Martin Luther und sein Gott der Unterwelt

Geheimnisse werden aufgedeckt: Ex-Pfarrer spricht über Martin Luther und die evangelisch-lutherische Lehre

Der Theologe Nr. 1, aktualisiert am 27.8.2023


 

DER THEOLOGE Nr. 1

fragt nach den Grundlagen und dem Bekenntnis des evangelisch-lutherischen Glaubens und veröffentlicht vielen Menschen bisher unbekannte Lehren und Verhaltensweisen Martin Luthers.

Was Luther damals lehrte und tat, vergleicht DER THEOLOGE auch mit dem, was Menschen in der lutherischen Kirche heute glauben und tun,
Dabei wird deutlich: Wie die katholische lehrt auch die evangelische Kirche einen verfälschten Jesus. So, wenn Jesus von Nazareth zum Beispiel unterstellt wird, dass Er gelehrt haben soll, "allein der Glaube" würde für das "Seelenheil" genügen. Der unverfälschte Jesus von Nazareth sprach jedoch immer vom rechten Tun, vor allem durch das Halten der Zehn Gebote. Siehe dazu auch Der Theologe Nr. 3 – So spricht Martin Luther – so spricht Jesus von Nazareth.
 
Eine der Grundlagen für den nachfolgenden Dialog zwischen einem Journalisten und einem Theologen ist die auch als Buch erschienene Doktorarbeit des evangelischen Kirchenrats und ehemaligen "Sektenbeauftragten" Dr. Wolfgang Behnk aus München (1949-2022) Contra Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei (Gegen den freien Willen – Für die Gnade Gottes) über die Schrift Martin Luthers De servo arbitrio (Vom geknechteten Willen). Dieses Werk des Reformators führt die Leser hinunter in die Abgründe des "Gottes der Unterwelt".
 


Jesus von Nazareth wollte keine äußere Religion mit Pfarrern, Sakramenten, Zeremonien und Kirchen aus Stein. Er sagte: "Das Reich Gottes ist in euch".

Der Katholik Martin Luther will seine Kirche erneuern. Doch auch er fordert
wie seine Mutterkirche den Staat zur Verfolgung und Hinrichtung zahlreicher Bevölkerungsgruppen auf, die nicht mit seiner Lehre übereinstimmen.
 


 

Inhaltsverzeichnis

Der Austritt aus der Luther-Kirche

War Luther ein Christ?

Prädestinationslehre und Lehre vom unfreien Willen

Der evangelische Glaube als höchster Grad des Glaubens
an einen Gott voller Ungerechtigkeit


Von der "Freiheit", nichts tun zu müssen


Der aus Luthers Sicht richtige Glaube

Christus oder Paulus?

Der Gott Luthers ist nicht der Gott von Jesus

Das evangelisch-lutherische Bekenntnis

Lutheraner kennen ihre Lehre nicht

Vom Willen Gottes im Nationalsozialismus und im jugoslawischen Bürgerkrieg

Luther: "All' ihr Blut ist auf meinem Hals!"

Der gefährliche Glaube

Erbsünde und Rechtfertigung?

Der lutherische Zorn "Gottes"

Wer ist Gott?

Nicht die Bibel allein

"Wie eine Art Gift"

Als Kind und Jugendlicher in der evangelischen Kirche

Das theologische Netz

Hat Luther seinen Freund Hieronimus Buntz erstochen?

Luther: "Gott henkt, rädert, enthauptet, tötet und führt den Krieg"

Gewissen und Verantwortung

Gewissensfreiheit

Das ungeschminkte Gesicht der lutherischen Kirche

Projektion und Lüge

Luther heute

Freiheit und sklavischer Glaube

Keine Bevorzugung für die Kirchen

Christliche Freiheit

 

 


DER AUSTRITT AUS DER LUTHER-KIRCHE

Der Journalist: Warum beschäftigen Sie sich mit Luther?

Der Theologe: Für einen evangelischen Theologen gehört das Wissen über Martin Luther zunächst zu den Grundlagen der wissenschaftlichen Ausbildung.
Zu bestimmten Anlässen interessierte sich allerdings eine größere Öffentlichkeit für den Kirchenmann. Das war zum Beispiel der Fall im so genannten "Lutherjahr" 1996 anlässlich des 450. Todestages, anlässlich der Vorstellung eines Kinofilms über Martin Luther im Jahr 2003 oder im Vorfeld des so genannten Reformationsjubiläums 2017. Dies wurde 500 Jahre nach der Veröffentlichung der 95 Thesen Luthers gegen den Ablass der Romkirche begangen, also gegen deren Behauptung, angebliche Sündenstrafen im Jenseits reduzieren zu können, was sie sich von den Gläubigen auch teuer bezahlen ließ. Doch welche Alternativen bot Luther an? Trotz mancher Kritik wird bis heute überwiegend ein positives Bild dieses Mannes gezeichnet, der sich als "Reformator" der Kirche einen Namen gemacht hat.

Schon als Student habe ich immer wieder erfahren, wie der Glaube Luthers oft dem widerspricht, was Jesus lehrte und uns vorlebte und woran ich mich orientieren wollte. Ich geriet in schwere Glaubenskämpfe und wollte mit dem Studium aufhören. In jener Situation entschied ich aber, weiterzumachen; in der Hoffnung, auch als Theologe und eventuell späterer Pfarrer doch einen ehrlichen Weg gehen zu können und Kirche und Christus irgendwie vereinbaren zu können. In jedem Fall wollte ich auf erkannte Widersprüche hinweisen und mithelfen, die Kirche weiter in Richtung von christlichen Werten zu "reformieren". Eine sich immer weiter reformierende Kirche (ecclesia semper reformanda) war ja auch seit dem 17. Jahrhundert ein Leitspruch evangelischer Kirchenlehren.
Als ich schließlich Pfarrer war, betonte ich das nach meinem damaligen Verständnis "Christliche" in der lutherischen Lehre und gründete mein berufliches Selbstverständnis vor allem darauf.
So glaubte ich eine Zeit lang mit gutem Gewissen, lutherischer Pfarrer sein zu können, denn die evangelische Kirche hatte nach ihrem eigenen Selbstverständnis ja angeblich das "Heil in Christus" zu ihrer Mitte gemacht, wie sie es auch in ihrer Kirchenverfassung niedergelegt hat (z. B. laut Kirchenverfassung, Grundartikel).

Unter dieser Vorgabe bin ich in der lutherischen Kirche also eine lange Wegstrecke gegangen, doch das Bemühen um die Nachfolge des Jesus von Nazareth führte mich schließlich aus der Kirche heraus. Denn ich kam schließlich zu dem Ergebnis: "Evangelisch-lutherisch" und "christlich" – das sind zwei verschiedene Bekenntnisse, die sich aufs Ganze gesehen widersprechen und von mir eine neue Entscheidung notwendig machen, die lautete: Ich will als Christ leben und Christus nachfolgen. Folglich habe ich die Konsequenzen gezogen und bin aus der lutherischen Kirche ausgetreten.

Kurz darauf habe ich mich einer Gemeinschaft angeschlossen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth zu führen.
Diese Gemeinschaft wird – obwohl sie rechts- und gesetzestreu ist – von der lutherischen Kirche heftig verleumdet und bekämpft. Wesentliche Ursachen dafür entdeckte ich in der anmaßenden, intoleranten und kriegerischen lutherischen Lehre selbst.
So sehe ich eine Aufgabe dieser Schrift in der Aufklärung über den Glauben Martin Luthers und über den Glauben, der heute in den evangelischen Kirchen gelehrt wird. Und dazu gehört auch, ihn einmal ungeschönt zu betrachten.
Eines ist mir in diesem Zusammenhang noch wichtig: Jesus sagte: "Zieh' zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst" (Matthäusevangelium, Kapitel 7, Vers 5). Das heißt: Sollte es in einem Konflikt einmal um den "Splitter im Auge des Bruders" gehen, dann ist die erste Frage für einen Christusnachfolger: Bist du zuvor den Balken im eigenen Auge angegangen? Das ist selbstverständlich. Bei der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der lutherischen Kirche geht es aber nicht um menschliche Fehler, die "Splitter" oder "Balken" sein können, sondern um eine grundsätzliche und allgemeine Aufklärung über die für die Kirche verbindliche lutherische Lehre.


 

WAR LUTHER EIN CHRIST?



Der Journalist: Sie sagen, "evangelisch-lutherisch" und "christlich" sind zwei verschiedene Bekenntnisse. War Luther denn kein Christ?

Der Theologe: Ob Luthers Lehre christlich ist, entscheidet ein Vergleich mit Christus, also ein Vergleich mit der Lehre und dem Leben des Jesus von Nazareth.
Die meisten Menschen, auch evangelisch Glaubende, wissen aber nur wenig von dem, was Luther gelehrt und wie er gelebt hat. Sein Antisemitismus bzw. Antijudaismus wird allmählich bekannter; ebenso seine Forderung während der Bauernaufstände im Jahr 1525, die Bauern zu töten. Vielen unbekannt blieben bisher weitere Hinrichtungsaufrufe des "Reformators", zum Beispiel gegen Menschen, die sich von den Amtskirchen lossagten oder gegen als "Hexen" verdächtigte Frauen. Auch wissen viele Kirchenmitglieder nicht, dass dieses Vorgehen mit Luthers Glauben zusammenhängt.
Wesentliche Inhalte von Luthers Glauben sind in der 1525 erschienenen Schrift Vom geknechteten Willen (De servo arbitrio) enthalten, die Martin Luther in seiner Auseinandersetzung mit dem Gelehrten Erasmus von Rotterdam verfasst hat.
Über diese grundlegende Abhandlung Luthers ist 1982 eine Doktorarbeit veröffentlicht worden, die in deutscher Übersetzung den Titel trägt: Gegen den freien Willen Für die Gnade Gottes (Lateinischer Originaltitel: Contra Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei; Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIII / Bd. 188, Frankfurt 1982).
Verfasser ist Pfarrer Wolfgang Behnk, später Kirchenrat in München und von 1991-2014 evangelischer "Weltanschauungsbeauftragter", verstorben im Jahr 2022. In der Kirche wird dieses so genannte Amt kurz "Sektenbeauftragter" genannt. Diese Kirchenvertreter sind darin  ausgebildet, vom hohen Ross herab vielfach als so genannten "Sekten" rufermordete Gemeinschaften auf vielerlei Art zu verleumden, als "Meinungsäußerungen" getarnte Lügen über sie zu verbreiten und sie den Massenmedien pauschal zur öffentlichen Diskriminierung anzubieten. Denn wer von den Institutionen Kirche als "Sekte" beschimpft wird – und hier wurden immer wieder alle in einen Topf geworfen, die den Großkirchen ein Dorn im Auge sind – dessen Existenz ist in unserer Gesellschaft vom Ruin bedroht. Martin Luther selbst verlangte einst die Hinrichtung dieser Menschen. Bei Luthers heutigen Nachfolgern reichen die offensichtlichen kirchlichen Maßnahmen vom öffentlichen Rufmord bis hin zu Aufrufen an die Staatsbevollmächtigten, gegen diese Menschen vorzugehen und ihnen normale staatsbürgerliche Rechte nicht zu gewähren. Ausführlich wird darüber berichtet am Beispiel der sowohl katholischen als auch evangelischen Bekämpfung der Urchristen im Universellen Leben in dem Standardwerk von Matthias Holzbauer, Die Verfolgung der Prophetin Gottes und der Nachfolger des Jesus von Nazareth. Die Geschichte der Grausamkeit von Kirche und Staat, Marktheidenfeld 2017.
(Mehr dazu auch im späteren Kapitel Das ungeschminkte Gesicht der lutherischen Kirche)

In seiner Promotion deckt Pfarrer Behnk Hinter- und Abgründe des intoleranten und gewalttätigen Glaubens von Martin Luther auf, welcher der modernen evangelischen Inquisition zugrunde liegt. Dabei verwendet er ein Wort, mit dem er später als Weltanschauungsbeauftragter andere Gemeinschaften in Verruf gebracht hat, das Wort "gefährlich". "Gefährlich" sind für den Kirchenmann in diesem Fall aber nicht andere Glaubensrichtungen, vor denen er später berufsmäßig warnt, sondern Glaubensaussagen Luthers (z. B.
Contra Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei; 340, 354), und es wird bei näherem Hinsehen deutlich werden, warum.
Trotz ihrer Gefährlichkeiten erklärt der Luther-Experte Luthers Lehre aber für "letztlich verbindlich". Mit Jesus, dem Christus, hat die lutherische Lehre aber nichts zu tun. Und auch das zeigt sich bei näherer Betrachtung.

Der Journalist: Wenn ich an Martin Luther dachte, sah ich bisher immer einen Mann im mittelalterlichen Gewand, der einigermaßen Vertrauen erweckend wirkte. Was schreibt Luther und welchen Glauben vertritt er in seiner Schrift Vom geknechteten Willen?



PRÄDESTINATIONSLEHRE UND LEHRE VOM UNFREIEN WILLEN

 

Der Theologe: Es geht Martin Luther um die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Gott; um die Sehnsucht des Menschen, sein "Heil" zu finden; um sein Verlangen, Gott zu begegnen.
Luther glaubt, weil Gott allmächtig sei, bewirke er angeblich alles, was auf dieser Welt geschieht. Angesichts dieser von ihm so geglaubten "Alleinwirksamkeit Gottes" fragt sich Luther, ob der Mensch einen freien Willen haben könne. Luther verneint dies.
Weiterhin fragt Luther, ob Gott, der alles weiß, auch alles vorherbestimme – im Guten wie im Bösen. Luther bejaht dies, und die Kirche nennt dies Prädestinationslehre (ausführlich dazu siehe in Der Theologe Nr. 49). Luther erklärt in diesem Zusammenhang sogar, Gott habe die einen Menschen zur ewigen Seligkeit vorherbestimmt und die anderen zur ewigen Verdammnis.
Für die zweite Gruppe heißt das zugleich: Der Mensch habe während seines Lebens keine Chance, umzukehren. Dies wäre auch gar nicht möglich, denn der Mensch besitze ja – so die vorangegangene These Luthers – gar keinen freien Willen.
Der deshalb von Luther als "geknechtet" bezeichnete menschliche Wille wird zur Verdeutlichung mit einem "Reittier" verglichen, auf dem entweder Gott oder der Satan sitzt.
Und beide, Gott und Satan, würden dann über den Menschen verfügen wie über einen Sklaven, je nachdem, wer gerade auf dem "Reittier", also dem betreffenden Menschen, sitzt, Gott oder der Teufel – wobei der Satan bzw. Teufel von Gott angeblich auch als Instrument benutzt werde. Tut ein Mensch Gutes oder tut er Böses, nie tue er es gemäß der Lehre Luthers also aus freiem Willen. Denn alles, was geschieht, ob wir es als gut oder böse empfinden, sei – so Luther – ausschließlich das Wirken Gottes in der Welt.

So weit einmal, mit wenigen Worten zusammengefasst, wesentliche Inhalte von Martin Luthers Schrift Vom geknechteten Willen. Wörtlich heißt es in dieser Schrift:
"Auf diese Weise ist der menschliche Wille mitten zwischen beide [in medio] gestellt, ganz wie ein Reittier, wenn Gott darauf sitzt, will er und geht, wohin Gott will, wie der Psalm sagt: ´Ich bin wie ein Zugtier geworden und ich bin immer mit dir` [Ps 73, 22f.]. Wenn der Satan darauf sitzt, will er und geht, wohin der Satan will. Und er hat nicht die Entscheidungsfreiheit [in eius arbitrio], zu einem der Reiter zu laufen oder ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst streiten darum, ihn festzuhalten und zu besitzen." (Weimarer Ausgabe der Lutherschriften = WA 18, S. 635)

Luther leugnet also den freien Willen des Menschen, und in der Zeit, in der er lebte, hatten seine Zeitgenossen auch keine Glaubensfreiheit. Sie mussten katholisch sein oder ab dem 16. Jahrhundert evangelisch, wenn der jeweilige Landesfürst in Deutschland das unter Androhung der Todesstrafe so anordnete. Mit Jesus, der uns den liebenden Gott nahe brachte, der jedem Menschen immer Seine Hand reicht, hat das aber nicht das Geringste zu tun. Viele Menschen gaben sich nun Mühe – oft aus nackter Angst um ihr irdisches Leben –, den von der Obrigkeit vorgeschriebenen Glauben auch wirklich zu glauben. Und wenn es ihnen nicht gelang, ihren gesunden Menschenverstand auf diese Weise zu knechten, wurden sie von Luther auf die angeblichen "Geheimnisse" Gottes verwiesen; eines Gottes, welcher sich nicht nur offenbare, sondern eben angeblich auch in bestimmten Geheimnissen verberge. Mit Jesus hat das aber auch überhaupt nichts zu tun.

