo ich gesagt habe: „Meine Güte, du bist ein Vertreter der ´lutherischen` Konfession und sollst diesen Mann irgendwie als Vorbild betrachten und trägst seinen Namen sogar als eigene Konfessionszugehörigkeit. Wie kriege ich das bloß hin?“

Und es ist tatsächlich so, in den evangelischen Bekenntnisschriften, da gehört auch ein „gerechter Krieg“ dazu. Er gehört zum evangelischen Bekenntnis dazu, bis heute. Und die Rache der Obrigkeit sei nicht nur nicht verboten, sondern sogar geboten. Christus sagte aber schlicht „Du sollst nicht töten“. Natürlich kann man sagen, heute ist in der Kirche vieles ganz anders als früher. Aber ist es wirklich so anders?

Kirchliche Blutspur und gesegneter Bombenregen

Die Kirche war früher aktiv am Töten beteiligt. Von der Blutspur in der Geschichte der Kirchen wissen Sie, es wird grob von 60 Millionen Ermordungen gesprochen, alles in allem zusammen genommen, obwohl es die Bibel gab und sich die Kirchen immer darauf berufen haben. Wie ist es heute? Für mich gehört diese Gewaltlosigkeit Jesu zur Substanz des christlichen Bekenntnisses dazu. Und was ich jetzt sagen kann, darf ich sagen, weil es auch in der Zeitung stand: Als der Golfkrieg ausgebrochen ist, haben wir im Kirchenvorstand von St. Stephan eine Resolution verfasst. Aber diese Resolution hat offen gelassen, ob jetzt der von der UNO beschlossene Krieg gegen den Irak von christlicher Seite her gerechtfertigt ist oder nicht. Es ging um Frieden allgemein, aber ich habe gesagt damals: „Die christliche Position ist ´Du sollst nicht töten` und es ist nicht der Wille von Jesus Christus, wenn die Alliierten und ihre Militärpfarrer segnend Bomben auf den Irak und die Soldaten und Menschen dort werfen, so groß das Unrecht dort auch von der Regierung gewesen sein mag.“ Ich habe das gesagt, und Dekan S. antwortete: „Schreiben’s einen Leserbrief“. Damit war die Sache eigentlich entschärft, denn ich wollte aus den unterschiedlichen Überzeugungen keinen Konflikt entstehen lassen. Aber das Leiden in der Region ging für viele Opfer erst so richtig los. Und es waren ja fast ausschließlich Moslems, die z. B. in ihren Schützengräben von kirchlichen Soldaten einfach mit Sand zugeschüttet wurden. Erstickt und aus. Oder es gab Zivilisten, die bei lebendigem Leib in ihren Häusern verbrannten. Da braucht man sich dann nicht zu wundern über manchen Hass in der islamischen Welt über das Christentum.

Mir ging es oft so, das bedauere ich heute, dass ich im Laufe der Jahre einiges geschluckt habe oder dass ich mich manchmal auf ein bestimmtes Denken und Reden eingelassen habe, obwohl ich innerlich woanders war, oft weit weg und gesagt habe: „Eigentlich müsste es jetzt irgendwie ´krachen`, wenn ich ehrlich wäre.“ Dann habe ich aber gesagt: „Gut, wie sagte Jesus? ´Seid klug wie die Schlangen, aber ohne Falsch wie die Tauben`“. Ob ich es dann immer richtig ausgelegt habe, sei dahingestellt.

Allein Christus! Darum geht es, und ich frage deshalb: Welchem Christus folgen wir? Ist der Christus des evangelischen Bekenntnisses auch der Christus, der als Jesus von Nazareth auf dieser Erde lebte und von dem im Neuen Testament berichtet wird? Ich sage jetzt nach meinem Kirchenaustritt „Nein“ und könnte viele weitere Beispiele anführen.

Was hat die Bibel seit ca. 1700 Jahren gebracht?

Ein zweiter Punkt, die Bibel: „Allein die Schrift“, die zweite Säule der Reformation. Auch da muss ich fragen: „Welche Stellen der Schrift glauben wir?“ Denn es gibt zahllose Widersprüche und Ungereimtheiten [siehe dazu jetzt Der Theologe Nr. 8 - Wie der Teufel in der Bibel hauste]. Ein Beispiel: Da habe ich im Studium gelernt, dass der Reformator Philipp Melanchthon um 1531 ein Gutachten für die Universität Wittenberg geschrieben hat, in dem die Hinrichtungen von Andersgläubigen gefordert wurden, und Luther stimmte dem zu. Da wurden dann also später friedfertige Leute enthauptet, und zwar waren das Leute, die gesagt haben: „Wir lassen nicht die Säuglinge taufen, sondern machen es so, wie es Jesus auch gemäß der Bibel gesagt hat: ´Gehet hin und erst lehret und dann taufet`“. Aber diese so genannten „Täufer“ wurden von den Evangelischen verdammt. Und auch in den evangelischen Bekenntnisschriften wurde diese Lehre verdammt, obwohl sie von Jesus stammt. Doch die Leute, die sich daran hielten, wurden auf Veranlassung der Kirche getötet. Und mit welchem Recht? Luther hat nun diese Todesurteile mit der Bibel begründet, mit dem Alten Testament, z. B. mit dem Propheten Elia, wo wir ja auch eine Kinder-Bibelwoche darüber gehalten haben. Und Elia soll ja auch selbst Todesurteile vollstreckt haben. Und vermutlich hatte Luther auch noch die Stelle bei Paulus im Römerbrief im Kopf, wo es heißt, die Obrigkeit vollzieht mit dem Schwert das Strafgericht im Namen Gottes. Dazu muss man sagen: Andersgläubige galten für Luther generell als Unruhestifter, die das tödliche Strafgericht verdient haben. Und ich habe innerlich gemerkt, ich muss ungeheuer arbeiten, um das alles schlucken zu können. Und um doch zu sagen, wenn ich irgendwo etwas als Pfarrer tat: „Ja, ich bin lutherisch“ oder „Für unsere Kirche gilt die Bibel als Gottes Wort“. Mancher beschwichtigt dann und sagt, Luther war halt ein Kind seiner Zeit“. Doch das ist in diesem Zusammenhang Unsinn. Denn seine Opfer waren genauso Kinder ihrer Zeit“.
Gut, der „Geist der Bibel“, wie es heißt, der soll ja maßgeblich sein. Nicht unbedingt der Buchstabe. Doch es wurde im kirchlichen Christentum immer wieder auf diesen „Geist der Bibel“ hingewiesen oder auf die „geistige Mitte“ der Bibel, und trotzdem steht die vom kirchlichen Christentum geprägte Welt am Abgrund. Wir haben die Bibel und trotzdem ist Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft und unter den Christen überall. Wir haben die Bibel und von den Theologen - zu denen ich selber gehöre - wurde sie auseinander genommen bis auf´s Komma. Doch was hat die Bibel gebracht? „Salz der Erde, Licht der Welt“, heißt es, sollen die Christen eigentlich sein. Doch unendliches Grauen haben die Menschen, die sich so nennen, in die Welt gebracht.