Und dass solche und ähnliche Gedankengebäude nicht nur theologische Theorien sind, zeigt zum Beispiel das Schicksal der damals 44-jährigen US-Amerikanerin Marie Moore. Sie erschoss im Jahr 2009 ihren 24-jährigen Sohn und brachte sich dann selbst um. In ihrem Abschiedsbrief heißt es: "Eigentlich bin ich ein guter Mensch, doch der Teufel und Gott haben den schlimmsten Menschen aus mir gemacht. Ich schäme mich so. Ich habe solche Angst. Ich werde immer dafür zahlen." (zit. nach Bild, 8.4.2009)
Zur Erinnerung: Es war vor allem Martin Luther, der lehrte, der Teufel und Gott würden darum kämpfen, von einem Menschen Besitz zu ergreifen, ohne dass dieser dabei eine eigene Entscheidung treffen könne. Und hier schlussfolgert dann eine Frau im religiösen Wahn: Die beiden hätten "den schlimmsten Menschen aus mir gemacht".

Der Journalist: Das ist ja eine furchtbare Vorstellung, wenn ich mich nicht für einen Gott der Liebe oder im Gegensatz dazu für eine böse Macht entscheiden könne, sondern wenn ich sozusagen ein Spielball jenseitiger Mächte wäre.


DER EVANGELISCHE GLAUBE ALS "HÖCHSTER GRAD" DES GLAUBENS AN EINEN GOTT VOLLER "UNGERECHTIGKEIT"

 

Der Theologe: Doch Martin Luther treibt in seiner – wie es heißt – "reformatorischen Hauptschrift" Vom geknechteten Willen seine eigenen Glaubensvorstellungen in Abgründe noch ganz anderer Art. Und ich zitiere noch einmal aus diesem Werk: "Das ist der höchste Grad des Glaubens, zu glauben, jener [Gott] sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt; zu glauben, dass er gerecht ist, der uns durch seinen Willen unabänderlich verdammenswert macht, so dass er … an den Qualen der Unglücklichen Gefallen zu haben und eher hassens- als liebenswert zu sein scheint."

Der Journalist: Ich möchte unterbrechen. Der "höchste Grad des Glaubens" soll sein, dass ein ewig verdammender und ungerechter Gott gütig sein soll?

Der Theologe: Genau das ist Luther. Luther verlangt – symbolisch gesprochen – dass man Schwarzes als "weiß" bezeichnet. Deshalb ja seine Lehre vom "höchsten Grad". Man müsse eben maximalst evangelisch glauben, um solches eben im "Glauben" befürworten zu können. Entsprechend heißt es auch weiter: "Wenn ich also auf irgendeine Weise begreifen könnte, wie denn dieser Gott barmherzig und gerecht ist, der solchen Zorn und solche Ungerechtigkeit zeigt, wäre der Glaube nicht nötig." (WA 18, S. 632 f.)

Der Journalist: Martin Luther lehrt also einen Gott, der so viele Menschen "durch seinen Willen unabänderlich verdammenswert mache". Habe ich das richtig verstanden? Ich weiß nicht, ob ich das wirklich fassen kann. Das habe ich noch nicht zuvor gehört. Wenn das die evangelischen Kirchenmitglieder wüssten, würden sicher noch viele mehr aus der Kirche austreten. Und darauf kann ich mich wirklich verlassen, dass Martin Luther das so gelehrt hat?

Der Theologe: Sicher. Es wird von den Lutheranern auch gar nicht bestritten; nur eben meist unter den Teppich gekehrt, weil es eben offensichtlich nicht so "vorteilhaft" klingt. Mich erinnert das auch an die Warnung von Jesus von Nazareth, der laut Johannesevangelium (Kapitel 8) eindringlich vor dem "Vater von unten" warnt, den "Vater der Lüge", "der ein Mörder war von Anfang an". Denn lässt sich die Charakterisierung des lutherischen Konfessionsgottes nicht treffend mit dem Inhalt dieser Warnung vereinbaren? Martin Luther untermauert seine Gottesvorstellung dann so, dass es dafür eben, so wörtlich, eines "höchsten Grades des Glaubens" bedürfe, um sich einem solchen schrecklichen Götzen nicht nur aus Angst vor Hinrichtung und angeblichen ewigen Höllenstrafen zu unterwerfen, sondern freiwillig und gerne. Jeder mag für sich selbst entscheiden, ob Luthers Gott dann nicht der "Gott der Unterwelt" ist? Und wenn eine psychisch kranke Mörderin in den USA vor ihrem Suizid sprach, dass "der Teufel und Gott" einen schlimmen Menschen aus ihr gemacht hätten, dann erinnert diese ihre Religionsmeinung sehr an Martin Luthers Bild vom Menschen als Reittier, auf dem entweder der Teufel oder "Gott" sitzen würden, wobei beide ganz ähnlich charakterisiert werden. So kann an dieser Stelle auch gefragt werden: Sind sie für Luther nicht letztlich identisch?

Der Journalist: Aber was sagen dazu die evangelischen Theologen? Sie geben sich doch immer recht moralisch und können manchmal auch recht ansprechend predigen?

Der Theologe: Sie weichen meist aus und versuchen, sich aus dem scheinbaren Seitenausgang davon zu stehlen, den ihnen Martin Luther selbst anbot. Er meinte nämlich, der Mensch solle gar nicht so viel über diese Dinge nachdenken, sondern stattdessen einfach dankbar glauben, dass man glücklicherweise angeblich zu denen gehöre, die ihr Götze willkürlich rette und nicht zu den vielen, die er angeblich für ewige Qualen vorher bestimmte. Martin Luther selbst hat sich in diesem Zusammenhang an seiner eigenen Säuglingstaufe festgehalten, ja regelrecht festgekrallt, denn er kam oft mit seiner eigenen Lehre nicht zurecht, was angesichts der eben genannten Fakten auch nicht verwundert. Er und mit ihm später die lutherische Kirche verbreiten nämlich auch den Glauben, dass bei dem äußeren Ritual der Säuglingstaufe angeblich Gott "heilswirksam" an den Menschen handle. Und so sieht es auch die Vatikankirche bei ihren Taufen. Mit Jesus von Nazareth und Gott, dem Ewigen, haben die kirchlichen Wassertauf-Sakramente aber nicht das Geringste zu tun. Und es ist ja auch offensichtlich, dass bei diesem Tun ihre Pfarrer und Priester handeln, also sündige Menschen (mehr zur Taufe in Der Theologe Nr. 40). Welche Mächte dahinter stehen, das mag dann jeder selbst ermessen, der ihre Lehren kennt.

 

VON DER "FREIHEIT", NICHTS TUN ZU MÜSSEN

 

Der Journalist: Wir haben jetzt darüber gesprochen, dass der Mensch laut Luther keinen freien Willen besitzt. Darauf möchte ich noch einmal zurück kommen. Denn Martin Luther hat doch auch eine Schrift mit dem Titel Von der Freiheit eines Christenmenschen geschrieben?

Der Theologe: Diese ist 1520 erschienen, also etwa fünf Jahre vor der Schrift über den "geknechteten Willen". "Freiheit" klingt natürlich gut, das ist einer der höchsten ethischen Werte. Doch welchen Inhalt hat Martin Luther in diese Worte hinein gelegt, als er über "Freiheit" schrieb?
Bekannt geworden ist vor allem Luthers Grund-These, dass ein "Christenmensch" sowohl "ein freier Herr" als auch ein "dienstbarer Knecht" sei und "niemand" bzw. "jedem" "untertan" sei. (Weimarer Ausgabe der Lutherschriften = WA 7, 20 f.)
Mit "Freiheit" meint Luther aber nun weder eine äußere politische Freiheit noch eine innere Freiheit, z. B. eine Willensfreiheit, sondern einzig die Freiheit, im Hinblick auf das Seelenheil angeblich nichts tun zu müssen. Für das Heil soll alleine der Glaube an eine Vergebung aller Sünden durch Christus genügen. Zugespitzt würde ich sagen: Freiheit bedeutet für Luther, dass keiner etwas Gutes zu tun braucht. Damit wird aber "Freiheit" auch für etwas Negatives missbraucht.
Und was sind die Folgen? Hier behauptet Luther dann tatsächlich, bei entsprechend von ihm als "korrekt" definiertem Glauben komme man nach dem Tod in eine ewige Seligkeit – erneut ein krasser Widerspruch zu Jesus und dem Urchristentum, wo es um das rechte Tun geht und in diesem Zusammenhang das Gesetz von Saat und Ernte gelehrt wurde. In der Bibel, bei Paulus, heißt es sogar direkt: "Irret euch nicht. Gott lässt Seiner nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten." (Galater 6, 7)

Der Journalist: Warum hat Martin Luther eine solche Glaubenslehre entwickelt? Gab es dafür bestimmte Gründe oder Anlässe?

Der Theologe: Luther kritisierte zunächst das selbstsüchtige Kreisen von Menschen um das eigene Heil, welches bei vielen zu einer Art Leistungsdruck beim Tun bestimmter "guter Werke" führe. Man merkt bereits hier, dass einiges in dem Milieu, in dem Luther lebte, nicht stimmt, und dass die Psyche vieler Menschen unter dem Jahrhunderte langen katholischen Druck schon schwer Schaden genommen hat. Das ist ja auch kein Wunder, da sie von der katholischen Obrigkeit dazu gezwungen werden, Katholiken zu sein und z. B. nach jeder Beichte auf Anordnung des Priesters bestimmte "gute Werke" als angebliche "Bußleistung" tun müssen. Wirklich gute und selbstlose Werke würden die Seele des Menschen erfreuen.
Luther setzt diesem katholischen psychischen Druck entgegen, "dass ein Christenmensch am Glauben genug hat" und dass er "gewisslich von allen Geboten und Gesetzen entbunden" sei.
Zwar sagt Luther, dass dies nicht bedeute, "dass wir müßig gehn oder übel tun können", und er nennt in Anlehnung an Paulus gute "Werke" "erste Früchte des Geistes". Auch spricht er davon, dass die Absicht des Christen "in allen Werken nur dahin gerichtet sein" soll, "dass er andern Leuten damit diene".
Doch das Entscheidende ist: Wie viel Positives der Mensch dann aber letztlich tut oder unterlässt, ist für den neuen evangelischen Glauben nicht entscheidend. So hält Luther zwar die "Werke" weiterhin für "geboten", versteht sie aber nur als Folge des von ihm gelehrten Glaubens und erklärt unter diesen Vorzeichen in seinem Katechismus zum Beispiel, wie nach seinem Verständnis die 10 Gebote auszulegen seien.
Maßgebend für ihn ist aber, dass "ihm [dem Menschen] derselben Werke keines zur Frömmigkeit und Seligkeit not ist".
Anders gesagt: Der Mensch könne durch sein Tun angeblich nicht Gott näher kommen und nicht zu Gott finden. Auf diese Glaubensaussage kommt es Luther an. Damit verbaut er den Menschen aber den entscheidenden Zugang zu Gott und zu wesentlichen Gotteserfahrungen, die jemand erleben kann, der sich z. B. an der Bergpredigt des Jesus von Nazareth orientiert. Und wenn Luther lehrt, etwas sei zwar "geboten", aber nicht nötig, dann zeigen unzählige schlimme Erfahrungen, wie es dann unterbleibt. Das geht dann so weit, dass Lutheraner sich an dem Luther-Spruch "Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer" orientieren und in dieser Haltung gewissenlos immer wieder schwerste Verbrechen und Schandtaten begingen. Frei nach dem Motto: "Wer bekommt die Tapferkeitsmedaille vor dem Feind Christus?"


 

DER AUS LUTHERS SICHT RICHTIGE "GLAUBE"


Der Journalist
: Wenn das stimmen würde, was Luther lehrt, dass der rechte Glaube allein genüge, oder wenn eine solche Lehre christlich sein soll, warum hat Jesus von Nazareth dann so etwas nicht gesagt? Und wieso standen dann die 10 Gebote im Mittelpunkt des Bundes, den die Israeliten mit Gott am Berg Sinai geschlossen haben, so wie es ja auch in den Bibeln der Kirchen steht?

Der Theologe: Jesus hat es nicht gesagt, weil Er ganz anders dachte. Und auch Mose und die Gottespropheten des Alten Testaments dachten völlig anders. Jesus hat z. B. in der Bergpredigt den Weg zu dem nahen Gott gezeigt, indem Er die Gebote erklärt und vertieft hat.
Wenn Luther und die lutherische Kirche lehren, dass sich niemand aufgrund seiner "guten Werke" "rühmen" soll, dann stimmen sie hier noch mit Christus überein. Wer dies tue bzw. bereits von Menschen dafür gelobt werde, der habe, so Jesus, seinen Lohn schon bekommen (z. B. Bergpredigt, Matthäusevangelium; 6, 1-4). Das übrige der lutherischen Lehre stimmt aber nicht mit Christus überein, steht sogar im krassen Widerspruch dazu.
So sagt Martin Luther beispielsweise: "Wenn er [der Mensch] nicht zuvor glaubte und Christ wäre, so gälten alle seine Werke nicht, sondern wären eitel närrische, verdammliche Sünden" (Von der Freiheit eines Christenmenschen, WA 7). Man muss sich das einmal vorstellen: Alle guten Werke, welche Nichtchristen tun, seien aus der Sicht Martin Luthers verdammte Sünden. Nur wenn sie ein Mensch tut, der nach den Maßstäben Luthers ein Christ ist, würde es bei seinem "Gott" zählen. 
Und die Werke, so heißt es auch im bis heute gültigen evangelisch-lutherischen Bekenntnis, gefallen Gott "allein in den Gläubigen" (Augsburger Konfession = CA; XX). Die "guten Werk ohn Glauben" aber, so heißt es dort weiter, gefallen Gott nicht, sie seien "Sund", also Sünde. Wir finden hier die gleiche Aussage wieder bei Martin Luther, nur etwas anders formuliert. Und dies macht deutlich, dass es bei der evangelischen Lehre nur auf diese Art des Glaubens ankommt und Andersgläubige bis heute der Gottlosigkeit bezichtigt werden, auch wenn es für die lutherischen Pfarrer nicht modern ist, so zu predigen. Früher kam ein abweichendes Glaubensbekenntnis vielfach einen Todesurteil gleich, ob es nun von der katholischen oder von der späteren evangelischen Obrigkeit ausgesprochen wurde.

Der Journalist: Wie wird das im Katholizismus gesehen?

Der Theologe: Auch im Katholizismus zählen letztlich gute Taten nur bei den eigenen Kirchenmitgliedern. Kirchenaussteiger sollen gemäß der als "unfehlbar" behaupteten Lehre der Papstkirche bis heute ins ewige Feuer geworfen werden, auch wenn ihre Taten noch so edel und gut sind.
Dazu kann ich nur sagen: Ob katholisch oder lutherisch – was für ein arroganter Wahn, was für eine Perversion jedes gesunden Menschenverstands, die in der blutigen Folter- und Mordgeschichte der beiden Großkirchen auch ihre entsprechenden Früchte zeigt.
Und während man in der evangelischen Kirche heute manchmal sagt, dass man ja nicht jeden Glaubenssatz von Martin Luther in die heute gültige Kirchenlehre übernommen habe, so ist die Augsburger Konfession mit ihrer Lehre, dass gute Taten ohne den angeblich rechten evangelischen Glauben "Sünde" seien, bis heute eine verbindliche Lehrschrift für alle evangelisch-lutherischen Kirchen und ihre Mitglieder. Zudem zählt Luthers Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen bis heute in diesen Kirchen unumstritten zu den "reformatorischen Hauptschriften", und man hat sich von keiner der dort getroffenen Aussagen distanziert. So kann auch diese Schrift zwar nicht im engen dogmatischen Sinne, aber doch praktisch zum aktuellen evangelischen Bekenntnis hinzugerechnet werden.
 
Zusammenfassend kann man sagen: Martin Luther und die lutherischen Kirchen lehren, dass es für das Seelenheil nur auf den rechten Glauben ankomme, den sie für sich selbst reklamieren, mit unter Umständen schlimmsten Folgen für Außenstehende – von der Hinrichtung bis zur Androhung angeblich ewiger Hölle.

Der Journalist: Noch einmal zurück zu Jesus. Kann man sagen, es ist eindeutig gegen Christus, was Luther und die lutherische Kirche hier lehren?

Der Theologe:
Ja, und ich kann dazu noch einige Fakten ergänzen. Im Gleichnis vom Weltgericht (Matthäusevangelium, Kapitel 25), das Jesus erzählt, haben die "Geretteten" zuvor richtig gehandelt und haben nicht einmal gewusst, dass ihr Tun etwas mit Christus zu tun hatte. Um einen bestimmten Glauben ging es bei Jesus nicht. Und auch sonst sagen Mose und Jesus deutlich, dass es auf das Tun ankommt. Davon, dass der Glaube an die Vergebung aller Sünden aufgrund eines vermeintlichen Glaubens an Christus allein genügen soll, spricht Jesus nicht. Auch nicht davon, dass es einen Zorn Gottes gibt, der gesühnt werden müsse, um das ewige Heil als Geschenk zu ermöglichen. Und auch davon nicht, dass der einzige Weg zu diesem vermeintlichen Geschenk sei, dass er, Jesus, zuvor gewaltsam stirbt. In der Bergpredigt im Matthäusevangelium kann jeder nachlesen, wie Jesus den Weg zum "Heil" zusammenfasst. Es heißt: "Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel" (7, 21; siehe auch V. 12 und 24). Oder Jesus sagt laut dem Lukasevangelium über die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe: "Tu das, so wirst du leben" (10, 27). Oder die Goldene Regel, das Herzstück der Bergpredigt: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten" (Matthäus 7, 12). Und dann später: "Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute." (Vers 24)
Es geht also bei Jesus nicht um einen nebulösen "Glauben allein", sondern um das Tun (siehe dazu auch Der Theologe Nr. 35 – Gefährliche Rechtfertigungslehre). Folglich ist Luthers Lehre lutherisch, aber nicht christlich, und so geben es die Kirchenmitglieder immerhin korrekt auch als Konfessionsbezeichnung an: Nicht "christlich", sondern "evangelisch-lutherisch".