Kompromiss aus allen Kompromissen und auch noch Jahrzehnte zu spät

Und heute? Eine der letzten Denkschriften der Evangelischen Kirche war die Wirtschaftsdenkschrift gewesen. Die Essenz, die wesentliche Aussage darin ist, dass Ökologie und Ökonomie in eine Balance gebracht werden müssen. Ja, wenn das vor 30 Jahren jemand gesagt hätte, wäre das bedeutsam gewesen, man hätte darauf hören können. Aber wenn das heute die wesentliche Botschaft sein soll, was andere auch schon vor zig Jahren gesagt haben? Und wenn ich dann noch die Absicht dahinter erkenne, es allen recht machen zu wollen, möglichst alles zu integrieren von CDU, CSU und SPD und FDP bis hin zu Ansätzen der GRÜNEN, dann ist das nicht „Salz der Erde“ und nicht „Licht der Welt“. Das ist dann der Kompromiss aus allen vorherigen Kompromissen und der kleinste gemeinsame Nenner aus allem, der zu überhaupt nichts mehr bewegt. Eine „Balance zwischen Ökonomie und Ökologie“, das sagt heute längst jeder, da brauche ich auch gar kein Christ sein dazu. Beispiel:  Der Club of Rome mit führenden Wirtschaftsleuten, der Chef von VW ist z. B. dabei. Da legen wahrscheinlich viele keinen Wert darauf, Christ zu sein, aber die gehen in ihren notwendigen Aussagen viel weiter als die Kirchen.

Also: Das Salz der Erde und das Licht der Welt habe ich eher an ganz anderen Stellen in der Gesellschaft wahr genommen, und ja auch beim Golfkrieg war es so: Da gingen keine wirklichen Impulse aus von den Evangelischen. Im Gegenteil: Da wurde denen, die töten, auch noch ein gutes Gewissen verschafft. Und ich sehe demgegenüber nun einmal das Neue Testament: Jesus war ein Revolutionär. Und er hat mich beeindruckt und bewegt. Doch jetzt repräsentierte ich die evangelische Institution und musste möglichst so arbeiten, dass niemand austritt. Das habe ich schon so empfunden. Ich habe mich auch immer daran gehalten. Aber der Preis, den ich dafür bezahlt habe, war sehr, sehr hoch.

Bibel? „Herr Pfarrer, wir können´s nicht mehr hören!“

Als ich mit den Schülern einmal das Thema Bibel“ im Religionsunterricht durchnehmen wollte, hat mir ein Schüler gesagt: „Herr Pfarrer, wir können’s nicht mehr hören! Christus, Bibel, jedes Jahr!“ Und ich denke, das ist es nämlich: Wenn man hört und nicht verwirklicht, nicht tut ... Und wenn man es einmal so hört und ein andermal so ... Und wenn da keine Dynamik davon ausgeht, wenn das Leben nicht wirklich sich verändert, dann kommt irgendwann einmal dieser Übersättigungseffekt. Und das kann ich gut nachvollziehen. Ein evangelischer Theologe, Paul Tillich, hat einmal sinngemäß gesagt: „Am besten wär’s, wir schweigen mal über die Begriffe ´Christus` und ´Gott`. Vielleicht können wir sie dann irgendwann neu hören in ihrer Kraft, in ihrer Vollmacht.“

Ich habe überlegt, ob das ein Weg sein könnte. Doch dann habe ich als Pfarrer durch die Kontakte im Universellen Leben einen tieferen Zugang zur Bibel bekommen. Ich habe die Bibel dadurch viel besser verstanden und habe manche Schätze in ihr neu entdeckt. Ich habe auch wieder Freude daran bekommen, in ihr zu lesen, so dass ich als Pfarrer eine Zeitlang sagen konnte: „´Alleine die Schrift`, das gehört ja zum evangelischen Glauben dazu. Und ich bin evangelisch und kann es auch bleiben.“
Wenn ich demgegenüber höre, wie der evangelische Sektenbeauftragte Wolfgang Behnk sagt: „Das Universelle Leben will die Bibel aus dem Verkehr ziehen“, dann kann ich nur antworten: „Dieser Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen.“ Der Zusammenhang ist nämlich folgender: Das Universelle Leben hat in einem Extrablatt einmal sinngemäß geschrieben: „Diese blutige Bibel, die soll aus dem Verkehr gezogen werden.“ Im Namen der Bibel wurden Menschen getötet, wurden hingerichtet, darum ging es. Mit dieser blutigen Bibel möchte man nichts zu tun haben, indem man sich da in vieles wieder hineinziehen oder vereinnahmen lässt. Deshalb greift man lieber auf andere urchristliche Grundlagen zurück. Denn das Gute, das in der Bibel enthalten ist, gibt es vielfach auch anderswo. Und natürlich ist es so, dass man die Lehre von Christus in der Bibel schon noch erkennen kann. Aber leider ist die Bibel widersprüchlich, und es stehen auch schlimme Dinge drin wie Aufforderung zum Völkermord und grausame Tieropfer. Deshalb geht es für mich in erster Linie darum: „Was will Christus?“ Und er sagt: „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der wird ins Reich Gottes kommen, der ist ein weiser Mann.“
So möchte ich gerne in Zukunft daran mitarbeiten, Christus zu rehabilitieren! Das heißt, sich daran zu halten, was er sagt und nicht einfach pauschal zu sagen, ich halte mich an die Bibel. Das wäre nur dann ok., wenn die Bibel mit Christus übereinstimmt. Sonst nicht. Und sie stimmt eben oft nicht überein. Und ich bin der Überzeugung, dass man in dem Geist, in dem Jesus von Nazareth gelebt hat, auch heute leben kann. Und das Wesentliche, das wir auch im Neuen Testament noch finden können, da glaube ich, dass das auf heute übertragbar ist.

Martin Luthers psychische Probleme mit seinem Gott

Die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben, allein aus Gnaden“, das wäre der letzte Punkt zum Evangelischsein, worüber ich sprechen möchte.

Martin Luthers Frage war gewesen: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Martin Luther war getrieben von Zweifeln, von Angst vor dem zornigen Gott. Er hat sich kasteit und gequält mit seiner Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Ich habe mir diese Frage allerdings nie gestellt und die meisten, die ich kenne, haben dieses Problem auch nicht.

Im Neuen Testament, bei Jesus von Nazareth, in den Evangelien, ist es eigentlich sehr einfach. Ich denke an das Gleichnis vom verlorenen Sohn bzw. an das Gleichnis vom barmherzigen Vater, so könnte man es auch nennen: Gott ist die Liebe. Gott ist barmherzig. Ich brauche Ihn gar nicht gnädig und barmherzig zu kriegen. Da braucht es kein System, keine Religion, die der Mensch irgendwie entwickeln muss, woran er sich irgendwie hängen muss, um Gott „gnädig zu kriegen“. Sondern Gott ist von vorneherein die Liebe. Und Gottes Liebe ist in jedem Menschen. Gott lebt in Seiner Schöpfung, und Er möchte jedem helfen. Ich muss Ihn nicht durch meinen Glauben oder mein Verhalten „gnädig kriegen“. Kinder können das verstehen, aber die Theologen haben eine komplizierte Sühnopfer-Theorie daraus gemacht, dass Gottes Zorn durch das Opfer Christi am Kreuz angeblich versöhnt werden musste. Und wenn ich das jetzt annehmen könne, wenn ich daran glaube, was immer das heißt, dann sei ich gerettet. So die kirchliche Lehre. Doch was heißt das dann genau? Heißt dieses „Glauben“ jetzt nur Für-Wahr-Halten und Vertrauen oder schließt es die Tat mit ein? Also, jeder in der Kirche hat es irgendwie anders gedeutet. Ich konnte gar nicht viel letzten Endes damit anfangen und habe das dann durch theologische Konstruktionen irgendwie hingekriegt, dass ich die Begriffe für mich gerettet habe und gesagt habe: „Gut, ich interpretiere das halt so und so. So ist das irgendwie noch tragbar.“ Ich will das jetzt gar nicht weiter vertiefen, es zählt zu den Kompromissen ...*
Bei Jesus gibt es keine vermeintliche Rechtfertigung alleine aus Glauben. Dazu ein Beispiel: Es ist ein Unglück passiert, die Leute sind entsetzt, und Jesus sagt: ´Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr genauso umkommen`. Da ist nichts von einer Rechtfertigung allein aus Glauben. Und Jesus sagt auch: ´Wer diese Meine Rede hört und tut, der ist ein weiser Mann` und vieles mehr dieser Art. ´Tue das, dann wirst du leben`, sagt er z. B. in einem Gespräch über die Zehn Gebote. Also, Jesus ging es immer um das Tun.

* [Die in diesem Zusammenhang folgende Passage über die evangelische Rechtfertigungslehre wird vom Vortragenden aus heutiger Sicht [2016] nicht mehr so befürwortet, weswegen sie hier auch nicht mehr erscheint. Mehr zu dieser Lehre aus späterer Sicht [2016] siehe in „Der Theologe Nr. 35“ - Gefährliche Rechtfertigungslehre]

Kirchliche Gottesvergiftung

Im evangelischen Bekenntnis, in einem Kernpunkt, heißt es auch: „Die Andersgläubigen werden verdammt.“ Und was Verdammung bedeutet, wird auch klar in den Bekenntnisschriften gesagt: Es soll eine ewige Verdammnis sein. Und da bin ich auch hellhörig geworden. Es gibt in unserem Land Nervenkliniken, da sind Leute, die glauben z. B., sie hätten eine Sünde begangen, die nicht vergeben werden kann - das steht z. B. so in der Bibel drin, und ich halte es nicht für ein authentisches Jesuswort. Da heißt es also: „Es gibt eine Sünde, die nicht vergeben werden kann.“ Leute steigern sich da rein, haben Angst vor der ewigen Verdammnis, die im evangelischen und katholischen Glauben gelehrt wird, und kommen in die Irre.

Also diese Gottesvergiftung - so möchte ich das einmal sagen - wird durch den evangelischen Glauben nicht wirklich aufgehoben, sondern sie bleibt unterschwellig immer da. Denn wenn ich dieses angebliche Erlösungsgeschenk nicht annehmen kann, dann gelte ich als ewig verdammt. Das steht einfach so drin im verbindlichen evangelischen Bekenntnis. Ich habe es zuerst nicht wahrhaben wollen. Ich habe immer gesagt, ich schaue auf das Verbindende, ich interpretiere manches anders, ich helfe mit, die Kirche auch vom Spirituellen her zu erneuern. Die Kirche will ja erneuert werden, das darf man ja. Ich sage da manches Grausame einfach nicht, sondern ich sage: „Man kann es anders deuten.“ Aber dadurch trage ich ja nur zur Begriffsverwirrung bei. Und Martin Luther hat es auf jeden Fall anders gemeint als ich es dann zuletzt gedeutet habe. Und heute kann ich endlich sagen: „Schluss jetzt!“ ...

Wie der wahre Sinn der Taufe verschleiert oder umgangen wird *

Deshalb zum Schluss das Thema Kirchenaustritt.

Kirchenaustritt hat damit zu tun: Wie werde ich Mitglied? Mitglied wird man in der Kirche durch die Taufe, in der Regel durch die Säuglingstaufe. Hier zunächst eine Bemerkung vorab: Alle Taufen, die ich gehalten habe, sind voll gültig evangelisch. Im Namen des angeblich dreieinigen Gottes, mit Wasser, das hat alles gestimmt. Ich habe alles so gebracht, war kirchenrechtlich alles in Ordnung. Aber wir haben bei der Gestaltung der Feier lieber ein paar Sachen weggelassen. Und zwar geht es bei der Säuglingstaufe - wenn man das evangelische Bekenntnis wörtlich nimmt - darum, dass dem Säugling die Sünden vergeben werden. Dann heißt es weiter: Der Heilige Geist würde ihm vermittelt, die Erbsünde würde ihm vergeben, vom Teufel würde er befreit, die ewige Seligkeit würde er bekommen. Ja, Gott selbst sei der Täufer. Also, es soll gar keine menschliche Handlung sein, sondern wir ziehen Gott praktisch da mit rein. Das kommt dann bei der Bestattung wieder, wenn man so lebt, wie es im Bekenntnis steht. Da heißt es dann sinngemäß: „Der Verstorbene ist getauft und hat geglaubt“, also kein Problem. Dann habe ich gesagt: „Nein, also so geht das nicht.“ Und ich wurde bestätigt, wenn ich die Leute selbst gefragt habe, was für sie die Taufe ist. Dann ging es ihnen auch um was ganz anderes als das, um was es ihnen eigentlich hätte gehen müssen. Und da haben wir uns dann immer geeinigt, haben das Beste miteinander daraus gemacht. Wir haben versucht, die Taufe zu reformieren, nämlich im Ansatz so zu verstehen, wie sie Jesus von Nazareth und Johannes der Täufer verstanden haben, so wie es im Urchristentum gemeint war, nämlich als eine Taufe zur Umkehr. Die Taufe also zur Buße. Das Wasser ist dann ein Symbol der Reinigung. Also: Die Taufe wäre das Zeichen dafür - so haben wir das gehalten -, dass wir unsere Mitmenschen um Vergebung bitten und Gott unser Leben neu machen möchte und Er uns die Kraft dafür gibt bzw. seinen Heiligen Geist. Darum sollte es eigentlich bei einer Taufe gehen