CHRISTUS ODER PAULUS?

 

Der Journalist: Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als Kind die 10 Gebote gelernt habe. Für mich waren diese Gebote mit das Wesentliche am christlichen Glauben.

Der Theologe: Das Wesentliche ist, die Gebote auch zu halten. Was nützt die evangelische Erklärung, das Halten der Gebote sei eine Frucht des Glaubens und diene dem Lob Gottes, wenn die Gebote dann nicht gehalten werden?
Konrad Grebel aus Zürich, ein Zeitgenosse Luthers, schreibt im Blick auf die "Lutherischen", es wolle "heute jedermann im Scheinglauben selig werden, ohne die Früchte des Glaubens". (Brief an Thomas Müntzer, zitiert nach Barbara Beuys, Und wenn die Welt voll Teufel wär, Reinbek 1982, S. 248)

Der Journalist: Hat Luther mit seiner Lehre somit die Hemmschwelle herabgesetzt, gegen die Gebote zu verstoßen?

Der Theologe: Bis zum Auftreten Luthers wurde in den Kirchen ja meistens gelehrt, dass der Mensch durch die Befolgung der Gebote zumindest etwas zu seinem Seelenheil beitragen könne.
Der lutherische Theologe Dr. Behnk stellt nun in seiner Doktorarbeit fest, dass Luther bemüht ist, diese sich auf den freien Willen des Menschen stützende Lehre "als theologisch völlig unhaltbar zurückzuweisen" (a.a.O., 329). Ob damit die Hemmschwelle herabgesetzt wird oder nicht, zeigte und zeigt sich dann im Verhalten der evangelisch Glaubenden, z. B. durch einen Blick in die evangelische Kirchengeschichte.

Der Journalist: Wieso beruft sich Luther dann auf Christus, wenn Christus es doch ganz anders lehrt?

Der Theologe: Luther sagt zwar, entscheidend sei, "was Christus treibet". Er nimmt den Namen "Christus" also für sich in Anspruch. Wenn man aber nachfragt, bezieht er sich gar nicht wirklich auf Christus, sondern auf die Christus-Interpretation von Paulus. Doch schon Paulus hat die Lehre von Christus verändert bzw. verfälscht. Nur an einer einzigen Stelle bei Paulus steht der für Luther maßgebliche Satz, "durch den Glauben" werde der Mensch "gerecht". (Brief an die Römer; 3, 28)
Und von Paulus hat Luther auch die Lehre abgeleitet, dass Gott zu den einen gnädig sei, die anderen jedoch verstocke und verdamme (Brief an die Römer, Kapitel 9). Und auch über einen solchen Ausspruch kann doch bei Lutherfeierlichkeiten nicht einfach hinweg gegangen werden. Was für ein grausames Gottesbild!
Paulus, Luthers Gewährsmann, glaubte wiederum, solches aus den Schriften des so genannten "Alten" Testaments ableiten zu können. Und auf Paulus berief sich auch der in beiden Großkirchen als rechtgläubig hochgeschätzte Kirchenvater Augustinus (354-430), der ebenfalls solches lehrte, und an dem sich Martin Luther als "Augustiner"-Mönch orientierte. Mit Jesus und dem christlichen Glauben hat ein solcher Glaube aber überhaupt nichts zu tun.

Der Journalist: Jesus und Paulus – in der Kirche wird es so dargestellt, dass beide letztlich das Gleiche lehren.

Der Theologe: Es gibt Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede und das ist dann eben "paulinisch", aber nicht christlich. Einig sind sich Jesus und Paulus, dass die vielen hundert jüdischen Gesetzesvorschriften, z. B. im "Alten" Testament, nicht zu Gott führen – doch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Weil Priester im Alten Testament vielfach Texte gefälscht hatten und ihre eigenen Lehren als "Wort Gottes" ausgaben, stellt Jesus dies richtig, wiederum in der Bergpredigt, wenn Er sagt: "Ich aber sage euch", und dann folgt die Korrektur.
Anders als Jesus erkannte Paulus aber alle Gesetzesvorschriften als Gotteswort an, lehrte aber stattdessen das Heil durch "Glauben", weil niemand die Vorschriften alle erfüllen könne (siehe dazu Der Theologe Nr. 5 – Wie Paulus die Lehre des Jesus veränderte). Das ist etwas ganz anderes als das, was Jesus lehrte.
Luther geht nun gedanklich noch einen Schritt weiter von Jesus weg als Paulus und lehnt nicht nur die Ethik des "Alten Testaments", sondern auch die Ethik des Jesus von Nazareth als Weg zu Gott ab, nämlich das schrittweise Erfüllen der Bergpredigt. Luther akzeptiert das Erfüllen der Lehre von Jesus – wie bereits besprochen – nur als "Frucht" des Glaubens. Hinzu kommt, dass er die Lehre von Jesus auch noch vielfach entstellt und in ihr Gegenteil verkehrt, so dass man zahlreiche Widersprüche zu Jesus findet (vgl. Der Theologe Nr. 3 – So spricht Martin Luther – So spricht Jesus von Nazareth). Und um seine eigene Lehre zu bekräftigen, verändert bzw. manipuliert Luther sogar den oben genannten biblischen Paulustext und fügt in seiner "Übersetzung" das Wort "allein" hinzu. So heißt es in Luthers Übersetzung, "allein durch den Glauben" werde der Mensch gerecht. Im Original-Paulus-Text steht lediglich: "Durch den Glauben".


 

DER GOTT LUTHERS IST NICHT DER GOTT VON JESUS

 

Der Journalist: Was lehrt uns Jesus von Nazareth über Gott? Wo liegen weitere Unterschiede und Gegensätze zu Luther?

Der Theologe: Jesus spricht ganz anders über Gott als Luther. Er hat den Menschen immer wieder die unendliche Liebe Gottes nahe bringen wollen.
So vergleicht er Ihn zum Beispiel im Gleichnis vom "verlorenen Sohn" mit einem liebenden Vater, wie es im Lukasevangelium nachzulesen ist (Kapitel 15). Der Vater hatte den Sohn nie aus dem Herzen gelassen und ihm die Türe immer offen gehalten. Allein der Sohn entschied über sein Fernbleiben oder seine Rückkehr.
So reicht Gott jedem Seiner Kinder zu jedem Zeitpunkt die Hand, und für keinen der Söhne und Töchter gibt es dabei ein ewiges Zu-Spät, auch wenn der Mensch lange und schmerzhafte Umwege geht.
Jesus weiß dabei um das Gesetz von Saat und Ernte, wonach die Menschen ernten, was sie gesät haben. Doch gerade im Leid ist der barmherzige Gott, wie Ihn Jesus lehrt, mit Seiner Hilfe ganz nahe, was auch Jesus durch Sein Leben zeigen möchte. So hilft Gott auf vielfältige Art, auch durch Menschen wie den bekannten "Samariter", der sich für den ausgeraubten und verletzten Mann auf der Straße Zeit nimmt und ihn versorgt. (Lukasevangelium, Kapitel 19)

Beim Lesen von Luthers Schrift Vom geknechteten Willen bekommt man aber ein völlig anderes Verständnis von Gott. Luther vergleicht Gott hier mit einem Reiter, der sich auf sein Kind setzt und es dorthin reitet, wohin er – dieser Gott – will. Das Kind reitet also nicht dorthin, wohin es selbst will. Und dieser stattdessen auf ihm reitende Gott, dem das Kind ausgeliefert ist, meint es selten gut mit dem Menschen, er "treibt" ihn eventuell "regelrecht dorthin", dass er sich "in das Böse verstrickt", so der lutherische Sektenbeauftragte und moderne Inquisitor Behnk (a.a.O., 336). Nur mit der Minderheit der von ihm Erwählten ginge er anders um.
Der spätere lutherische "Sektenbeauftragte" Behnk macht darauf aufmerksam, dass der menschliche Wille hier bei Luther nicht mehr "von innen her bewegt, sondern als von außen her besessen illustriert wird". (340)
So lehrt also Luther, dass kein Mensch, auch nicht der Christ, einen freien Willen besitzt, sondern dass der Mensch stattdessen von einem der beiden vermeintlichen "Reiter" geritten bzw. besessen wird: Gott oder Teufel.

 

DAS EVANGELISCH-LUTHERISCHE BEKENNTNIS

 

Der Journalist: Das klingt für mich ungeheuerlich. Lehrt das die evangelische Kirche heute immer noch?

Der Theologe: Die entstehende evangelische Kirche hat diese Lehre Luthers unter dem Einfluss von Luthers Wittenberger Theologen-Kollegen Philipp Melanchthon (1497-1560) schon im 16. Jahrhundert gemildert und in der Augsburger Konfession (1530) das Zugeständnis gemacht, dass der Mensch wenigstens in den "Dingen" frei ist, "so die Vernunft begreift" (CA XVIII). Auch Luther hatte bereits einige Hinweise in diese Richtung gegeben.
In den entscheidenden Schicksalsfragen hat die Kirche aber Luthers Lehre vom geknechteten Willen bestätigt und in ihre auch heute noch gültigen Bekenntnisschriften aufgenommen. Demnach gilt in der evangelisch-lutherischen Kirche bis heute, "dass der freie Wille und Vernunft in geistlichen Sachen nichts vermag" (Apologie der Konfession XVIII). Nötig dafür sei der "heilige Geist", wozu es angeblich die Institution Kirche brauche. Denn um den "heiligen Geist" zu bekommen, hätte Gott "das Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakrament [ge]geben, dadurch er als durch Mittel den heiligen Geist gibt, welcher den Glauben, wo und wenn [wann] er will, in denen, so das Evangelium hören, wirket ..." (CA V)
Der Mensch kann also ohne kirchliche Taufe, ohne Predigt des Pfarrers und ohne kirchliches Abendmahl den "heiligen Geist" nicht vermittelt bekommen. Diesen brauche er aber, damit dieser in ihm wiederum den Glauben bewirke, der nötig sei, um gerettet und nicht ewig verdammt zu werden. Frei entscheiden könne sich der Mensch für diesen Glauben aber nicht, wobei man sich wieder auf Paulus beruft, der in einem Brief an die Gläubigen im griechischen Korinth schrieb: "Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes" (1. Brief an die Korinther, Kapitel 2 / CA XVIII). Gemäß dem lutherischen Bekenntnis bewirke stattdessen der kirchlich vermittelte "heilige Geist" den heilsnotwendigen Glauben.
Die Schlussfolgerung daraus wäre: Eine Loslösung von diesem Glaubenssystem würde das Kirchenmitglied in die ewige Katastrophe führen. So wird der Gläubige an die lutherische Kirche gekettet.

Der Journalist: Gilt also bis heute in der evangelisch-lutherischen Kirche auch der Glaube an eine angeblich ewige Verdammnis?

Der Theologe: Ja. Zwar wird heute nicht mehr gelehrt, dass Gott bestimmte Menschen zur ewigen Verdammnis vorherbestimme. Er sehe aufgrund seiner Allwissenheit "nur" noch voraus, wer ewig verdammt werde, so wie er grundsätzlich alles vorhersehe, was geschieht (z. B. CA XVII in Verbindung mit der Konkordienformel, Epitome XI). Eine Vorherbestimmung gebe es nur noch zum Heil. "Die ewige Wahl Gottes aber, Gottes Verordnung zur Seligkeit, geht ... allein über die Kinder Gottes, die zum ewigen Leben erwählet und verordnet sind" heißt es nun. (Konkordienformel, Solida Declaratio XI., Von der ewigen Vorsehung, 1580, zit. nach Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Göttingen 1980, S. 1075)
Alle Menschen, die schließlich in die Seligkeit kommen sollen, würden vom evangelischen "Gott" zuvor also dafür vorher bestimmt, die anderen für angeblich ewige Höllenstrafen jedoch "nur" vorher gesehen. Hier werden wir doch für dumm verkauft. Das ist doch nur Wortklauberei. Denn welchen Unterschied macht es für das Opfer, ob es nun zu angeblich ewiger Hölle vorherbestimmt oder nur vorhergesehen sei? Verdammt ist nun mal verdammt, wenn dies stimmen würde. Da es laut evangelischer Lehre nur diese beiden Endzustände, Himmel oder Hölle, geben soll, wird ein Mensch, der nicht zur Seligkeit vorherbestimmt sei und laut evangelischer Lehre auch keine Chance auf den Himmel habe, doch automatisch für die Hölle vorher bestimmt, auch wenn dies mit dem Wort "vorhergesehen" verbrämt wird.

Spätestens beim so genannten Endgericht zeige sich dann der Horror. Christus selbst soll dann laut der lutherischen Lehre angeblich dieses Verdammungsurteil sprechen. Es heißt in der evangelischen Kirche: "Unser Herr Jesus Christus" werde "die gottlosen Menschen ... in die Hölle und ewige Strafe verdammen" (CA XVII). Ewig. Dieses grässliche Kirchen-Urteil wird auch noch Christus untergeschoben; ein Urteil, das schlimmer wäre als jede Todesstrafe, wenn es nicht von vorne herein gelogen wäre. Denn kein Tod würde diesem geglaubten Grauen ein Ende machen.
 
Die Veränderungen an der Lehre Luthers durch die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche sind also oft nur kosmetisch. Ein wenig anders ist es bei der anderen These Luthers, wonach Gott, angeblich alleinwirksam, auch das Böse bewirke und sich der Mensch nicht für das Böse entscheiden könne. Für das Böse entscheiden könne sich der Mensch laut lutherischer Kirche nun eben doch. Nach der "Korrektur" der Lehre Luthers durch die evangelischen Bekenntnisschriften wirke Gott nur noch "alleinwirksam" zum Heil. Für das Böse gelte nun doch: Der Mensch entscheide sich dafür mit dem freien Willen, wenn auch derselbe "völlig pervertiert ist" (Behnk, a.a.O., 393). Nach dieser innerkirchlichen Korrektur der Prädestinationsvorstellung Luthers lautet dann die Folgerung: Der Mensch habe es doch selbst zu verantworten, wenn er angeblich ewig verdammt werde, nicht der evangelische Konfessionsgott. Doch dessen vermeintliche "Entlastung" beim evangelischen Gottesbild greift nicht wirklich tief. Denn dieser Götze wird weiter für eine Schöpfung verantwortlich gemacht, in welcher er eben den größten Teil seiner Kinder ohne Chance auf Umkehr oder Linderung zu ewigen Höllenqualen verurteilt. Demgegenüber erscheinen östliche Lehren von der Auflösung der Schöpfung, von der Auflösung aller Formen, auch der Auflösung der menschlichen Seelen, sogar barmherziger, obwohl solches, wenn es eintreten würde, mit grausamsten Seelenqualen verbunden wäre. Aber es wäre wenigstens irgendwann Schluss. Diese tatsächlich einst drohende Auflösung hat Christus mit Seiner Erlöserkraft allerdings verhindert, weswegen Er für jeden Menschen und jede Seele auch der Erlöser ist – ein kosmischer Vorgang in der für uns unsichtbaren Welt – aber das ist ein eigenes Thema, auf das ich später noch genauer eingehen möchte. Die Lutherkirche jedoch bekennt sich weiter zu einer angeblich ewigen Hölle.
Als mittlerweile Außenstehender frage ich mich deshalb: Wie lange will eigentlich der deutsche Staat diese Höllen-Verrenkungen noch auf Staatskosten in allen Schulen unterrichten lassen, auch wenn viele Pfarrer aus Gründen des Zeitgeistes das Thema ausklammern? Oder anders formuliert: Wie lange soll das 16. Jahrhundert eigentlich noch das 21. Jahrhundert beherrschen?


 

LUTHERANER KENNEN IHRE LEHRE NICHT

 

Der Journalist: Wenn ich das, was Sie gerade erklärt haben, mit dem vergleiche, was ich von Jesus von Nazareth weiß, dann könnte man auch fragen: Wer folgt Luther und seinen "Korrektoren" nach, und wer folgt Christus nach?

Der Theologe: Und um diese Frage beantworten zu können, muss man eben wissen, was "lutherisch" und was "christlich" ist.