Man meldet seinen Säugling ja auch nicht bei der CSU an *

Und nun die Säuglingstaufe: Ich fand es zwar nicht richtig, schon Säuglinge zu taufen. Denn es ist eine Missachtung des freien Willens des Menschen. Schließlich meldet man sein neugeborenes Kind ja auch nicht bei der CSU an oder bei der SPD, sondern man lässt es später selbst entschieden, wie es politisch denken will. Und das sollte man erst recht bei einer so persönlichen Sache wie dem Glauben tun, dem Kind den freien Willen lassen, sich später selbst zu entscheiden. Man kann es ja kirchlich erziehen und ihm alles erklären und zeigen und das Kind in alles einführen. Doch entscheiden muss sich jeder dann zu gegebener Zeit selbst. Und es kommt noch etwas hinzu: Der Säugling kann ja noch gar nicht Buße tun und umkehren. Also wird der ursprüngliche Sinn der Taufe bei der Taufe von Säuglingen völlig verfehlt. Dann heißt es natürlich dazu in der kirchlichen Lehre, dem Säugling werde angeblich die Erbsünde vergeben. Doch ich habe auch nicht jede Verbiegung und Verfälschung der ursprünglichen christlichen Botschaft zum Thema gemacht, und die kirchliche Erklärung dieser Konstruktion habe ich den Eltern der Kinder erspart. Aber grundsätzlich gab es natürlich kein Wenn und Aber: Die Säuglingstaufen mussten sein, da hat niemand nach Hintergründen gefragt, ich musste es tun, es war Dienstauftrag, und ich habe es gemacht. Früher hätte man mich hingerichtet, wenn ich es nicht getan hätte. Wir, d. h. die Eltern und ich, haben dann einfach etwas Gutes daraus gemacht, wo jeder dahinter stehen konnte. Wir beteten z. B. darum, dass der Säugling später dieses Geschenk der Kraft und Liebe Gottes kennen lernen und in eigener freier Entscheidung annehmen kann.

Die Eltern wünschen Gottes Segen und bekommen einen Kircheneintritt *

„Dabei ist er vor allem auf Ihre Hilfe angewiesen, liebe Eltern“, so hieß es, und dann ging es eben darum: Die Eltern helfen dem Kind, sein Leben zu meistern, die Liebe zu entwickeln und Christus um Hilfe bitten zu können. Die Liebe, das ist dann die Liebe zum Nächsten, zu mir selbst, die Liebe auch zu denen, die mir Böses wollen oder tun. Dazu gehört auch, Gott und Seine Schöpfung zu achten und zu bewahren. „Seid ihr euch dieser eurer Aufgabe bewusst und tut ihr alles, was in eurer Kraft steht, so versprecht es mit den Worten ´Ja, mit Gottes Hilfe`“, so das Taufversprechen, das wir sinngemäß so formulierten. Darauf kann es den Leuten auch an. Sie wollten ja nicht, dass das Kind jetzt Kirchenmitglied wird, dass es dadurch automatisch zum späteren Kirchensteuerzahler wird. Oder dass ihm die angebliche Erbsünde vergeben wird oder eine Art Exorzismus an ihm durchgeführt wird. Und sie glaubten auch meistens nicht, dass die Taufe angeblich heilsnotwendig für das Seelenheil des Kindes sei, wie es die Kirche lehrt. Sondern sie wollten einfach Gottes Segen für das Kind haben, verstanden als eine Art Schutz vor Unglück oder Leiden. Und sie wollten selber in die Pflicht genommen werden in ihrer Verantwortung als Eltern und als Paten natürlich genauso. Und ich bin darauf eingegangen, und ich hatte den Eindruck, die Eltern und Paten waren damit sehr zufrieden. Doch dabei hatte ich vermutlich auch den falschen positiven Eindruck vermittelt, als wäre das eben immer so üblich in der evangelischen Kirche, und die unerfreulichen Aspekte und Lehrmeinungen wären bereits überwunden. Ich hatte - wenn man das so sehen will - einfach einmal mit dem Reformieren angefangen. Dabei bin ich nicht der einzige. Wenn man genau hinschaut: Jeder Pfarrer hat so seine eigenen Formulierungen und Ideen, und jeder macht es eigentlich so, wie er es für richtig hält. Doch es gibt keine einheitliche Richtung, und es hängt eben für die Eltern davon ab, mit welchem Pfarrer sie gerade zu tun haben. Und wirklich Entscheidendes bewegt sich dadurch auch nicht. Deshalb muss ich es hier auch so deutlich sagen: Es ist nicht verbindlich, was einzelne Pfarrer in der Kirche für Ideen haben. Sondern es gilt, was in den Bekenntnisschriften aus dem 16. Jahrhundert steht. Und deshalb haben diese ganzen Reformversuche auch so keine Zukunft. Letztlich streut man damit leider auch manchen Menschen Sand in die Augen, was die wahren Inhalte der kirchlichen Lehre betrifft.

[Aktualisierung: In der Zeitung Fränkischer Tag erschien am 19.12.2009 unter der Rubrik Familienanzeigen die Anzeige: "Ex-Pfarrer bittet um Vergebung für Taufen"; der Text ist auch hier einsehbar].

Das zweischneidige Konfirmandenversprechen
und die Manipulation an den Kindern
*

Gut, diese spätere freie eigene Entscheidung des Kindes wird dann bei der Konfirmation getroffen, das ist die nächste heikle Geschichte. Ich habe das meistens so gemacht mit den Konfirmanden: „Wollt ihr unter Jesus Christus, eurem Herrn, leben, im Glauben an ihn wachsen und als evangelisch-lutherischer Christ in seiner Kirche bleiben, so sagt ´Ja, mit Gottes Hilfe`“. So die zweischneidige Frage an die Konfirmanden. Denn ich hatte vorhin ja schon erklärt: „Glauben an Christus einerseits und evangelisch-lutherisch bleiben andererseits ist zweierlei. Ist aber von der Kirche natürlich nicht so gemeint, und damit habe ich die Konfirmanden auch nicht überfordert. Mit ihnen habe ich einfach besprochen, was es insgesamt bedeuten kann.
Also: Mit den ersten beiden Punkten, dem Leben unter Christus und dem Glauben an ihn, hatte ich keine Schwierigkeiten. Ich nicht. Aber was machen wir mit den vielen Konfirmanden? Kann man wirklich guten Gewissens sagen, sie wollen alle „unter Christus“, „ihrem Herren“ leben? Was ich jedoch wusste: Die Gastwirtschaft ist schon bestellt, der Festtag schon lange organisiert, die Verwandten schon eingeladen, usw.