Der Journalist: Ich habe den Eindruck, die meisten Menschen, die sich "evangelisch-lutherisch" nennen, kennen viele Grundlagen ihres Glaubens überhaupt nicht. Sie möchten zum Beispiel das Gebot der Nächstenliebe erfüllen. Doch sie wissen nichts Näheres darüber, dass sie da in ein mörderisches und lügnerisches System hineingeraten sind.

Der Theologe: Den meisten Angehörigen der lutherischen Kirche ist ihr Glaube, auf den sie getauft und konfirmiert sind, tatsächlich kaum bekannt. Sie kennen, wenn überhaupt, nur die Oberfläche – in der evangelischen Kirche zum Beispiel die Sätze: "Allein der Glaube an Christus" genüge, wir seien "gerechtfertigt allein durch Christus", oder "allein die Bibel" genüge zur Wahrheitsfindung. Wenn man aber einmal nachfragt, was sich hinter diesen Sätzen verbirgt, stößt man sehr bald auf die dunklen Wurzeln und Fundamente dieses Glaubens, zum Beispiel auf angeblich in alle Ewigkeit getrennte zwei Gruppen von Menschen, Gerettete und Verdammte.
Dies alles ist aber, wie gesagt, den wenigsten Kirchenangehörigen bewusst. Sie sind in ihrer Information über ihren Glauben auf das angewiesen, was sie in ihrer Kinder- oder Jugendzeit hörten und sich gemerkt haben. Ansonsten erhalten sie ihr Wissen mehr oder weniger zufällig, je nachdem, welche Informationen über ihre Kirche sie eventuell aus den Medien erfahren bzw. in Büchern lesen. Oder, wenn sie kirchliche Veranstaltungen besuchen, was sie gerade von dem betreffenden Pfarrer oder anderen Sprechern hören.
Schließlich mag sich ein einzelner Protestant schon um das bemühen, was er unter "Nächstenliebe" versteht, was aber, wie gerade besprochen, laut seiner Religion gar nicht entscheidend sei, sondern mehr als gesellschaftliches Feigenblatt missbraucht wird. Verbindliche Maßstäbe gibt es außerdem nicht. Vieles wird einmal so interpretiert, das andere Mal so. Selten stößt man dabei auf die Grundlagen des evangelischen Glaubens, wozu vor allem gehört, dass es in Glaubensdingen keinen freien Willen gibt.
Der bekannte lutherische Theologe Hans Joachim Iwand meinte einmal: "Wer diese Schrift [De servo arbitrio] nicht aus der Hand legt mit der Erkenntnis, dass die evangelische Theologie mit dieser Lehre vom unfreien Willen steht und fällt, der hat sie umsonst gelesen." (Münchner Ausgabe der Lutherschriften, S. 253; vgl. dazu Der Theologe Nr. 21 – Klaus Geyer, Hans Joachim Iwand und die evangelisch-lutherische Lehre vom grausamen Gott)
Und der in Deutschland damals für Lehrfragen verantwortliche ehemalige Oberkirchenrat der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD), Dr. Reinhard Brandt [ab dem Jahr 2000 als Dekan tätig, ab 2011 für die evangelische Diakonie, 2014 verstorben], hielt im Oktober 1996 in Falkenstein/Bayern ein Grundsatzreferat zu dem Thema: De servo arbitrio – mit dieser Lehre steht und fällt die evangelische Theologie.

Beide hochgradig lutherisch denkenden Theologen berufen sich zu Recht auf Luther, denn die Lehre vom unfreien Willen ist eben auch für ihn entscheidend. Gleich zu Beginn seiner Schrift bestätigt Luther auch Erasmus von Rotterdam gegenüber, dass dieser als einziger bemerkt hätte, "wo der große Unterschied zwischen der reformatorischen Position und dem alten Glauben lag. Die üblichen Streitpunkte über den Papst, das Fegefeuer und die Ablässe seien demgegenüber zweitrangig". (H. Schwarz, in: Nachrichten der Ev.-Luth. Kirche in Bayern 1/1997, S. 13)



VOM WILLEN GOTTES IM NATIONALSOZIALISMUS
UND IM JUGOSLAWISCHEN BÜRGERKRIEG

 

Der Journalist: Der große Unterschied liegt also in der neuen Lehre vom geknechteten, unfreien Willen. Was heißt das nun praktisch? Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Der Theologe: Ein Beispiel ist in den Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Ausgabe 1/1997, nachzulesen. Dort ist zu diesem Thema ein "Grundtext" mit dem Titel Gottes unfassbarer Wille veröffentlicht, in dem der evangelische Theologieprofessor Dr. Hans Schwarz an Beispielen aus der Geschichte aufzeigt, wie Gott gemäß dem evangelischen Glauben angeblich den menschlichen Willen in Besitz nehme und welche Fragen sich daraus ergeben. Prof. Dr. Schwarz geht dabei auf die Vorstellungen Luthers ein, dass Gott angeblich einen bereits böse vorgefundenen Willen für seine Alleinwirksamkeit im Bösen benutze, schreibt aber nichts darüber, wie denn dieser bereits vorher böse Willen böse geworden sei.
Es heißt: "Aber warum würde Gott einen bösen Willen auf das Böse hinbewegen? Warum sollte er den Willen der Nationalsozialisten bei ihrem Versuch vorantreiben, die Juden auszurotten? Warum stachelte er die Kriegsparteien im ehemaligen Jugoslawien an, eine Untat nach der anderen zu begehen? Und warum bewegte er die Juden und die Römer dazu, Gottes eigene Menschwerdung zu töten. Luther weiß keine Antwort auf diese Fragen und gibt auch nicht vor, eine zu kennen. Er gesteht einfach ein: ´Dies gehört zu den Geheimnissen seiner Majestät, wo seine Urteile unfassbar sind (Röm. 11, 33). Es ist nicht unsere Aufgabe, diese Frage zu stellen, sondern diese Geheimnisse anzubeten.`"
Und an späterer Stelle zitiert dieser Grundtext Luther mit den Worten, "dieses höchste Geheimnis der göttlichen Majestät ist für ihn [Gott] allein bestimmt und uns verboten".
Die Schlussfolgerung dieses Textes von 1997 besteht dann darin, dass Luther sich hat "hinreißen lassen, über den verborgenen Willen Gottes mehr zu sagen als angebracht erscheint; damit werden dann aber auch wir daran erinnert, dass uns die Spekulation über das uns Unzugängliche, selbst wenn sie uns nichts einbringt, oft mehr interessiert als das Nachdenken über das, was uns Gott zu unserer Lebensorientierung anbietet." So also der lutherische Theologieprofessor in unserer heutigen Zeit.

Der Journalist: Wenn ich höre, wie über das Handeln Gottes bei der Judenverfolgung oder im jugoslawischen Bürgerkrieg gedacht wird, dann verstehe ich besser, warum viele Menschen der Kirche enttäuscht den Rücken kehren oder sich verbittert weigern, bei einem solchen Glauben länger mitzumachen.

Der Theologe: Mich erinnert diese Glaubenshaltung an ein schlimmes Verbrechen, bei dem jemand anschließend den Tatort umstellt. Jeder, der versucht, am Tatort nach Spuren zu suchen und das Verbrechen aufzuklären, wird von den Posten wieder weggeschickt. Damit aber nicht genug. Die Posten kritisieren diese nach Aufklärung suchenden Menschen auch wegen ihrer Fragen und machen ihnen stattdessen den Vorschlag, in einiger Entfernung vor dem Ort des Verbrechens niederzufallen und das Geschehene als Geheimnis anzuerkennen und anzubeten.

Der Journalist: Nun gibt es ja viele Interpretationen und Deutungen. Wenn ich mich einmal selbst davon überzeugen will, was Luther geschrieben hat – wo kann ich das nachlesen?

Der Theologe: Zahlreiche Schriften Luthers können bei Hans-Jürgen Böhm nachgelesen werden in: Die Lehre Luthers – ein Mythos zerbricht, gratis erhältlich beim Herausgeber (Postfach 53, 91284 Neuhaus). Böhm, der bibelgläubig ist, hat Schriften Luthers veröffentlicht und kommentiert, in denen sich Luther mit Andersdenkenden auseinandersetzt. Nachlesen kann man auch in entsprechenden Bibliotheken in der bekannten Weimarer Ausgabe der Lutherschriften (WA). Die Schrift Vom geknechteten Willen steht im 18. Band. Einige Schriften Luthers findet man auch im Internet, wenn man sich etwas Zeit zur Recherche nimmt.


LUTHER: "ALL´ IHR BLUT IST AUF MEINEM HALS"

 

Der Journalist: Was schreibt Luther noch im Hinblick auf seine Gegner? Könnten wir tiefer in das Thema einsteigen?

Der Theologe: Ja. Gott ist für ihn auch ein "tötender" Gott. Zuerst erweckt er mit einigen seiner Lehrsätzen den Eindruck, das sei vielleicht nur symbolische theologische Fachsprache. Doch bald floss das Blut seiner Gegner in furchtbaren Strömen.
In der Schrift Luthers Vom geknechteten Willen lehrt er ja auch den von ihm so bezeichneten "höchsten Grades des Glaubens", worauf ich vorhin schon hingewiesen habe. Und das heißt für ihn auch: "Wenn Gott lebendig macht, tut er es also, indem er tötet, wenn er rechtfertigt, tut er es also, indem er schuldig macht, wenn er in den Himmel führt, tut er es, indem er in die Hölle führt, wie die Schrift sagt: ´Der Herr tötet und macht lebendig, führt in die Hölle und wieder heraus`, 1Sam 2." (WA 18, S. 633)
Und über diesen seinen "tötenden" Reformationsgötzen schreibt er weiter: "Wenn ich also auf irgendeine Weise begreifen könnte, wie denn dieser Gott barmherzig und gerecht ist, der solchen Zorn und solche Ungerechtigkeit zeigt, wäre der Glaube nicht nötig. Da es nun nicht begriffen werden kann, wird Raum gegeben zur Einübung des Glaubens, indem Derartiges gepredigt und öffentlich verbreitet wird; und zwar nur so, dass, indem Gott tötet, der Glaube an das Leben im Tod eingeübt wird." (WA 18, S. 632 f.)

Der Journalist: Das meinen Sie offenbar mit "theologischer Fachsprache". Denn Blut fließt ja hier noch keines. Oder?

Der Theologe: Noch nicht, aber bald. Es kommt zwar grundsätzlich auf den Inhalt von Worten an, nicht auf den Buchstaben. Doch wie man diese Worte Luthers vom "tötenden Gott" auch drehen und interpretieren mag: Der Gott, von dem Jesus von Nazareth sprach, ist nicht der Tötende. Erst recht nicht ist Gott der Lebendigmachende, indem er tötet. Das steht so auch nicht in dem von Luther zur Begründung für seine Lehre bemühten Bibelwort im  1. Samuelbrief ...

Der Journalist: Doch Luther sagt es so. Mir kommt dazu noch der Gedanke: Wenn der echte Gott ein tötender Gott wäre oder ein Gott, der das Töten befiehlt, dann würde Er sich ja nicht an Seine eigenen Gebote halten, wozu gehört "Du sollst nicht töten". Deshalb noch einmal meine Nachfrage: Was meint Luther hier? Durch den angeblich tötenden Gott soll der Gläubige sich an das Leben im Tod einüben, wie er schreibt. Wie soll man sich das vorstellen?

Der Theologe: Manchmal wird versucht, solche Sätze "mystisch" zu deuten, denn Luther war als junger Mann der "Mystik" sehr verbunden. Bei der Mystik geht es aber auch nicht um einen "tötenden Gott", sondern um das Sterben des menschlichen Ego, also um eine Umwandlung einer egoistischen Grundhaltung in eine selbstlose. Das Ego kann aber nicht durch eine Art geistigen Totschlag überwunden werden, sondern es ist ein innerer Prozess. Auf diese Weise findet der Mensch zur inneren Verbindung mit Gott und zur Verbindung mit den anderen Menschen und mit den Naturreichen, mit dem Leben in allen Lebensformen, er finden seinen Platz in der Einheit allen Lebens. Denn Gott lebt in Seiner Schöpfung, in jedem Menschen, jedem Tier, jeder Pflanze, jedem Stein.
Wer diesen "mystischen Glauben" anstrebt oder schon danach lebt, ist aber kein Fanatiker, der alles Gegensätzliche nur verdrängt, und er wird auch nicht zum Mörder oder zu einem, der massenweise Hinrichtungen und Kriege fordert. Er bejaht stattdessen das Gute, wir könnten sagen, das Göttliche in jedem Menschen, auch in dem scheinbaren Gegner, und er hält sich an das Gebot "Du sollst nicht töten". Aber das ist nicht der Weg Luthers. Luther predigt aufs Ganze gesehen den Blutrausch, wofür er dann eben seinen "tötenden" Gott verantwortlich machte.

Der Journalist: Ja, das interessiert mich. Wie hat nun Martin Luther zum Töten von Menschen aufgerufen und es mit seinem tötenden Gott begründet?

Der Theologe: Zur Klarstellung: Dem einzelnen Menschen erlaubt Luther das Töten nicht. Die Obrigkeit hingegen ruft er unter Berufung auf Paulus immer wieder zum Töten auf. Paulus schreibt, und das ist auch die Grundlage für Luthers Lehre, die Obrigkeit "ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut" (Brief an die Römer; 13, 4) – nach Luther zum Beispiel gegenüber den um ihre Rechte kämpfenden aufständischen Bauern.
In der bekannten Schrift Wider die stürmenden Bauern, die im selben Jahr wie Vom geknechteten Willen geschrieben wurde (1525), ruft Luther zum Töten der Bauern auf und schreibt: "Es ist dann die Zeit des Schwerts und des Zorns, und nicht der Gnade ...". "Steche, schlage, würge hier, wer da kann. Bleibst du darüber tot, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmermehr erlangen. Denn du stirbst im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und Befehl." (WA 18, S. 361)
Später sagt Luther in einer seiner Tischreden: "All´ ihr Blut ist auf meinem Hals. Doch ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu reden." (WA, Tischreden 3, 75)

Der Journalist: Das ist kaum zu glauben. Aber eindeutig. In den Geschichtsbüchern liest man von ca. 70.000 Todesopfern in Deutschland. Doch es gab ja auch noch weitere Opfer dieses Denkens und dieser Theologie.

Der Theologe: Ja, zum Beispiel die so genannten "Täufer". Luther und Melanchthon, wegen dessen 500. Geburtstags das Jahr 1997 von der Kirche zum Melanchthon-Jahr erklärt worden war, setzen auch durch, dass friedfertige Menschen hingerichtet werden wie die meisten der von ihren Gegnern meist so genannten "Wiedertäufer" – eine Ausnahme scheint eine gewalttätig gewordene Gruppe in Münster zu sein, falls die katholische Überlieferung hier einigermaßen den Fakten entspricht, was allerdings grundsätzlich nicht sicher ist. Den Namen "Täufer" oder auch "Wiedertäufer" bekommen sie, weil sie eine Taufe erst im Erwachsenenalter befürworten, die amtskirchliche Säuglingstaufe nicht anerkennen und sich auch dann noch einmal als Erwachsene taufen ließen, wenn sie schon als Säuglinge getauft worden waren. Diese so genannten "Täufer" oder "Wiedertäufer" werden von Luther auch als "Schleicher und Winkelprediger" verleumdet, die der Staat aufgrund ihrer Lehren hinrichten solle. Gemäß seiner Schrift Vom geknechteten Willen gelten sie ihm wegen ihres Glaubens auch als "vom Teufel geritten". Und allein deswegen wiederum, also nur aus theologischen Gründen, verdächtigt sie Luther auch des Mordes und des Aufruhrs – in fast ausnahmslos allen Fällen zu Unrecht.
Luther wörtlich: "So sollten nun billig Amtleute, Richter und was zu regieren hat, wissen und gewiss sein, dass sie solche Schleicher müssten verdächtig haben, nicht allein falscher Lehre, sondern auch Mords und Aufruhrs halber, weil sie wissen, dass solche Leute vom Teufel geritten werden ..." (Jenaer Ausgabe der Lutherschriften, Tomos 5; Von den Schleichern und Winkelpredigern, 1532, S. 552)
Die Konsequenz aus diesen theologischen Meinungslügen Luthers ist: Auch diese Menschen werden verfolgt und hingerichtet. Melanchthon schreibt die Hinrichtungsgutachten und Luther stimmt zu.
Erst recht trifft es die Bauern, die den "Gehorsamseid" gegenüber "ihren Herren" gebrochen haben. Damit "haben sie", so Luther, "Leib und Seele verwirkt" (Wider die stürmenden Bauern, WA 18). Das sind nur zwei Beispiele von zahlreichen Tötungsforderungen, die dann auch tatsächlich durchgeführt wurden.

Der Journalist: Es gibt also deutliche Zusammenhänge zwischen dem Glauben Luthers und dem, was er an praktischen Konsequenzen fordert, und diese sind demnach für viele seiner Zeitgenossen lebensbedrohlich.