Ich muss dazu noch einen Gedanken einschieben: Als ich gerade aus der Kirche ausgetreten war und es ein Kollege durch die Mitteilung des Standesamtes an die Kirchengemeinde St Stephan erfahren hatte, war seine Reaktion: „Dieter, was ist mit deinem Konfirmationsversprechen?“ Nun, wie kommt er auf diese Frage? Ich kann mich nämlich überhaupt nicht mehr an den Moment erinnern, als ich als Dreizehnjähriger dieses Versprechen gegeben habe. Ich hatte überhaupt keine faire Chance, „Nein“ zu sagen. Das war ja alles vorab geklärt. Das ganze Umfeld war für die Feier vorbereitet, und der ganze Konfirmandenunterricht war überhaupt nicht darauf ausgerichtet, eventuell „Nein“ sagen zu können. Man hatte überhaupt keine faire Chance, „Nein“ zu sagen! Das war selbstverständlich, dass man damals „Ja“ gesagt hat. Außerdem hatten sich die Eltern wirklich alle erdenkliche Mühe gegeben, ein schönes Fest für einen auszurichten. Ich kann mich erinnern, das war sehr liebevoll, und schon von daher wäre es für mich nicht vorstellbar gewesen, die Sache platzen zu lassen. Außerdem ist für einen Dreizehnjährigen ein Rückzieher auch deshalb nahezu unzumutbar, weil er dann auf die vielen Geschenke und auch das Geld verzichten müsste. Damit kann er z. B. für später für ein Mofa sparen, was alles völlig verständlich ist. Auch ich habe mich später sehr gefreut, als ich mir dann ein Mofa kaufen durfte. Doch das alles zusammen sollte nicht als die eigene freie Entscheidung für Christus und die Bestätigung des Taufversprechens dargestellt werden. Doch umgekehrt ist es auch nicht redlich, den Kindern den eigentlichen Gehalt der Konfirmation sozusagen unterzuschieben oder aufzudrängen. Denn wenn man einmal ehrlich ist: Ich kann doch von den Konfirmanden gar nicht erwarten, dass sie aus voller Überzeugung ein solches steiles Bekenntnis sprechen und sagen: „Ich entscheide mich lebenslang für Jesus Christus als meinen Herrn!“ Die Folgen sind doch für ein Kind kaum absehbar. Und ich kann sie auch nicht dahin missionieren, wenn sie das nicht selber wollen. Und außerdem sind sie alle noch in den Entwicklungsjahren, wo man sich schon mal für etwas begeistert, was man dann aber später natürlicherweise wieder ablegt. Ich kenne hier manche Pfarrer-Kollegen, nicht in Bamberg, die nutzen diese Situation aus und nötigen die Kinder dann fast zu einem ernsten Christus-Bekenntnis. Doch ist das wenig tragfähig und ist meist nach einiger Zeit wieder vorbei. Und es ist letztlich eine unverantwortliche Manipulation, für die die Kirche die Verantwortung trägt.

Kann Heuchelei vermieden werden? *

Deshalb habe ich gesagt: „Gut, Freunde, wir wollen da keine Heuchelei, sondern: ´Jesus Christus ist euer Herr, und ihr wollt im Glauben an ihn wachsen` - was machen wir jetzt mit diesem Versprechen, das ihr ablegen sollt? Was wollte denn Christus?“ Dann sind wir durchgegangen, was er wollte. Und das war einmal der erste Punkt. Dann habe ich den Konfirmanden sinngemäß gesagt. „Wenn ihr das alles auch so wollt, dann ist das schon einmal gut. Dann sollt ihr ja aber auch versprechen, evangelisch-lutherisch zu bleiben.“ Und dann sind wir durchgegangen, was das nun bedeutet. Und dabei hatte ich mich an dem orientiert, was ich als Pfarrer selber gemacht habe: Ich habe auf das Verbindende geschaut. Ich habe auf das geschaut, weswegen ich glaubte, noch evangelischer Pfarrer sein zu können. Es ist ja immer irgend etwas Gutes dabei, das ist immer so. Irgendetwas findet also jeder bestimmt, was in der Kirche gut ist, selbst wenn er sie überwiegend nicht gut finden sollte.
Und dasselbe galt für den Konfirmanden natürlich auch bei Jesus, bei dem ersten Teil der Frage. Irgendetwas findet jeder, was bei ihm gut ist, auch wenn er vielleicht nicht wirklich ein Jesus-Anhänger ist. Und dann habe ich z. B. einmal sinngemäß gesagt: „Gut, und das überlegst du dir vorher, wenn du zur Konfirmation gehst. Überleg’ dir, was du gut findest; erst bei Jesus und dann in der Kirche, und daraufhin gibst du dann dein Versprechen - also auf das, was du gut findest.“
Und ich sagte mir dann für mich: Wenn das nur 5 % sind, wenn es 20 % sind, wenn es mehr als 50 % sind oder wenn es fast 100 % sind, egal. Aber sie sollten etwas Gutes finden, was sie dann versprechen. So glaubte ich, eine Heuchelei vermeiden zu können.
Und so haben wir das am Ende immer irgendwie hingebogen. Aber irgendwo war die Sache - gelinde gesagt - schon in einem sehr problematischen Rahmen gewesen, das war mir schon immer klar. Und es ging auch nur, weil ich viele dunkle Seiten der evangelisch-lutherischen Lehre und der Kirche schlicht verschwiegen habe, wie z. B. die Lehre vom unfreien Willen in Glaubensdingen, übrigens eine ganz zentrale evangelische Lehraussage, was kaum einer weiß.
Doch wenn ich das jetzt alles vertiefe, würde das zu weit führen. Es würden auch noch andere furchtbare oder zumindest seltsame Dinge zutage treten, die alle evangelisch-lutherisch sind. Doch ich glaube, es ist auch bis hierher klar geworden: Eigentlich war es nur der Versuch einer Notlösung für die Konfirmation, damit die ganze Sache nicht nur eine große Show ist, aber damit das geplante Familienfest auch nicht platzen muss. Aber es ist keine wirkliche Lösung. Es ist wie ein Herumtasten nach einem Weg im Dschungel voller Manipulationen. Und deshalb habe ich ja jetzt auch aufgehört damit. Es geht so nicht mehr weiter. Ich kann das nicht mehr verantworten. Und wenn jemand sagen würde, Konfirmation ist „Lug und Trug“, dann könnte ich nicht wirklich widersprechen. Die größte Lüge dabei ist jedoch die kirchenamtliche: wenn nämlich ein Treueversprechen zu Christus mit einem Treueversprechen zur Kirche vermischt wird, wie das bei der Konfirmation geschieht. Denn das eine ist etwas völlig anderes als das andere.

Sich selbst erneuern

Gut, ich fasse zusammen:
Die Evangelische Kirche ist nach ihrem Selbstverständnis die sich immer erneuernde Kirche. Und die erneuernde Kirche, so könnte man es deuten, beginnt bei jedem einzelnen, das heißt, auch bei meiner eigenen Erneuerung. Darum ging es mir. Sie haben Positives von mir erlebt. Sie haben auch erlebt, dass ich menschliche Schwächen eingebracht habe in die Arbeit. Und ich habe natürlich auch gefragt: „Was sagt der evangelische Glaube dazu?“ Und da wollte ich dann nicht mehr so weitermachen: Diese ganze „Rechtfertigung allein aus Gnaden, du kannst auch auf Dauer alles mögliche falsch machen, du bist ja gerechtfertigt“ - das alles funktioniert letztlich nicht. Oder: „Du brauchst nichts tun. Die Rechtfertigung fällt dir zu.“ Das klappt so nicht. Bei mir nicht, bei anderen nicht.
„Allein mit Christus“, ja gut, ist besser, aber wird er denn wirklich Ernst genommen? Und: „Allein mit der Schrift?“ Das besagt noch nicht viel. Denn: „Wie lege ich sie denn aus bzw. was nehme ich davon heraus?“ Und hier kam mir dann natürlich auch meine ursprüngliche Absicht wieder in den Sinn, warum ich einmal angefangen hatte, Theologie zu studieren. Diese Liebe zu Christus, die ich damals hatte, die war im Studium und zum Teil im Dienst verloren gegangen. Und die wollte ich wieder erwecken.

Und ich habe für mich dann auch einen Weg gefunden, den ich gehen kann und der mich von innen her auch zufrieden und glücklich gemacht hat. Das waren ganz einfache Sachen. Also, als ich da einmal privat hingegangen bin, zu den Inneren Geist=Christus-Kirchen im Universellen Leben, da haben Leute darüber gesprochen: „Was mache ich, wenn ich Schwierigkeiten habe, mit dem Partner oder dem Kind oder Streit habe mit dem Nachbarn? Oder wie ist es jetzt, nachdem da ein Schicksalsschlag gekommen ist?“ Es waren ganz einfache Fragen, wo miteinander versucht wurde, den nächsten Schritt für den Betroffenen zu finden - er hat ihn dann in der Regel selber gefunden. Also, es ging systematisch darum, in diesem Glauben an Jesus Christus zu wachsen - darum ging es mir als Pfarrer ja auch. Und ich bin da wirklich weitergekommen. Und es war schließlich so, dass ich von diesen Treffen mehr und mehr gezehrt habe für meinen Dienst als Pfarrer, während von evangelischer Seite kaum mehr irgendein Impuls gekommen ist, der entscheidend weitergeführt hätte.

Unbequem

Es wird gesagt, da wäre ein Ausschließlichkeitsanspruch im Universellen Leben. Das ist nicht so - ganz im Unterschied zur Kirche. Christus ist ja nach dem Glauben der Urchristen auch in uns, im Inneren unserer Seele, und Christus möchte jeden von uns führen. Es geht gar nicht um eine Institution. Es geht darum: Wenn ich „Ja“ sage zu Christus, wird er mich führen und wird mir die nächsten Schritte zeigen. Und es ist im Universellen Leben so, dass jeder Weg der selbstlosen Liebe als ein Weg zu Christus gesehen wird. Es kann sogar sein, dass für jemanden dieser Weg derzeit falsch ist, nicht passt, weil er sich für sein Leben etwas anderes vorgenommen hat. Es wird deshalb auch gar nicht gesagt, jeder könne diesen Weg jetzt so gehen. Es wird allenfalls vorsichtig gefragt.

Es heißt auch im Neuen Testament bei Jesus von Nazareth: „Der Weg ist eng und die Pforte schmal, die zum Leben führt“, und da kann man runterfallen, das ist nichts Bequemes. Aber man muss sich halt entscheiden, was man will. Stichwort „selbstlose Liebe“. Will ich das überhaupt so erlernen? Daran hat es ja auch bei mir immer gekrankt. Doch die Frage ist eben: „Will ich auf diese Weise glücklich werden und andere glücklich machen, oder hoffe ich, es auf andere Weise zu werden?“ Für mich ist das Bild von dieser sprudelnden Quelle in einem selbst wichtig, von Christus, von Gott, als der innerste Kern auch in mir, so wie ja auch Jesus sagte „Das Reich Gottes ist in euch“ oder wie Paulus sagte „Ihr seid der Tempel des Heiligen Geistes.“ Diese Quelle ist einfach da. Und ich gebe daraus weiter, und es ist erst einmal zweitrangig, wer davon profitiert. Weil ich aber erst am Anfang bin, diese innere Quelle frei zu legen, deshalb ist das jetzt alles mehr theoretisch. Doch es ist das Ziel, und ich weiß dann, wohin ich gehe. Und so stelle ich mir eigentlich das Leben als Christ vor: Diesen Christus in mir zu finden und allmählich zu erschließen und alles, was dem im Wege steht, anzupacken und wegzuräumen, damit die Quelle freigelegt wird. Und so wird das im Universellen Leben auch gelehrt. Im Grunde genommen einfach und klar und ganz anders als bei Martin Luther, der lehrt, dass das Innerste des Menschen von Natur aus böse ist. Aber das wäre ein nächster Punkt, das kann ich jetzt nicht mehr vertiefen.

Erfahrungen

Was ist mit Frau Gabriele Wittek? Sie ist kein Guru, wo die Leute sagen „Was die Frau da sagt, da folgen wir einfach blind“, das ist nicht so, ganz im Gegenteil. Sondern sie ist eine „Schwester unter Schwestern“, und jeder kann für sich diesen Weg gehen, den auch sie geht bzw. schon gegangen ist. Es geht wirklich darum, dass jeder das erlernen kann, was diese Frau eben schon gelernt hat. Sie ist halt ein paar Schritte den anderen voraus, und auch das ist kein Glaubensbekenntnis, sondern eine sehr praktische Erfahrung. Und wenn ich weiter die Erfahrung mache, ich lasse mich auf diesen Weg ein, ich lasse mich auf Christus ein, so wie von ihm dort gesprochen wird, und ich gehe den Schritt, dann wird es eben zu meiner eigenen Erfahrung. Nur so funktioniert das. Dann stimmt das auch für mich. Dann kann ich sagen: „Ich weiß es, weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe. Ich kann es keinem beweisen, doch ich habe es mir selbst bewiesen.“ Und es gibt auch keine Hierarchien im Zusammenleben, wie von Gegnern behauptet wird, sondern es wird nach einer gemeinsamen Lösung gesucht.

Ganz kurz: Es sind Meditationskurse, und es beginnt ganz einfach mit der Schulung unserer fünf Sinne. Also, für mich war das ein echtes Aha-Erlebnis: Was sehe ich, was vielleicht ein anderer nicht sieht? Was höre ich und wie? Was nehme ich wahr und was nicht? Und warum?

Prüfungen

Die ganze Auseinandersetzung um den Glauben, es ist ein geistiger Kampf, das ist ganz klar, und es wird nicht über die Worte entschieden, sondern über die „Früchte“. So steht es in der Bibel. Das ist das einzige, was uns Jesus von Nazareth hierzu gesagt hat: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Wir können diskutieren, doch darüber wird nichts entschieden. Ich kann nicht mit meinem Intellekt irgendetwas richtig erfassen, wenn ich nicht den Weg hingegangen bin und es auch im Herzen geprüft habe.

Dazu noch ein Beispiel: Es heißt in den Evangelien: Christus wäre auferstanden, und die Jünger mussten sich auf den Weg machen nach Galiläa; auf den Weg machen, um ihn dort zu finden. Sie sind also nach dieser Erzählung nicht am leeren Grab geblieben, haben auch kein Protokoll geschrieben, keine Beweisaufnahme gemacht und nicht mit dem Spekulieren begonnen: „Ist er nun auferstanden? Wie könnte man das wissenschaftlich erklären?“ Sondern: Ich finde die Antwort nur auf dem Weg, auf dem ich ihm vielleicht begegne. Und dann wird man sehen. Und: Es geht dann um die Früchte, die auf diesem Weg gebracht werden und nicht um das bloße Ablaufen von Kilometern.