Der Theologe: Die Zusammenhänge kann jeder sehen, wenn er sie sehen möchte. Der junge Mann Luther, der die 95 Thesen über den Ablass an die Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll, hatte allerdings noch mehr Gewissensbisse als der ältere Luther. In seinem Leben gab es eine eindeutige Entwicklung nach unten. Hellhörig macht in diesem Zusammenhang das Wort vom "Töten Gottes" im theologischen Sprechen Luthers. Das führte dazu, dass tatsächlich Menschen im Auftrag von Luthers Konfessionsgötzen getötet werden. Mit Mystik hat das nichts zu tun. Sollte der so Glaubende sich dabei von Kräften außerhalb seiner Person inspiriert oder gesteuert verstehen, dann geht es hier um Besessenheit, nicht um Mystik.

 

DER GEFÄHRLICHE GLAUBE

 

Der Journalist: Sie sprechen von einer "Entwicklung nach unten" im Leben Luthers, an deren Ende Menschen umgebracht wurden. Aber gibt es nicht auch viel Positives?

Der Theologe: Von Luther wird berichtet, dass er sehr liebevoll zu seiner Familie und zu vielen Anhängern war. Auch können wir hier wieder auf die Doktorarbeit von Kirchenrat Wolfgang Behnk zurückkommen. Er versucht dort intellektuell spitzfindig, Luthers Negativaussagen seinen positiven Aussagen unterzuordnen. Ein Beispiel: Bei dem so genannten "Spitzensatz" Luthers "von der absoluten göttlichen Alleinwirksamkeit" sieht Behnk eine "Dominanz des Gnadenaspektes". Wenn das stimmen würde, dann müsste aber der evangelisch geglaubte Himmel deutlich mehr Bewohner beherbergen als die evangelisch geglaubte Hölle, was aber nach den lutherischen Kriterien für die Seligkeit nicht annähernd so sein kann. Denn der angeblich alleinseligmachende Glaube enthält sehr viele Bedingungen und Verdammungen, die jeder Interessierte selbst nachlesen kann. Doch selbst wenn es anders wäre und statt unzähligen Milliarden von Menschen ein paar weniger ins Höllenfeuer müssten, macht dies doch diese Religion nicht wesentlich barmherziger.
Allerdings bemerkt der spätere lutherische Weltanschauungsbeauftragte auch, "dass dieser Satz als solcher äußerst gefährlich ist" (a.a.O., 344), also der Satz Luthers "von der absoluten göttlichen Alleinwirksamkeit". Doch "das eigentliche Thema" der Willenslehre Luthers sei "positiv" zu formulieren, nämlich als "Rechtfertigung des Sünders sola gratia / sola fide / solo Christo" (= allein aus Gnade / allein durch Glauben / allein durch Christus).

Das hört sich alles zuerst einmal sehr kompliziert an, doch je mehr man es versteht, desto deutlicher zeigt sich darin eine Schönfärberei ohne Substanz. Denn es wird übertüncht, dass nach dem evangelisch-lutherischen Glauben alle Menschen aufgrund einer so genannten "Erbsünde" von Grund auf böse seien und allein deshalb bereits eine ewige Hölle verdient hätten. Wenn das aber so wäre, was würde da für ein Baals-Götze dahinter stecken, der zunächst einmal alle Menschen für ein ewiges Höllenfeuer erschafft? Und was wäre das für ein "Gott", der dann eine totalitäre und in ihrer Geschichte immer wieder mordende Kirche hinterher schickt, die ein paar Seelen aus dem Höllenschlund heraus fischt, falls sie sich den kirchlichen Bedingungen unterwerfen, die für den gesunden Menschenverstand unannehmbar sind?
Und bei allem Wenn und Aber, bei allen Windungen und Korrekturversuchen, werden die grundlegenden Aussagen Luthers über den unfreien Willen von dem Luther-Experten Behnk doch als "letztlich verbindlich" hingestellt. (397)
Damit arbeitet der Theologe und Pfarrer Behnk zwar einerseits Gefährlichkeiten im Glauben von Luther heraus, bekennt sich aber andererseits klar zur Position Luthers, von der aus er als "Sektenbeauftragter" auch über andere Glaubensrichtungen zu Gericht saß und urteilte. Dabei wird dieser eigene Glaube als angeblich positiver Maßstab genommen, sozusagen als Norm, mit dem andere gemessen werden.
Was bedeutet es also, von den Lutheranern wegen "gefährlicher" "Ketzerei" gebrandmarkt zu werden? Ein Widerspruch gegen die Lehre Luthers und seiner Nachfolger ist doch für Menschen mit gesundem Menschenverstand ein Gütesiegel ersten Ranges. Doch wie die Politiker, so folgen auch die Massenmedien in Europa folgen in ihren Kampagnen gegen Andersdenkende meist blind diesen Beauftragten der Großkirchen und betrachten sie als angebliche Experten, obwohl es nur die Interessenvertreter des eigenen totalitären Kults sind (vgl. hier).
 

"ERBSÜNDE" UND "RECHTFERTIGUNG"?


Der Journalist
: Die Lehre von einer vermeintlichen Erbsünde haben Sie also ein Beispiel für den kirchlichen Glauben, welcher dann wiederum die Grundlage für die Bekämpfung Andersdenkender durch kirchliche Beauftragte ist. Könnten Sie diese Erbsündenlehre noch etwas näher erläutern?

Der Theologe: Gerne. Denn auf der Grundlage dieser Lehre hat die evangelische Kirche ihre zentrale so genannte Rechtfertigungslehre entwickelt. Das Wort "Rechtfertigungslehre" klingt gut, doch diese setzt das von Anfang an mit angeblicher "Erbsünde" belastete negative Menschenbild voraus. In der bis heute in den lutherischen Kirchen gültigen Augsburger Konfession heißt es wörtlich: "Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle Menschen, so natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, das ist, dass sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott von Natur haben können; dass auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftiglich Sünde sei und verdamme alle die unter ewigen Gotteszorn, so nicht durch die Taufe und den heiligen Geist wiederum neu geboren werden." (CA II)
So weit. Und das, was ich vorgelesen habe, ist alles andere als harmlos. Von Luther selbst ist bekannt, wie er sich lange Zeit mit Selbstvorwürfen gequält hatte, bevor er seine Rechtfertigungslehre entwickelte. Viele Menschen kennen vergleichbare Situationen, wo sie immer wieder auf das Negative bei sich schauten und gleichzeitig in Selbstmitleid verfielen, was sich ja bis hinein ins Zwanghafte steigern kann.
Was soll nun aber die evangelische Rechtfertigungslehre bewirken, angeblich auch "therapeutisch"?

Allein der Glaube an die kirchliche Lehre von der Vergebung der Sünden soll den Menschen nun augenblicklich seelisch befreien können. In Wirklichkeit wird in diesem Fall aber das Negative, der ganze Unrat im eigenen Leben, vielfach nur in das Unterbewusstsein bzw. in die eigene Seele hinunter gedrückt. Die voraus gegangenen Selbstvorwürfe, das Selbstmitleid, das negative Selbstbild und die Ursachen für dieses Lebensgefühl wirken unterschwellig trotzdem weiter und brechen früher oder später wieder durch. Dies zeigt sich auch im weiteren Leben des Betroffenen, wenn sich z. B. das Negative dann gegen den Nächsten richtet. Luther selbst ist ein Beispiel dafür. Denn seine Aussagen und Aufrufe zeigen, dass er sich immer mehr zu einem äußerst brutalen Menschen entwickelte (vgl. Der Theologe Nr. 3 – So spricht Martin Luther – So spricht Jesus von Nazareth).
Auch wird natürlich keine wirklich positive Gottesbeziehung aufgebaut. Die Voraussetzung für die lutherische Lehre von der Sündenvergebung im Rahmen dieser Rechtfertigungslehre ist nämlich eine bestimmte Interpretation der Erlösung durch Christus, die genauso erfunden wurde wie zuvor die Erbsündenlehre. Demnach hätte Christus durch seinen Tod, vergleichbar einem Opferlamm, einen angeblichen "Gotteszorn" gesühnt und den Menschen auf diese Weise mit Gott versöhnt. Dieser Kirchengott habe also einen hohen und grausamen Preis verlangt, um seinen angeblichen "Zorn" zu bändigen. Seine "Liebe" war also an entsprechende blutige Bedingungen geknüpft, zunächst an den bestialischen Foltertod seines eigenen Sohnes. Und diese kirchlich erfundenen Bedingungen setzen sich fort, wenn dem Gläubigen suggeriert wird, nur der kirchliche Glaube könne ihn z. B. vor einer ewigen Verdammnis schützen.

Der Journalist: Im Jahr 1999 hat allerdings auch die römisch-katholische Kirche einer solchen Rechtfertigungslehre zugestimmt. Sind sich beide Konfessionen hier jetzt in diesem Punkt einig?

Der Theologe: Die katholische Kirche hat zwar ihre bisherige Lehre, z. B. von notwendigen "guten Werken", nicht geändert, doch diese Werke werden nun im evangelischen Sinne neu gedeutet: Auch das "Tun" sei ein "Geschenk Gottes" und das angebliche "Rechtfertigungsgeschenk" ginge dem voraus, so die modernen katholisch-intellektuellen Konstruktionskrücken. Die Gemeinsame Erklärung beider Kirchen macht um dieses Thema so viele Worte, dass kaum mehr durchschaubar ist, wer jetzt was jetzt genau glaubt und was eigentlich aus denen werden soll, die in der Vergangenheit von der jeweils anderen Konfession aufgrund dieses Konflikts ewig verdammt wurden. Wurden diese jetzt alle aus ihren angeblich ewigen Feuerpfuhlen heraus geholt? Gab es also eine Amnestie für die deshalb früher Verfluchten oder nicht? Antworten darauf gab es keine.
Es genügen ein paar einfache Rückfragen, um dieses ökumenische Papierwerk ad absurdum zu führen. Dennoch ist es bemerkenswert, dass die katholische Kirche unterschrieben hat, dass der Mensch – ganz im Sinne Luthers – z. B. unfähig sei, "sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden" (4.1 (19)). Vielleicht erfolgt als Gegenleistung bald die evangelische Anerkennung des Papstes. Mit der Lehre des Christus hat das aber alles nichts zu tun, ob es sich nun evangelisch nennt oder katholisch oder ökumenisch. Christlich ist es nicht.


DER LUTHERISCHE ZORN "GOTTES"


Der Journalist: Hat uns Christus überhaupt erlöst?

Der Theologe: Der christliche Glaube besagt, dass Er uns erlöst hat, indem Er jeder Seele einen Teil Seines "göttlichen Erbes", den so genannten "Erlöserfunken", als Leihgabe übertrug, was auch bereits im Urchristentum gelehrt wurde. Der Erlöserfunke wirkt als innere Kraft, mit deren Hilfe wir wieder in unsere Heimat zurückkehren können. Sie hilft uns, die Gebote Gottes zu halten und wieder dem "göttlichen" Wesen in uns zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu hätte Jesus aber nicht gewaltsam sterben müssen.

Der Journalist: Das klingt sicher für viele sympathisch. Doch wie kommen Sie denn darauf? 

Der Theologe: Diese Informationen stammen sinngemäß aus einer "Botschaft aus dem All", durch Prophetie gegeben. Darin wird auch erklärt, dass schon Jesus von Nazareth diese Zeit der Aufklärung angekündigt hat, als Er sagte: "Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten" (Johannesevangelium; 16, 12-13). Wer sich näher dafür interessiert, den kann ich auf das Buch verweisen Alpha und Omega. Das ist Mein Wort, eine Christus-Offenbarung, vermittelt durch die Lehrprophetin Gabriele.

Der Journalist: Woher kommt dann die lutherische Vorstellung vom Gotteszorn und vom Sühnetod des Jesus von Nazareth am Kreuz?

Der Theologe: Sie stammt aus dem "heidnischen" Opferkult, war im Judentum verbreitet und wird auch in der katholischen Lehre vertreten. Vor allem beim lutherischen Glauben wirkt die Vorstellung vom "Gotteszorn" bis in die Gegenwart weiter, auch wenn nicht mehr oft darüber gesprochen wird und das scheinbar Positive in den Vordergrund geschoben wird. Dabei werden große Teile des verdrängten menschlichen Schutts und der menschlichen Bösartigkeit auf Gott projiziert.

Ich lese dazu einige Sätze über Luther aus dem Buch von Kirchenrat Dr. Wolfgang Behnk Gegen den freien Willen Für die Gnade Gottes vor, die das verdeutlichen:


"Erstens ist nach dem Sündenfall eben nicht mehr alles gut, was Gott schafft; auch wenn dieser die Sünde selbst nicht schafft, so schafft er doch den postadamitischen Menschen (Anm.: d. h. alle Menschen nach Adam = alle Menschen bis auf Adam und Eva) als Sünder." (a.a.O., 335)

"Der menschliche Wille, so Luther, kann unmöglich in irgendeiner Hinsicht frei wirksam werden ... der Wille des Menschen hat mithin über seine eigene Verstockung keinerlei Macht, sondern ist dem verstockenden Willen Gottes – wenngleich williglich und verantwortlich – ausgeliefert." (333 f.)

Gott lässt es nicht nur zu, dass sich der Pharao (Anm.: ... in der biblischen Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten) "immer mehr in das Böse verstrickt", sondern er treibt ihn "regelrecht" dorthin, "indem er ihm sein Wort vorhält, ohne ihm seinen Geist zu geben". (336)

Dieses angeblich mögliche Verhalten Gottes wird nun nicht etwa seit Christus für beendet erklärt. Auch in der Gegenwart können Menschen nach der Lehre Luthers ein ähnliches Schicksal erleben.

Der Journalist: Zu diesem Beispiel eine Frage: Warum soll Gott den Pharao in das Böse hineintreiben? Das "Warum" interessiert mich.

Der Theologe: Luther sagt sinngemäß, das wisse er nicht. Ich kann dazu weiter lesen:

"Und auf eine zweite, weiterführende Frage, warum Gott denn dann nicht kraft dieser Allmacht den von ihm bewegten bösen Willen zugleich zum Guten wandelt, antwortet Luther wieder mit dem Verweis auf die unbegreiflichen ´secreta maiestatis`" (= Geheimnisse der Majestät [Gottes]). (336)

"Der Mensch kann sich nach dieser Argumentation nicht nur nicht für, sondern auch nicht gegen Gott frei entscheiden." (336)

Luthers Aussage behauptet "sein [des Menschen] völliges Ausgeliefertsein an zwei ihm übergeordnete Entscheidungsinstanzen – eben Gott oder Satan –, welche über ihn totale Verfügungsgewalt haben, so dass er sich deren Wollen nicht entziehen kann". (339)

"All das aber, was uns äußerlich so scheint, als wäre Gott nur ein Zürnender oder gar der Teufel selbst, ist doch nichts anderes als eine Herausforderung des Glaubens an die Liebe Gottes." (367)


 

WER IST GOTT?



Der Journalist
: Luther sagt also nach den Worten des lutherischen Theologen, manches scheine so, als wäre Gott der Teufel selbst.

Der Theologe: Ja. Anstelle der Erfahrung eines nahen und liebenden Gottes tritt dann die Herausforderung des Glaubens an einen "fernen" Gott. "Fern" sage ich auch deswegen, weil jemand trotz negativer Lebenserfahrungen, die er mit dem Glauben an diesen Gott macht, weiter an ihn glauben soll.

Der Journalist: Wenn dieser Glaube dann logischerweise in Hader, Zweifel oder Selbstmitleid führt, darf man sich eigentlich nicht wundern. Wer sich darauf einlässt und diesen Glauben ernst nimmt, der steuert doch geradewegs auf die Verzweiflung zu.

Der Theologe: Dazu passen die Anmerkungen des Theologen M. Schüler, der von der "´sklavischen`, fromm ´erschauernden`, fatalistisch ´todesbereiten Schicksalsergebenheit`" als dem Eigentlichen des "´lutherischen` Glaubens" spricht (zitiert nach Behnk, a.a.O., 326), also von dem Wesentlichen dieses Glaubens.
Ich kenne Menschen, die es ebenso verstanden und sehr darunter gelitten haben. Zu ihrem leidvollen Schicksal – zum Beispiel zu schwerer Krankheit oder dem Tod eines nahen Verwandten – kam noch das Hadern mit Gott hinzu. Sie haben eventuell alles Leiden auf sich genommen und sind immer wieder darüber verzweifelt, dass es angeblich Gottes Wille sei, sie auf diese Weise zu züchtigen. Ihr eigenes Fehlverhalten haben sie dabei nicht erkannt, so dass man folgern kann: Das ganze Leid wurde umsonst erlitten, weil es nicht zur Einsicht und zu entsprechender Umkehr führte. Auch konnten sie nicht erfahren, wie uns Gott doch vor Schicksalsschlägen bewahren und aus dem schweren Leid herausführen will. Dieser Gott hat jeden von uns vollkommen erschaffen und jedem die tiefe Erfahrung ins Herz gelegt: "Du bist geliebt".
Diesen liebenden Gott lehrt uns auch Christus, der nach einem Gleichnis in der Bibel jedem "verirrten Schaf" nachgeht und sich freut, wenn es zurückkehrt. Kein einziges Geschöpf muss also in einer "Verdammnis" ewig leiden, ohne dass Gott nach ihm sucht und ihm von dort heraushelfen möchte.
 