Zum Beispiel hat mich das am Anfang etwas gestört, dass es beim Universellen Leben hieß: „Da ist eine Prophetin, durch die spricht Christus“. Ich bin nicht leichtgläubig, und ich hätte da auch keinen Blankoscheck unterschrieben. Aber das hat auch gar niemand verlangt. Für mich waren es einfach die einzelnen praktischen Antworten auf die vielen Fragen, die mich überzeugt haben.

So ähnlich steht es auch in der Bergpredigt im Neuen Testament. Christus sagt nicht: „Hört, hier spricht Jesus Christus, der Sohn Gottes, folglich ist alles, was jetzt kommt ´göttliche Offenbarung`“. Sondern er hat einfach gesprochen. Und am Ende „entsetzten“ sich die Leute, wie es heißt. Das ist wichtig: Als Jesus sprach, entsetzten sich die Leute. Da kommt innerer Aufruhr, da werden sinnlose und schädliche Traditionen endlich in Frage gestellt oder gleich über Bord geworfen. Das ist nichts Bequemes, aber letztlich doch etwas ganz in der Tiefe Befreiendes. Und so habe ich auch Gabriele Wittek kennen gelernt. Als es hieß, „Christus spricht jetzt in einer Botschaft aus dem All“, da habe ich gesagt: „Das könnt ihr mir nicht erzählen, jetzt höre ich erst einmal zu, worum es da geht“. Und da habe ich es eben geprüft. Also von daher ist es müßig, darüber zu diskutieren: „Spricht Gott oder Christus jetzt durch diesen Propheten oder spricht er nicht durch ihn?“ Der eine sagt so, der andere sagt so, und ich habe ca. vier Jahre gebraucht für ein eindeutiges Ja. Doch es geht letztlich um die Früchte, die jeder für sich prüfen kann - also um die Taten, die aus diesem Glauben folgen.

Und es geht auch darum, ob Christus seine Gemeinde heute im Stich lässt und sie ständig weiter um die Fragen kreisen lässt, die die Leute vielleicht damals vor 2000 Jahren beschäftigt haben oder vor 500 Jahren, aber die sie heute weniger interessieren. Oder ob Christus nicht auch seine Gemeinde bei aktuellen Dingen von heute führt, z. B., um nur einmal ein Beispiel zu nennen, zu Fragen der Gentechnologie oder der Atomkraft. Ja, natürlich: Christus hat eine Position dazu, und man kann das prüfen.

Der Maßstab der Früchte gilt für alle, die sich Christen nennen, auch für die Christen im Universellen Leben. Und was ich dort gelernt habe, das war für mich wesentlich: Z. B., was Jesus in der Bergpredigt sagt: „Erst den Balken aus dem eigenen Auge ziehen und dann den Splitter aus dem Auge des Nächsten.“

Ich habe dort gelernt, diese Inhalte des Glaubens „gesetzmäßig“ anzuwenden, wie man dort sagt. Das heißt praktisch: Mich stört irgendwas an einem anderen. Jetzt könnte ich hergehen und sagen: „Mich stört das“ oder „Der andere macht das falsch, der andere ist schuld, dass es mir so ergangen ist“ oder so was ähnliches. Doch stattdessen sage ich mir zuerst: „Wenn mich am anderen etwas stört, dann habe ich das auch in mir.“ Das heißt, es ist ein Balken im eigenen Auge da. Erst muss ich den erkennen, das ist die erste Aufgabe. Und wenn ich ihn erkannt habe und bereinigt habe, dann kann ich auch dem Nächsten helfen, seinen Splitter zu erkennen.

„Innerer Weg“ und Liebe zur Schöpfung

Der Innere Weg im Universellen Leben - so heißt es dort, weil Gott im eigenen Inneren wohnt und auch in allen anderen Lebewesen, weil der Atem Gottes die ganze Schöpfung durchdringt. Das Reich Gottes ist in euch, sagte Jesus, und so hat es immer wieder so genannte Mystiker gegeben, die das so erlebten und die die Christenheit aufrütteln wollten. Deshalb habe ich z. B. mit der Zeit auch immer weniger Fleisch und Wurst gegessen, weil ich nicht mehr will, dass Tiere für mich leiden müssen und geschlachtet werden. Denn auch sie haben denselben Atem wie ich, und von Beginn der Schöpfung hatte Gott für Menschen und Tiere auch die Pflanzen als Nahrung vorgesehen. So steht es auch im Alten Testament. Das ist aber nur ein Detail. Grundsätzlich: Ich habe auf diesem Inneren Weg erlebt, dass ich meine Fehler besser erkenne und vor allem ihren Ursachen auf den Grund komme. Woher also kommen sie? Wenn ich die Wurzeln erkannt habe, geht es dann z. B. darum, zu vergeben und um Vergebung zu bitten. Das ist in einem Satz das, worum es da geht: Fehler zu erkennen, und dann zu fragen, wo kommt es her, also die Wurzeln zu erkennen. Und dann, falls nötig, vergeben und um Vergebung zu bitten, eventuell etwas wieder gut zu machen und das erkannte Negative nicht mehr zu tun. Und das mit dem Balken und dem Splitter, was Jesus gesagt hat, das ging mir da erst so richtig auf.

Es wird behauptet: Es wird dort sehr aggressiv gegen die Kirchen argumentiert. Ich habe es vor allem umgekehrt erlebt: Die Kirchen gehen sehr aggressiv gegen alle vor, die sie als so genannte „Sekten“ verleumden. Als Reaktion wird den Kirchen von den Urchristen nun der Spiegel ihrer eigenen Untaten und Scheinheiligkeiten vorgehalten. Es geht dabei um notwendige Aufklärung und nicht um eine Feindschaft. Aber natürlich muss sich jeder, der bei dieser Aufklärung mithilft, auch selbst in Frage stellen lassen. Das ist klar.

Die verbleibende Zeit

Ich komme zum Schluss:
Ich frage mich: Wie viel Zeit hat jeder noch? Wie viel Zeit haben wir noch? Zeit wofür? Ich denke, vielleicht könnten wir uns darauf einigen, dass wir nur Gast auf Erden sind. Ja, worauf kommt es dann an, auf dieser Erde, auf der wir eine Zeitlang als Gäste leben? Diese Erde ist eine Lebensschule, wo wir einiges in Ordnung bringen können, so sehe ich es, indem wir unsere Fehler, sprich „Sünden“, erkennen und bereinigen können. So kommen wir Gott näher.
Doch es geht nicht nur um uns als Einzelne. Es geht um das „Reich Gottes“, so hat es Christus gesagt. Die Leute sind gesund geworden durch Jesus von Nazareth, nachdem ihnen die Sünden vergeben worden sind. Dieser Zusammenhang ist sehr interessant. Und wenn dann doch der Tod kommt? Unsere unsterbliche Seele, die würden wir ins Jenseits mitnehmen. Bei jeder Bestattung war mir das wichtig gewesen: Nichts kann man nach drüben mitnehmen, gar nichts, nur die Seele, und das sind wir selbst. Und wenn darin die Liebe schon etwas entwickelt ist, die selbstlose Liebe, dann geht der Weg im Jenseits positiv weiter. Sonst ist viel Zeit vergeudet worden hier auf dieser Erde.