NICHT DIE BIBEL ALLEIN



Der Journalist
:
Beruft sich Luther nicht ebenfalls auf die Bibel? "Sola scriptura", "allein die Schrift", ist doch ein weiterer Kernsatz des evangelischen Glaubens.

Der Theologe: Luther sagt zwar, allein die Bibel wäre maßgebend. Doch wie hält er es selbst? Der Luther-Anhänger Behnk gibt mit gewundenen Worten zu, "dass Luthers ... Aussagen ... noetisch [= von der Erkenntnis her] nicht von der sich selbst auslegenden Hl. Schrift her allein, sondern zumindest auch von der ... cognitio generalis [= allgemeinen Erfahrung] erhoben werden" (342). Mit anderen Worten: Luther beruft sich nicht nur auf die Bibel, sondern verallgemeinert bei seinen Glaubensmeinungen auch sein persönliches Bewusstsein.
Das sollte die Kirche aber nicht nur in Doktorarbeiten zugeben und Andersgläubigen dann konsequenterweise auch ihre anderen Erfahrungen zubilligen, ohne sie z. B. als "Sekten" zu diskriminieren. Praktisch läuft das bei Luther aber darauf hinaus, dass er seinen "Gott" für negative Lebenserfahrungen verantwortlich macht, obwohl das so nicht in der Bibel steht. Luther beruft sich nach Dr. Behnk für seine vermeintliche Einsicht eines angeblich "unabwendbaren Schicksals" sogar auf die "Heiden" und ihre "Götter" (342). Dann ist aber auch sein Glaube einmal mehr "heidnisch" und nicht "christlich".

Wenn Luther dann die Bibel auslegt, stellt er sich als Anwalt der "Sache Gottes" dar. Doch seine Interpretationen sind manchmal eigenwillig bzw. verdrehen den ursprünglichen Sinn. Und selbst vor schwerwiegenden Fälschungen schreckt Luther nicht zurück. So bezieht er sich zum Beispiel auf das angebliche "Urteil Christi" über die Juden, "dass sie giftige, bittere, rachgierige, hämische Schlangen, Meuchelmörder und Teufelskinder sind, die heimlich stechen und Schaden tun, weil sie es öffentlich nicht vermögen." (aus: Von den Juden und ihren Lügen, Jenaer Ausgabe, Tomos 8, 1558; vgl. dazu Der Theologe Nr. 28 – Martin Luther und die Juden)
Luther hat hier einen Absatz des Johannesevangeliums (8, 37-45) aus dem Zusammenhang gerissen, den ursprünglichen Sinn verfälscht und seine Deutung dann in seine eigenen rufmörderischen Worte hineinmontiert. Schließlich lehrt er diese Konstruktion seinen Lesern dann als "Urteil Christi". Und dann wird scheinheilig gepredigt: "Allein die Bibel" und "Allein Christus". Doch weder steht solches in dem Bibeln, noch hat Christus jemals so etwas gesagt.

Der Journalist: Luther hat also Menschen in die Irre geführt. 

Der Theologe: Luther selbst spricht nach den Worten des Lutheraners Dr. Behnk ja von einer "totalen Verfügungsgewalt" Gottes oder des Teufels über den Menschen – wobei der Teufel von "Gott" als "instrumentum malum" (= böses Instrument) benutzt und angetrieben werde. Er glaubt sich also fest im "Griff" seines Gottes. Dieser Gott versklavt diejenigen, die ihm ausgeliefert sind. Denn "totale Verfügungsgewalt" von Seiten eines Götzen bedeutet von der Seite des Menschen her gesehen immer ein sklavisches Ausgeliefertsein ohne jede eigene Entscheidungsfreiheit. Wer so glaubt, unterwirft sich also einem totalitären Glaubenssystem. Damit verbunden ist auch der Absolutheitsanspruch dieses Glaubens. Luther lässt keinen Zweifel daran, dass die "Sache", die er vertritt, gleichbedeutend der "Sache Gottes" sei (z. B. WA 18, S. 756). Er setzt diese seine Religionsmeinung absolut, und im Hinblick auf Zweifel oder Unverständnis erklärt er denjenigen für "verflucht", "der nicht gewiss ist und versteht, was ihm vorgeschrieben ist". (WA 18, S. 604)

Der Journalist: Da kann einem ja immer mehr Angst werden. Wie kann Luther erwarten, dass jeder eine solche schockierende Lehre versteht? Und wie kann er erwarten, dass jeder seine Meinung akzeptiert, dass diese Lehre auch noch von Gott vorgeschrieben sei?

Der Theologe: Auch hier gibt der Luther-Experte Dr. Behnk eine Hilfe zum Verständnis und beschreibt in seinem Buch, was nach Luthers Meinung mit jemandem geschieht, der den angeblichen Willen Gottes hinterfragt:

"Wer hingegen, so warnt Luther, die nähere Beschaffenheit bzw. das Wie und das Warum des verborgenen Willens Gottes untersuchen will, der muss mit jemandem verglichen werden, der es sich zum Ziel setzt, ´gygantum more cum Deo pugnare` (= nach Art der Giganten mit Gott zu kämpfen) und der dabei nicht die geringste Chance eines Sieges hat ... (Behnk, a.a.O., 364). Unweigerlich stürzt man aus der Höhe seiner Spekulation ab, geht ´zu poden`, gerät in ´certa desperatio` (= sichere Verzweiflung), rennt wie gegen eine eiserne Mauer an und bricht sich auf alle Fälle den Hals." (365 f.)

Der Journalist: Wer kritisch hinter die angeblichen Geheimnisse Gottes blicken will, hat nach diesem Glauben also nicht die geringste Chance?

Der Theologe: So ist es. Ihm bleibt allein der Glaube an einen Konfessions-Götzen, der einige Anhänger willkürlich rettet, während die anderen mit "gebrochenem Hals" und als ewig Verdammte weiterleiden müssen. Glaubt er nicht, verliert er gemäß dieses Glaubens nicht nur sein Seelenheil, sondern ihm droht unter Umständen auch die Hinrichtung. Denn dem totalitären Glaubenssystem entspricht die totalitäre Staatslehre Luthers: Wer anders glaubt, wird benachteiligt, verfolgt, aus dem Land gewiesen oder hingerichtet.

 

"WIE EINE ART GIFT"

 

Der Journalist: Ist das nicht knallhart und gnadenlos? Wieso konnten viele glauben, das sei eine christliche, eine frohe Botschaft?

Der Theologe: Sie blickten glaubend auf manche Worte Luthers, der wie die heutige lutherische Kirche an anderer Stelle sagte, ihm gehe es um das "Heil in Christus". Das sagt ja auch der spätere lutherische "Sekten-Verfolger" Dr. Behnk. Demnach hätte uns Gott in Christus "in die Wahrheit und Güte seines Wesens und Wollens" hinein genommen, "in welchem er sich als der liebende Vater definiert und sich uns definitiv zugesagt hat". (a.a.O., 397)

Der Journalist: Vorher haben wir aber anderes gehört. Habe ich mich da irgendwo verhört?

Der Theologe: Nein. Sie haben sich nicht verhört. Wir sind jetzt nur beim Anliegen des Kirchenmannes angekommen, das vermeintlich Positive dieses religiösen Meinungskomplexes herauszustellen.

Der Journalist: Was ist das denn für eine "frohe" Botschaft, die einige angebliche Rechtgläubige aus dem Elend herausziehen soll, während die anderen trotz der Allmacht Gottes zugrunde gehen? Wer garantiert einem denn, dass dieses Schicksal nicht auch einen selbst trifft? Eventuell fühlt man sich auch schon elend.

Der Theologe: Der Luther-Fachmann Behnk weist zum Beispiel auch auf den schweizerischen Theologen Karl Barth hin. Barth war einer der bekanntesten evangelischen Glaubenslehrer im 20. Jahrhundert. Der Luther-Experte schreibt über ihn: "Ist Karl Barths Vorwurf von der Hand zu weisen, dass Luthers ... Appelle ... im Sinne bloßer seelsorgerlicher Beruhigungsformeln verstanden werden können, welche den Menschen von der gefährlichen Tatsache ablenken sollen, dass es hinter Gottes geoffenbartem Heilswillen noch eine ´wie eine Art Gift` zu hütende höhere Hintergrundswahrheit gibt?" (364)
Der oberflächliche evangelische Glaube, so wie er heute oft von den Kanzeln gepredigt oder mit freundlichen Worten im Gespräch weitergegeben wird, wäre demnach, wie Karl Marx sinngemäß sagte, das Opium fürs Volk – vordergründig wäre er ein Mittel zur "seelsorgerlichen Beruhigung", hintergründig aber diese "Art Gift".

Der Journalist: Ich denke dabei an die vielen Hilfesuchenden, die in diesem Glauben einen Halt fürs Leben suchen. Oder an Kinder und Jugendliche, die man zum Beispiel im Religionsunterricht das "Vorbild Luther" lehrt. Am Anfang der Doktorarbeit lese ich auch eine Widmung des Lutheraners Behnk: "Meinen Kindern ..."

Der Theologe: Er möchte offenbar, dass sie den evangelisch-lutherischen Glauben als Hilfe für ihr Leben annehmen. In der evangelisch-lutherischen Kirche werden die Kinder ja auf Wunsch ihrer Eltern bereits als Säuglinge in diese Kirche hineingetauft. Und die Eltern übernehmen damit – meist ohne zu hinterfragen – diese von den Kirchen propagierte Tradition, die auch nichts mit Jesus zu tun hat, denn bei Ihm heißt es "Erst lehrt und dann tauft". Und die Taufe hat bei Ihm auch andere Inhalte als in den Kirchen. Bei Jesus von Nazareth ist es eine Geisttaufe, und da geht es nicht um ein Ritual für eine Kirchenmitgliedschaft, sondern um ein Leben nach den Geboten Gottes.

Der Journalist: Die meisten Eltern wissen ja nicht, was sie damit tun. Aber bei einem Doktor der Evangelischen Theologie kann man wohl voraussetzen, dass er weiß, was er hier tut. Nachdenklich macht mich auch, dass so etwas "Hochintellektuelles" wie diese Doktorarbeit Kindern gewidmet ist. Jesus sagt doch zu den Erwachsenen, sie mögen zu "Kindern" werden – nicht zu den Kindern, sie mögen sich das komplizierte Gedankengut der Erwachsenen aneignen.

 

ALS KIND UND JUGENDLICHER IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE

 

Der Theologe: Ich habe das so erlebt: Als Kind besuchte ich den "lutherischen" Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht. Dort hörte ich viele gut gemeinte Worte von diesem Glauben. Ich wurde auf das Konfirmandenversprechen vorbereitet, das der Pfarrer uns Kindern vorsprach und auf das man mit Ja oder Nein antworten konnte. Im selben Atemzug soll das Kind bzw. der Jugendliche dabei versprechen, einerseits "unter Jesus Christus" zu "leben" und andererseits evangelisch zu "bleiben". Dieses Versprechen ist als lebenslängliches Versprechen gedacht. Das ist eine Manipulation in mehrfacher Hinsicht:

Erstens wird stillschweigend vorausgesetzt, dass "christlich" und "evangelisch" identisch sind. In Zweifel gezogen hat das damals von uns Kindern wahrscheinlich niemand.

Zweitens hat kaum ein Kind eine faire Chance für ein Nein – die Feierlichkeiten sind oft schon ein Jahr oder monatelang im voraus organisiert. Und je näher der Termin rückt, an dem die Verwandten festlich gekleidet und mit Geschenken anreisen, desto geringer wird die ohnehin geringe Chance, die Inhalte des Versprechens ehrlich prüfen und gegebenenfalls Nein sagen zu können.

Und drittens wird so gehandelt, als wüsste man nicht, dass jedes Kind als Jugendlicher und später als Erwachsener allmählich seinen eigenen Weg findet und dabei viele Entwicklungsjahre noch vor sich hat.

Damals war ich 13 Jahre alt. Ich habe das Konfirmandenversprechen gegeben – wie alle anderen auch. Manche Kinder dieses Alters machen sich darüber vielleicht nicht viele Gedanken und lassen sich vor allem wegen der Geschenke konfirmieren. Doch viele nehmen ein solches Versprechen auch ernst. Mir ist damals das Handkreuz aus Gusseisen mit dem so genanntem Konfirmationsspruch auf der Rückseite, das jedes Kind bekam, auf den Boden gefallen. Mitten während der Feierstunde war der Aufprall in der Kirche zu hören. Daran kann ich mich noch erinnern. An das andere nicht mehr. Im Nachhinein wurde es zum Symbol, dass diese Versprechens-Zeremonie nicht stimmte – weder für mich noch für alle anderen.
In der staatlichen Schule erhielt ich zunächst aber weiterhin konfessionellen Religionsunterricht, und in einer kirchlichen Jugendgruppe ließ ich mich von dem begeistern, was ich dort über Christus hörte. Ich konnte auch jetzt noch nicht unterscheiden, was davon wirklich christlich war und was nicht. Aus dieser Begeisterung heraus entschied ich mich als junger Erwachsener für das Theologiestudium. Dort begegnete mir der Glaube anders als in der Jugendzeit, nämlich in erster Linie als Wissensvermittlung. Es war nun meine Hauptaufgabe, das, was ich hörte, mit dem Verstand zu erfassen, wiedergeben zu können und zu beurteilen. So studierte ich jahrelang Bibelwissenschaft, Kirchengeschichte, Dogmatik und vieles mehr von dem, was Theologen seit nahezu 2000 Jahren über Gott dachten und weiter denken. Das Tun des Glaubens spielt für das Studium keine Rolle.

Im Rückblick kann ich sagen: Ich geriet aufgrund meiner jugendlichen Begeisterung immer tiefer in das Netz der Theologie hinein, in das Strickwerk der zahl- und uferlosen intellektuellen menschlichen Gedanken über "Gott". also über menschliche Gottesvorstellungen. Ein solches Netz ist aber niemals von Jesus von Nazareth ausgeworfen worden. Denn Er sagte zu keinem Seiner Nachfolger: Studiere Gott mit dem Kopf! Er sagte: "Folge mir nach", und Er lebte nach dem schlichten Gebot "Bete und arbeite" – als Zimmermann und als Mann mit einer befreienden geistigen Botschaft zugleich.

 

DAS THEOLOGISCHE NETZ



Der Journalist
:
Sie sprechen vom Netz, in das sich schon Jugendliche verfangen können. Nun wurden sie also schon einmal ungefragt lutherisch getauft. Was sind die Folgen? Nehmen wir an, jemand will nicht mehr evangelisch sein und will aus der Kirche austreten. Einen freien Willen für eine eigene Entscheidung in Glaubensdingen hätte er aber gemäß der lutherischen Lehre nicht, weder als Kind noch später als Erwachsener. Ein Lutheraner müsste doch jetzt sagen: Der auf ihm sitzende Reiter habe gewechselt. Vorher wäre es Gott gewesen, jetzt sei es Satan.

Der Theologe: Die evangelische Kirche könnte zunächst behaupten, das Kind wäre seit seiner Säuglingstaufe ohne Verdienst auf dem richtigen Weg gewesen. Und dieser Taufakt sei auch durch einen Kirchenaustritt nicht rückgängig zu machen, wie es der ehemalige bayerische Landesbischof Johannes Hanselmann einmal in einem Brief an jemanden, der die Kirche verlassen wollte, schrieb. Bischof Johannes Hanselmann wörtlich: "Ich möchte Ihnen aber nur zu bedenken geben, dass man aus der Kirche, in die man durch die heilige Taufe eingegliedert wurde, nicht aus- und eintreten kann wie etwa bei einem Verein, wenn man anderswo etwas gefunden hat, was einem vielleicht mehr zusagt. Man kann Gott den Bund, den er in der heiligen Taufe mit uns geschlossen hat, nicht einfach aufkündigen." (Kopie des Briefes an A. Emtmann vom 6.9.1985 liegt vor)

Der Journalist
: Wird hier nicht Gott von der Kirche vereinnahmt, indem man so tut, als würde Gott bei der Zeremonie im kirchlichen Sinne handeln und nicht der Pfarrer?

Der Theologe
: Ja. Dahinter steckt sowohl bei den Katholiken als auch bei den Protestanten die klerikale Anmaßung, dass Gott exklusiv durch ihre Theologen handle. Das mag dann der jeweilige Konfessionsgötze sein, aber niemals Gott, der Ewige. Und bei der Kirchentaufe kommt das Perfide hinzu, dass man in der Kirche verlangt, dass bereits einem Säugling dieser angeblich göttliche Bund übergestülpt werden soll. Und anstatt diese Entmündigung zu bedauern, berufen sich die Bischöfe auch noch dreist darauf. So wird dem Menschen sinngemäß vorgehalten, er sei ja nicht freiwillig eingetreten, also könne er diesen Akt auch nicht freiwillig rückgängig machen. Das ist die Situation eines Gefangenen, der gekidnappt wurde.