Es heißt ja auch in der Bibel: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zufallen.“ Das habe ich lange Zeit nie richtig kapiert, und ich habe mich eher um alles andere gekümmert. Doch „Reich Gottes“ heißt einfach, dass wirklich die Versöhnung, die Christus lehrte, praktiziert wird, nicht das ganze Äußerliche im Vordergrund steht, an das man so viel Zeit hängt und verschwendet. Ich sehe es z. B. jetzt ganz praktisch bei meinem Umzug. Wir beschäftigen uns oft mit so viel Unwesentlichem und sind nicht wirklich offen für das Wichtige. Oder auch die vielen Äußerlichkeiten in der Kirche, und dazu gehören auch die so genannten Sakramente - nicht so wichtig.

„Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, setzt euch ein für das, was für Christus und auch für euch selbst wirklich wichtig ist, und dann wird euch vieles zufallen.“ Das ist ein Weg. Darüber kann ich nicht intellektuell im Kopf entscheiden. Ich kann es aber hier und da einmal probieren und testen, und dann wird man sehen. Natürlich gibt es überall menschliche Schwächen, und es gibt überall Fehler. Aber die Frage Sind Sie Christ? Bin ich Christ? entscheidet sich an dem, was Jesus von Nazareth gesagt hat und wollte. Und es kommt darauf an, das zu tun und nicht wegzudiskutieren oder durch andere Lehren zu ersetzen. Und die evangelische und die katholische Lehre sind nun mal andere Lehren. Das kann ich so seit dem 1. Februar sagen. Man braucht sie bloß mit dem zu vergleichen, was in den Evangelien der Bibel steht.

Für mich sind also die katholische und die evangelische Lehre nicht das, was Jesus von Nazareth wollte, sondern es sind eigene Systeme, die das verwässern und teilweise ins Gegenteil verkehren, was ursprünglich mal da war. Und so gesehen denke ich mir: „Wenn Christus wieder kommt, wie es die Christenheit glaubt, dann wird er andere Wege gehen.“ Ich habe lange gebraucht, um das so zu sehen. Ich habe dreizehn Jahre an vielen Stellen in der Kirche mitgearbeitet und bin dabei doch viel auf der Stelle getreten. Das habe ich jetzt geändert.

Danke für Ihre, danke für Eure Aufmerksamkeit.

 

* Erklärung zu Taufe und Konfirmation: Die Abschnitte über die Taufe und die Konfirmation (die Kapitel 20-24) spiegeln teilweise auch das Ringen um eine Lösung innerhalb der Kirche wieder. Der Vortragende hat auf diese Weise eine Zeitlang versucht, weiter mit gutem Gewissen diese kirchlichen Handlungen vorzunehmen. Aus späterer Sicht [2014] würde er hier manches anders sagen und dabei hervorheben, warum er heute keine kirchlichen Taufen und Konfirmationen mehr befürwortet. Es wird deshalb ausdrücklich betont, dass die damals gefundenen und hier vorgetragenen Kompromisse hier nicht als Lösungsansätze für die Problematik vorgestellt werden. Sie dokumentieren als biografische Zwischen-Stationen jedoch einen schrittweisen und individuellen Weg aus der Kirche heraus. Zur Taufe ist mittlerweile auch eine eigene Ausgabe des "Theologen" entstanden.


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Ein langer Weg aus der Kirche heraus - Ein Aussteiger berichtet
 

Die Kirche gleicht dem Großinquisitor bei Dostojewski [der dem wieder gekommenen Christus ins Gesicht sagte: „Warum bist du denn jetzt gekommen, uns zu stören? ... Wir sind schon seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde, sondern mit ihm.“]. Aber der Großinquisitor wird von Christus auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen geküsst. Dostojewski schreibt: ´Das war seine ganze Antwort.`“

(Die Sichtweise des evangelischen Theologen Karl Barth; in: Heinz Zahrnt, Die Sache mit Gott. Die protestantische Theologie im 20. Jahrhundert, München 1966, S. 38)


 

Der Text kann wie folgt zitiert werden:
Dieter Potzel, Der Abschied aus dem Pfarramt und der Kirchenaustritt, Rede im Buger Hof in Bamberg vom 4.3.1992, zit. nach
http://www.theologe.de/bamberg_st_stephan.htm
 

PS: Die Rede wurde frei gehalten. Für die hier vorliegende schriftliche Fassung wurde sie vom Vortragenden geringfügig überarbeitet und mit einigen Passagen aus einer schriftlichen Unterlage ergänzt. 


 

Stephanskirche 2008: Am 27.4.2008 wurde die neue Orgel in Bamberg-St.-Stephan eingeweiht, die nach Information des Evangelischen Sonntagsblattes ca. eine Million Euro gekostet hatte, wovon die staatliche Oberfrankenstiftung 500.000,00 € bezahlte. Hier soll nichts Negatives über die Kunst der Orgelmusik im allgemeinen gesagt werden, die sicher eine Berechtigung hat. Doch hat Jesus, der Christus, gesagt: "Kauft euch von euren Schätzen teuerste Musikinstrumente und Kunstschätze, um mich damit zu ehren"? Es hat stattdessen gesagt: "Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten [auch mit euren Säcken voller Euros], das habt ihr mir auch nicht getan" (Matthäus 25, 45). Das ist Christus. Das andere mit der Orgel ist Kirche.

PS: In der Satzung der 1927 gegründeten Oberfrankenstiftung (www.oberfrankenstiftung.de) wird der Stiftungszwecke in § 2 (1) wie folgt formuliert: "Die Stiftung verfolgt gemeinnützige Zwecke auf dem Gebiet der Volkswohlfahrt unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Verhältnisse der Bevölkerung" - wobei allgemein auch "Kunst und Kultur" sowie "Denkmalschutz" gefördert werden können (§ 2 (2.1.)), obwohl nicht verständlich ist, wie dies mit dem Stiftungszweck in Einklang stehen soll. Schließlich bedeutet "Volkswohlfahrt" z. B. "Volksgesundheit, Wohnungs- und Siedlungswesen, Jugendwohlfahrt und Allgemeine Fürsorge" (siehe den Wikipedia-Eintrag über das "Preußische Ministerium für Volkswohlfahrt"). Und wie im Einzelfall gar die Teilfinanzierung einer millionenschweren Kirchenorgel als "Volkswohlfahrt unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Verhältnisse der Bevölkerung" interpretiert werden kann, mag jeder selbst beurteilen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die einfach Bevölkerung immer ärmer wird, währen die Kirchen in Deutschland über ein Vermögen von ca. 500 Milliarden Euro verfügen (siehe z.B. Der Spiegel Nr. 49/2001).

 


Dieter Potzel gibt heute zusammen mit einem ehemaligen katholischen Priester und einem ehemaligen katholischen Religionslehrer
die Zeitschrift Der Theologe (www.theologe.de) heraus. Nachfolgend die einzelnen Ausgaben:

 

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Letzte Änderung auf dieser Seite: 24.2.2016


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