Der Journalist
: Wie haben Sie das erlebt, als Sie die Kirche verlassen haben?

Der Theologe
: Mir hat ein Pfarrer dann gesagt: "Was ist mit deinem Konfirmandenversprechen?" Ich wurde also an das doppelzüngige Versprechen erinnert, das ich noch als Kind bei der Konfirmation geben musste, wenn ich mich nicht zum Außenseiter hätte machen wollen. Denn alle als Säuglinge evangelisch getauften Kinder meines Jahrgangs im damaligen Wohnort ließen sich konfirmieren.
Immer noch gibt es Menschen mit einer tief sitzenden Angst vor einem Kirchenaustritt, der seine Wurzeln in Erlebnissen hat, an die sich der Betreffende nicht oder kaum mehr erinnern kann. Diese Angst hat viele Gesichter, die den Menschen im Inneren wie in einem Netz gefangen halten, so dass auch im Äußeren oft lange Zeit alles bleibt wie es ist. So leicht kommen viele also nicht aus dem Netz heraus, selbst wenn sie das wollen. Doch jeder kommt früher oder später heraus, der es wirklich will.


Der Journalist
:
Ich glaube, auch Luther hat sich in dieses Netz verfangen, wenn auch auf andere Art. Ich lese hier eine Meldung, wonach dem "massigen Mann" "zu jeder Mahlzeit" "knapp zwei Liter Südwein serviert" wurden. "Zwischendurch trank er obendrein reichlich Neumburgisch Bier" (Focus Nr. 6/1996). War Luther ein Alkoholiker?
 

HAT LUTHER SEINEN FREUND HIERONIMUS BUNTZ ERSTOCHEN?


Der Theologe
:
Jeder mag das tägliche Trinken so vieler Liter an alkoholischen Getränken deuten, wie er möchte. Wer weiß, wie es in dem "massigen" Martin Luther dabei innerlich ausgesehen hat? Es wird zwar gerne darauf verwiesen, dass Alkohol damals auch verstärkt desinfizierende Funktion hatte. Doch mich erinnern die Mengen auch an Alkohol-Orgien unserer Zeit.
Wir haben ja gerade vom Konfirmanden- und Religionsunterricht gesprochen. Dazu kann man auch noch sagen: Viele Informationen über Luther werden den Kindern dort vorenthalten, denn man möchte Luther als Vorbild präsentieren. So werden eben auch die vielen Hinrichtungsforderungen Luthers entweder gar nicht erwähnt oder beschönigend und verständnisvoll aus der Sicht des Täters bzw. Anstifters dargelegt, etwa mit Worten wie "Luther wäre eben ein ´Kind seiner Zeit` gewesen". Doch wie klingen solche Worte aus der Sicht seiner Opfer, die vielfach qualvoll umgebracht wurden? Diese waren schließlich auch "Kinder ihrer Zeit".
Unerwähnt bleibt meist auch, dass Luthers eigentlicher Name "Luder" war – so wurde es meist überliefert –, dass er ca. 1517 seinen Namen änderte und sich ein gutes Jahr lang auch "eleutherius" (= Befreier; ein Titel für eine "Erlöser"-Person) nannte (siehe dazu Martin Gregor-Dellin, Luther, Frankfurt am Main 1994, S. 79 f.) Oder dass Luther 1505 unfreiwillig ins Kloster ging; vieles spricht dafür, dass er sich damit einer drohenden Strafverfolgung entzogen hatte. Unter anderem
stellt der Luther wohl gesonnene Biograf Hans-Joachim Neumann Indizien zusammen, die dafür sprechen, dass Luther im Jähzorn seinen Freund Hieronimus Buntz bei einer Messerstecherei einige Monate zuvor so schwer verletzt hatte, dass dieser an den Verletzungen verstorben ist, dass er ihn also getötet hatte. (Hans Joachim Neumann, Luthers Leiden, Berlin 1995, S. 15-23)

Der Journalist:
Wirklich? Das habe ich aber noch nicht gehört. In der Schule lernt man, Luther wäre im Juli 1505 bei Stotternheim nördlich von Erfurt in ein schweres Gewitter geraten, hätte Todesangst bekommen und in diesem Zustand der "heiligen Anna" geschworen, Mönch zu werden, wenn er das Gewitter unbeschadet überstehen würde. Dann sei er nur wenige Tage später in das wegen seiner Strenge berüchtigte "Schwarze Kloster" der Augustiner-Eremiten in Erfurt eingetreten.

Der Theologe: Es heißt aber auch, dies sei nur eine Legende, und so klingt es auch. Kein Student wird aus heiterem Himmel Mönch, auch wenn er kurzzeitig in ein schweres Gewitter gerät. Selbst Biografen, welche von einem realen Ereignis ausgehen, schreiben, der plötzliche und völlig überraschende Klostereintritt "
erklärt
sich weder aus seiner Erziehung noch seiner Todesangst ganz" (Kurt Dietrich Schmidt, Grundriss der Kirchengeschichte, Göttingen 1960, S. 276). Vielleicht war die Gewitter-Geschichte auch ein Vorwand gegenüber seinem Vater, um die eigentlichen Gründe verschweigen zu können. Seine Eltern waren nämlich von dieser Entscheidung geschockt. Denn ihr Sohn hörte jetzt mit dem gerade erst begonnenen Jura-Studium auf und trug von nun an nur noch einen pechschwarzen Umhang mit schwarzem Ledergürtel und schwarzer Kapuze, unter der er sein Gesicht verbergen konnte – so die äußere Erscheinung der Augustiner. Es sah aus, als hätte sich Luther von heute auf morgen der dunklen Macht verschrieben. Dort, bei den Augustiner-Mönchen in Erfurt, wurde er dann im April 1507 zum Priester geweiht und 1508 vom Generalvikar des Ordens, Johann von Staupitz, mit dem Theologiestudium beauftragt. Dass Luther nun Theologe statt Jurist wurde, war also nachweislich nicht seine freie Berufswahl, sondern die Entscheidung seines Ordens. Wer Ohren hat, der höre – vor allem, da Luther später lehrt, der Mensch habe angeblich keinen freien Willen.

Der Journalist
: Weiß man mehr darüber, ob Luther Buntz tatsächlich getötet hat?

Der Theologe:
Es gibt einige Studien und Bücher dazu, vor allem von katholischen Schriftstellern, die offensichtlich auch ein konfessionelles Interesse daran haben, dass Luther hier ein schweres Verbrechen begangen habe. Aber Konfessionsstreit hin oder her, was sind die Fakten? Darum sollte es gehen. Sehr ausführlich und fundiert schreibt vor allem Dietrich Emme, Martin Luther – Seine Jugend- und Studentenzeit 1483-1505 – Eine dokumentarische Darstellung, Bonn 1983. Dietrich Emme, Wirtschaftsjurist und Sohn eines evangelischen Pastors, spricht von "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" davon, dass Luther Buntz getötet hat (4. Auflage, Regensburg 1986, Vorwort, S. 8
). Oder die teilweise auf Dietrich Emme aufbauende Studie des katholischen Theologen und Psychologieprofessors Albert Mock, Abschied von Luther, Köln 1985. So führt Prof. Dr. Mock unter anderem eine Tischrede von Luther vom November 1531 an, die aufzeigen könnte, wie Luther bereits vor dem Tod von Buntz in Kontakt mit den schwarzen Männern, den Augustiner-Mönchen, geriet. Luther berichtete, wie er sich "durch einen unglücklichen Zufall die Schlagader seines Unterschenkels" mit seinem Degen schwer verletzte habe. Dies sei allerdings auch eine damals typische Schutzbehauptung und Notlüge gewesen. (S. 40)
Vermutlich habe ein Zweikampf – vergleichbar heutigen Schlägereien mit Messer-Einsatz – stattgefunden mit dem Studienfreund Conradus Wigant, dessen Spur sich von da an verliert. Luther sei deswegen womöglich bestraft worden, und die vermeintliche Lossprechung von seiner Sünde habe er sich diesen Überlegungen zufolge im Schwarzen Kloster der Bettelmönche in Erfurt geholt. Hier sei es dann also laut den Studien von Dr. Mock zum ersten persönlichen Kontakt Luthers mit den Augustinern gekommen, denen er dann später beitrat (Zeitschrift Einsicht, Ausgabe Nr. 3, September 2011). Wie stichhaltig diese Vorüberlegungen sind, ist nach 500 Jahren aber nicht mehr leicht nachprüfbar, so dass man sie als These verstehen kann, die als möglicher Mosaikstein zum Verständnis der damaligen Ereignisse dienen könnte.
Mehr geschichtliche Mosaiksteine gibt es dann aber zum Tod von Hieronimus Buntz: Am 6.1. oder 7.1.1505 hatten 17 Studenten, darunter Martin Luther und Hieronimus Buntz, in Erfurt ihr Magister-Examen der sieben freien Künste bestanden – dieses Grundstudium, das damals nötig war, um nun in einer Spezial-Disziplin weiter studieren zu können, bei Luther war es damals Jura. Doch der Student Hieronimus Buntz
starb "im Anschluss an das Magisterexamen ... noch vor der feierlichen Einführung in das Magisteramt" (Vom jungen Luther, Erfurt 1899, S. 41 f.) laut Eintrag im damaligen Dekanatsbuch an den Folgen einer Rippenfellentzündung. Luther selbst sprach im Freundeskreis von "Stichen", an denen Buntz schließlich starb. Dies hätten die Freunde, die später darüber sprachen, missverständlich als "Dolchstiche" aufgefasst, wie der lutherfreundliche Biograf Georg Oergel es im Nachhinein zu interpretieren versucht (S. 35 f.).
So bleibt zur möglichen Entlastung Luthers nur der Eintrag im Buch der Universität über das geschädigte Rippenfell, wobei hier nachvollziehbar wäre, dass man einen Totschlag unter den eigenen Absolventen, auf die eine Hochschule normalerweise stolz ist, nicht auch noch als solchen aktenkundig macht, mit allen Folgen, die daraus entstehen würden.

In der Studie des Theologen Albert Mock heißt es dazu: "Aller Wahrscheinlichkeit nach war Luther nach der Magisterprüfung mit Hieronymus Buntz in ein Wortgefecht geraten und hatte aufgrund seiner leichten Erregbarkeit zum Dolch gegriffen und dabei im Affekt den Freund so unglücklich zwischen die Rippen getroffen, dass dieser lebensgefährlich verletzt wurde und bald darauf an den Folgen dieser Verwundung starb." Hintergrund des Streits seien offenbar die Examensnoten und der damit verbundene Rang und die Karrieremöglichkeiten der einzelnen Kandidaten gewesen.
Dr. Mock weiter: "Dies ist die in jeder Hinsicht wahrscheinlichste und psychologisch stimmigste Erklärung sowohl der Vorfälle um den Tod von Hieronymus Buntz als auch des überstürzten Klostereintritts Luthers sowie seiner von da an stark einsetzenden Selbstvorwürfe und bedrückenden Erinnerungen an den Tod des Freundes." (S. 43)

Der Journalist: Von dem allen habe ich bisher noch nicht gehört. Aber reichen diese Überlegungen eines streitbaren katholischen Theologen aus, um die bisherige Biografie des jungen Martin Luther so in Frage zu stellen? 

 
Der Theologe: Es kommt noch vieles mehr. Der von Professor Mock als wahrscheinlich angenommene Tathergang würde auch den Inhalt einer weiteren Tischrede Luthers aus dem Jahre 1532 erklären, in der Martin Luther selbst unbestritten sagte: "Nach dem einzigartigen Ratschluss Gottes bin ich Mönch geworden, damit sie mich nicht gefangen nehmen. Andernfalls wäre ich nämlich sehr leicht gefasst worden. So aber konnten sie es nicht, weil sich der ganze Orden meiner annahm." (zit. nach Mock, Vom jungen Luther, S.43 f.)
Die Richtigkeit dieses Zitates vorausgesetzt ist dies ein Geständnis einer Straftat, auch wenn sich lutherische Theologen mit intellektuellen Verrenkungen dagegen sträuben. So streitet z. B. Prof. Dr. Thorsten Dietz aus Marburg einfach ab, dass dieses Geständnis im Zusammenhang von Luthers Klostereintritt stand. In welchem Zusammenhang aber soll es dann gestanden haben? Es sei angeblich, so der Lutheraner Dr. Dietz,
"völlig unwahrscheinlich, dass ein solches Geständnis ohne Rückfrage akzeptiert worden wäre" (zit. nach idea.de, 19.4.2016). Auch das überlieferte Luther-Wort "Ich bin ein Mönchlein wider Willen" stünde angeblich nicht in diesem Zusammenhang. Hier soll offenbar nicht sein, was gemäß den üblichen Luther-Klischees nicht sein dürfe. Und was weiß denn der heutige Lutherist Dietz von damaligen Rückfragen?

Es gibt aber noch ein weiteres schwerwiegendes Indiz, das sich in Verbindung mit den anderen Indizien zu einem schlüssigen und logischen Gesamtbild formt. So hat Martin Luther ab 1517 ausgerechnet einen juristisch-theologischen Traktat über das kirchliche Asylrecht geschrieben (1517; 1520; Regensburg 1985, Verlag Dietrich Emme; lat. Text: WA, Abteilung Werke, Band 1, S. 3-7). Darin beurteilt Martin Luther aus juristischer und kirchlicher Sicht die Situation, wenn ein "nichtvorsätzlicher" Totschläger oder ein "vorsätzlicher" in eine Kirche oder in ein Kloster flieht und einige weitere vergleichbare "Fallbeispiele". Irgendein bevorzugtes Interesse gerade an diesem Thema muss Luther gehabt haben. Es ist ja zunächst einmal grundsätzlich üblich, dass Theologen, vor allem junge Theologen, in ihren Ausarbeitungen vielfach Aspekte ihrer eigenen Biografie mit verarbeiten. Und soll es bei Luther anders gewesen sein? Bzw. liegt es nicht nahe, dass der jüngere Martin Luther damit auch ein einschneidendes Ereignis in seiner eigenen bisherigen Lebensgeschichte bearbeitet? Dies würde auch seine starken Schuldgefühle erklären, die man ohne einen solchen Hintergrund als zwangsneurotisch bezeichnen müsste.

Der Journalist
: Wenn das stimmt, dann wären kirchliche Institutionen also auch damals ein Hort der Verbrechensvertuschung gewesen, so ähnlich wie in unserer Zeit bei unzähligen Sexualverbrechen von Priestern und Pfarrern an Kindern.

Der Theologe
:
Wenn es denn so war, und dafür spricht viel, dann hätten diese Vertuschung und ihre Vorgeschichte zwischen Januar und Juli 1505 für Luther aber einen extrem hohen Preis gehabt. Martin Luther war für die Kirche nun auf jeden Fall zu 100 % einer der ihren, und zwar auf der untersten Stufe der "schwarzen" Hierarchie, als einfacher Mönch, das ist unbestritten. Und er musste von nun an nichts anderes als gehorchen. Und vor dem Hintergrund eines möglichen Totschlags wäre er seither zudem erpressbar gewesen. Letzte Gewissheit darüber, ob es sich tatsächlich so zutrug, wird man aber wohl nicht so leicht bekommen – vor allem nicht von der Seite der lutherischen Kirche, die ihre Luther-Biografie massiv beschönigt hat und weiter nach Kräften manipuliert. Das gilt übrigens auch für Luthers Familiengeschichte.

Über Luthers Vater Hans Luder gab es die "Kunde" bzw. das "Gerücht", er habe "einen Bauern mit dem Pferdegeschirr erschlagen". Außerdem war nicht nur Luther selbst bekannt für übermäßigem Alkoholzuspruch. Es soll es ein familiär verbreitetes Alkoholproblem gegeben haben, wovon neben Luthers Vater und Luther selbst zum Beispiel der Neffe Luthers betroffen war, der Wittenberger Theologe Hans Luther, der oft betrunken war und vom Reformator einmal mit den Worten getadelt wurde: "Manche Betrunkene sind fröhlich und angenehm wie mein Vater ... aber du gerätst ganz in Wut" (WA, Tischreden 4, 636, 16; Dietrich Emme, Gesammelte Beiträge zur Biographie des jungen Luther, Mainz 2016, S. 122 f.). Dietrich Emme nennt auch noch den Onkel Martin Luthers, Hans Luder den Jüngeren, und er schreibt: "Eine große Reizbarkeit und Neigung zu Jähzorn und Gewalt charakterisiert das Geschlecht der Luder. Urkundlich belegt ist dies von Hans Luder, dem Jüngeren", so wie es Emme schreibt (S. 126). Doch im Zentrum der Reformationsgeschichte steht natürlich Martin Luther selbst.
Der Theologe Richard Niedermeier schreibt dazu, Luther war "auch von seiner Familie her für solche Exzesse vorbelastet, ein hochgradiger Choleriker und Egozentriker ... Zu diesen neueren Einsichten der Lutherforschung gehört auch, dass Luther ein Meister der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung war ... und haben hier hinzuzufügen, dass Luthers autobiografische Aussagen keineswegs immer verlässlich sind". (Luthers Totschlag; in: Emme, Gesammelte Beiträge, S. 351)
Man stelle sich dazu folgende Schlagzeile vor: "Luther unter dringendem Mordverdacht". Und neben diesen hochbrisanten Informationen werden von der Kirche ja auch Teile von Luthers Glaubenslehre in der Regel bewusst verschwiegen oder beschönigt, damit er weiter als Vorbild auch für Kinder und Jugendliche hingestellt werden kann.


Der Journalist
: Ich denke dabei an den angeblich unfreien Willen des Menschen, die von Luther gelehrte Vorherbestimmung zum ewigen Heil oder zur ewigen Verdammnis oder dass "Gott" eben ein grausamer Gott sein könne ...

Der Theologe: Ja, genau. Auch das Bild eines angeblich von Grund auf zornigen und strafenden Gottes, der die Hinrichtung seines Sohnes als eines angeblichen Sühnopfers für die Sünden der Menschen für den Erweis seiner Gnade benötigt habe, wird den Jugendlichen nur beschönigt in gewissen "Light-Varianten" dargeboten. Allerdings wird Luther den Schülern im Religionsunterricht schon als Mann vorgestellt, der vor allem von der Problematik belastet war "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" Doch was mag hier bei Luther voraus gegangen sein? Offenbar auch eine Erziehung und Prägung durch einen angeblich strafenden Götzengott und seinen vermeintlich wütenden Zorn anstatt das Gesetz von Saat und Ernte dem persönlichen Erleben und dem Weltgeschehen zugrunde zu legen. Aber ist das alles?
Folgt man den Biografen, welche die Tötung von Hieronimus Buntz durch Luther nahe legen, wäre auch leichter verständlich, was diese massive seelische Problematik des jungen Luther mitverursacht haben könnte, die dann in der Frage gipfelte "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" Wobei die einfachste Antwort auf das Seelenleid wäre, dass ein von Luther Geschädigter – eventuell als Seele im Jenseits – ihm vergeben muss, um den Schädiger von seiner Seelenlast zu befreien. Doch Luther steigert sich stattdessen immer mehr in ein destruktives Gottesbild hinein und in ein Ausmaß von Religions-Terror, durch die bald auf ihn gründende lutherische Konfession, deren Kriegs-, Folter- und Hinrichtungsopfer bis heute in die Millionen gehen.

Zu dem destruktiven Gottesbild möchte ich noch einige Abschnitte aus dem Luther-Buch des Theologen Dr. Wolfgang Behnk Contra Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei zitieren.

"Luther kann ... sogar einmal sagen, dass die Majestät des Deus absconditus [also des angeblich "verborgenen Gottes", der bei Luther mit dem in der Bibel offenbarten Gott identisch ist] noch viel heiliger und furchtbarer ist, als eine unermessliche Menge koryzischer Höhlen ..." (a.a.O., 361)
In diesem Vergleich wird auf die nach dem Ort Korykos benannte Höhle Bezug genommen, die zuerst durch Lieblichkeit anlocken soll. Wenn man aber tiefer eindringt, kommt der Schrecken.

Ich zitiere weiter: "Denn der nun angesprochene Deus (= "Gott") ... behält sich selber solche Freiheit vor ... D. h., der Empfang des Heils und des Unheils hängt allein davon ab, ... welche Menschen er ["Gott"] ... verloren lassen gehen will, und welche nicht ... Luther ... präzisiert auch, ... was er ["Gott"] ... will, nämlich den Tod des Sünders, den er keineswegs betrauert oder gar aufzuheben bereit ist. Und zwar aus dem bereits ... vorgebrachten Grund, dass Gott ´omnia in omnibus` (= "alles in allem") wirkt, auch den Tod." (362)

Der Journalist
: Wenn ich das alles so höre, frage ich mich: Ist Luthers Gott der "Gott der Unterwelt"?

 

LUTHER: "GOTT HENKT, RÄDERT, ENTHAUPTET, TÖTET UND FÜHRT DEN KRIEG"

 

Der Theologe: Wenn wir in diesem Buch des früheren evangelisch-lutherischen Kirchenrats über Luther weiter lesen, finden wir noch mehr Stellen dieser Art.
Zum Beispiel "... wird deutlich, dass der Reformator hier im Gegensatz zu seinen sonstigen Aussagen vom Willen Gottes, dessen libertas (= Freiheit) nicht mehr als konkrete Freiheit zur Liebe und Gemeinschaft mit den Menschen beschreibt, sondern als abstrakte, allgemeine Freiheit, die Gott sich über alles hinaus und unter Einschluss von allem – auch von Hass, Tötung und Verdammung – vorbehalten hat ..." (a.a.O., 364)
Bei Luther selbst steht es an anderer Stelle direkter: "Gott henkt, rädert, enthauptet, tötet und führt den Krieg. Das alles sind seine Werke und sein Gericht." (Zur Frage, ob man als Soldat in einem Gott wohlgefälligen Stand lebt, 1526; WA 19, S. 623 ff.)

Der Journalist: Das erinnert mich wieder an die Tötungsforderungen Luthers.

Der Theologe: Das sind die nahe liegenden Folgen seines Glauben.

Der Journalist: Und die Zielscheibe der Forderungen und damit die möglichen Opfer sind Andersgläubige wie die "Täufer", die aufständischen Bauern oder als Hexen verleumdete Frauen ...

Der Theologe: Auch Prediger, die ohne amtskirchlichen Auftrag predigen, gehören dazu, türkische Kriegsgegner, untreue Ehepartner oder Prostituierte. Auch ruft Luther zur Judenverfolgung auf, nachdem er die Menschen jüdischen Glaubens zuvor böse verleumdete, zum Beispiel als Menschen, die angeblich Kinder misshandeln oder Brunnen vergiften und vieles mehr. All diese Gruppen von Menschen passen nicht in Luthers Idealbild einer Gesellschaft.

Der Journalist: Welches Idealbild hat Luther?

Der Theologe: Grundlage für Luthers Politik und als Teil davon auch für seine Hinrichtungsforderungen ist seine Zwei-Reiche-Lehre. Das Reich zur Linken Gottes sind, vereinfacht gesprochen, die Staaten und Gesellschaftsordnungen, in denen die Obrigkeiten mit dem "Schwert" herrschen. Im Reich zur Rechten Gottes herrscht demgegenüber angeblich Christus durch Wort und Sakrament, und es wird von der Kirche repräsentiert. Der lutherische Gott sei der Herr beider Reiche, und beide Reiche unterstützen einander. Das bedeutet praktisch, dass die Kirche faktisch über beide "Reiche" herrscht, auch wenn von Luther eine gewisse staatliche Eigenständigkeit suggeriert wird. Mit seinen "zwei Reichen" unterscheidet es sich damit nicht wesentlich vom bis heute gültigen katholischen Dogma der zwei Schwerter, wonach das "geistliche Schwert" "von der Kirche" zu führen sei, das "materielle Schwert "für die Kirche". "Beide sind also in der Gewalt der Kirche." (Bonifatius VIII., Bulle Unam Sanctam, 1302)

Der Journalist: Aber warum forderte Luther so viele Hinrichtungen und warum mussten deshalb so viele Menschen sterben?

Der Theologe
: Martin Luther war ja davon überzeugt, auf der Seite Gottes und der Wahrheit zu stehen, und er spricht seinen Gegnern die Wahrheit ab. So könnte jemand gemäß diesem Religionsglauben zum Beispiel fragen: Wenn diese Menschen ohnehin im Jenseits ewig verdammt würden, müsse man sie dann im Diesseits gut behandeln oder wäre es nicht am besten, sie gleich zu ermorden bzw. den Staat dazu zu bringen, sie wie auch immer zu "beseitigen", damit sie nicht andere mit ihrem Denken anstiften?
Allein wegen ihrer abweichenden Einstellungen gelten viele Menschen für Martin Luther bereits als "vom Teufel geritten" bzw. als verantwortlich für "Aufruhr" (Tomos 5, a.a.O., S. 552), auch wenn sie gewaltlos und friedfertig leben.

 GEWISSEN UND VERANTWORTUNG

  

Der Journalist: Hatte Luther keine Gewissensbisse?

Der Theologe: In einer positiv zum Lebenswerk Luthers stehenden Biografie wird sein Antisemitismus mit persönlichen Gründen in Verbindung gebracht: "Vielleicht, dass dieser Judenhass ihm als ein Halteseil dient in seiner Verzweiflung ..." (Michael Meisner, Martin Luther, Lübeck 1981, S. 278)
Nach seinen eigenen Aussagen erleichtert Luther sogar sein Gewissen damit, dass er eine Verfolgung der Menschen jüdischen Glaubens fordert; zum Beispiel ihre Synagogen zu verbrennen und Häuser zu zerstören, sie eventuell in Ställen zusammenzupferchen und zu harter Arbeit zu zwingen. Werde sein Rat nicht befolgt, sei er, Luther, entschuldigt: "Ich will hiermit mein Gewissen gereinigt und entschuldigt haben als der ichs treulich habe angezeigt und gewarnt ..."
(Von den Juden und ihren Lügen, Jenaer Ausgabe, Tomos 8; vgl. Der Theologe Nr. 28)

Der Journalist: So empfindet Luther offenbar als "gut", was für andere "böse" ist.
Eine weitere Frage dazu: Wie ist es bei Luther grundsätzlich mit der Verantwortung für das Böse, wenn der Mensch doch gar keinen freien Willen hat?

Der Theologe: Der Luther-Experte Behnk (1949-2022) stellt in seiner Doktorarbeit Contra Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei ebenfalls die Frage, wie bei einer solchen Theologie "eigentlich noch die ... Verantwortlichkeit des Menschen für das Böse gedacht werden" könne; und deshalb bezeichnet er Luthers Lehre hier auch als "äußerst gefährlich" (a.a.O., 344). Und genau das ist die angemessene Schlussfolgerung. Denn Luther konnte sich bei seinen Aufrufen zur Verfolgung und Vernichtung vieler ihm missliebiger Zeitgenossen ungeniert auf seinen Gott berufen, also auf seinen Konfessions-Götzen. Denn gemäß seinem Glauben sei dieser Götze letztlich für alles verantwortlich, auch für Not und Leid, welche seine Tötungsaufrufe nach sich zogen. In Bezug auf die Bauern sagt Luther später ja in der bekannten Tischrede: "All ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu reden." (WA, Tischreden 3, 75)

Der Journalist: Eigentlich würde ich erwarten, dass ein bestimmter Gottesglaube auch verantwortungsvolles Handeln beinhaltet. Luther lehrt jedoch verantwortungsloses Handeln und lebte offensichtlich auch danach.

Der Theologe: Luther sieht sich als Werkzeug seines Gottes, und er entnimmt sein Gottesbild der Bibel – in diesem Zusammenhang vor allem den Tötungsforderungen, die man im so genannten Alten Testament entweder Gott oder Mose und anderen Gottesboten angedichtet hatte. So fordert Luther unter Berufung auf die Bibel vom Staat Hinrichtungen. Und auch den Gehorsam gegenüber dem Staat begründet Luther mit der Bibel, nämlich mit Paulus.
Im Paulusbrief an die Römer heißt es: "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt den Anordnungen Gottes ..." (13, 1-2). Damit lässt sich jeder Faschismus durch den Glauben Luthers rechtfertigen und angeblich als Gottes Anordnung hinstellen. Und die Geschichte beweist, dass das tatsächlich auch so geschehen ist.

Der Journalist: Könnte man nicht sagen: Wer Anhänger eines solchen hassenden Gottes ist, der seinen Kindern keine Glaubensfreiheit lässt, sie eventuell töten lässt und ewig verdammt – wie nahe liegt es für denjenigen, mit seinen Mitmenschen auf ähnliche Weise umzugehen? Verantwortlich soll dann aber nicht er selbst sein, sondern – wie Luther sich rechtfertigt – eben jener Götzengott, den sich Menschen für dieses ihr Tun ausgedacht haben.

Der Theologe: Nach dem Luther-Experten Behnk zitiert: "Es heißt doch: Weil Gott es so will, gerät der Mensch unter die Macht des Bösen." (Contra Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei, 355)
Es wäre also alles Gottes Wille. Martin Luther lehrt vom Willen Gottes sogar, dass nicht einmal der erste Mensch bei seiner Erschaffung den zum Gehorsam gegenüber Gott befähigenden "vollen Heiligen Geist" erhalten habe. Warum aber, so müsste man rückfragen, hätte ein solcher "Gott" unter diesen Voraussetzungen dann überhaupt den ersten Menschen erschaffen? Aus sadistischen Gründen? Oder weil er sich so verhält wie ein Mensch, der Tierversuche durchführt, frei nach dem Motto: "Die Katze hat keine Chance, aber mal schauen, wie weit sie kommt."
Oder noch einmal ein Zitat aus dem Lutherbuch von Wolfgang Behnk: "Pointiert gesagt sieht es so aus, als ob es allein an Gott und in keiner Weise an uns liegt, ob wir unehrenhafte, unbrauchbare, schlechte, der Vernichtung anheim gestellte ´Gefäße` sind oder nicht." (351)
"Der Vernichtung anheim gestellt" – wie die Katze eben, die am Ende des Experiments sowieso getötet wird, aber wenigstens nicht ewig verdammt. Folglich wäre der eiskalte Tierversuchstöter noch um einiges barmherziger als dieser "Gott" Luthers.

Der Journalist: Und wie ist es, wenn man es nicht "pointiert" sieht?

Der Theologe: Dann trage der Mensch trotzdem Verantwortung – wie Judas, der Jesus zwar "unfreiwillig" verriet, aber "willig" (336 f.). Das heißt offenbar: Judas wollte Jesus zwar verraten, doch sein Wollen war nicht frei. Trotzdem sei er deswegen nicht entschuldigt.

Der Journalist: Ja, was jetzt? Gilt jetzt das Pointierte oder das Nicht-Pointierte? Wer soll das verstehen können?

Der Theologe: Ein Lutheraner müsste hier sinngemäß antworten: Die Vernunft könne vieles nicht begreifen ... Es bliebe "verborgen". Dass seine Glaubenslehre mit der Vernunft nicht vereinbar ist, erkannte Luther bereits selbst. Aber anstatt seine grausame Glaubensmixtur auch einmal mit einem gesunden Maß an gottgegebener Vernunft zu hinterfragen, ging er auch gegen die Vernunft vor und bezeichnete sie als angeblich "die höchste Hure, die der Teufel hat" (WA 51, 126). Und anscheinend in einem Anflug von Wahnsinn forderte Luther sogar: "Wer ein Christ sein will, der ... steche seiner Vernunft die Augen aus." (Martin Luther, Gesamtausgabe in 25 Bänden, herausgegeben von Johann G. Walch, Concordia Publishing House St. Louis 1880-1910, Band V, S. 452)

 

 GEWISSENSFREIHEIT

 

Der Journalist: So wie es die evangelische Kirche lange Zeit verstanden hat, Teile ihres Glaubens im Verborgenen zu halten. In früheren Zeiten war es ja auch lebensgefährlich, Kritik am kirchlichen Glauben zu üben.

Der Theologe: Heute leben wir in einer Demokratie, und die mörderische Kirchenmacht wird durch eine demokratische Gesetzgebung in Schranken gewiesen.

Der Journalist: Wenn wir einmal in der Gegenwart bleiben: In der Bundesrepublik Deutschland gilt das Grundgesetz mit der garantierten Gewissens- und Religionsfreiheit. Wie verhält sich die lutherische Kirche hierzu? Das Grundgesetz widerspricht doch dem Verhalten Luthers ganz entschieden?

Der Theologe: Ja. Luther berief sich zum Beispiel beim Wormser Reichstag (1521) auf sein Gewissen. Bei vielen anderen, die ebenfalls ihrem Gewissen folgten, riefen Luther und seine Kirche jedoch nach dem Henker.
Wie ist es heute? In den letzten Jahren ließen die lutherischen Kirchen immer wieder die Religionsfreiheit des Grundgesetzes mit Füßen treten; und zwar dann, wenn sich Glaubensgemeinschaften darauf beriefen, die von ihr bekämpft werden.
So forderte diese Kirche durch den hier bereits oft zitierten Dr. Wolfgang Behnk den Staat dazu auf, auch friedfertige und unbescholtene Gemeinschaften staatlicherseits zu bekämpfen, wie es schon Luther tat. Dabei heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat oder Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden ..." (Art. 3 Abs. 3)
Und: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." (Art. 4 Abs.1 und 2)

Gelten lassen hat die lutherische Kirche diese Grundrechte nur für bestimmte Gemeinschaften. Für viele aber nicht, auch wenn diese die Würde des Menschen achten und im Geist der Verfassung leben. Sie werden im Widerspruch zur staatlichen Verfassung durch kirchliche Weltanschauungsbeauftragte wie Dr. Behnk bekämpft. Und die Kirche erwartet bei diesen modernen Kreuzzügen auch Unterstützung vom Staat – wie immer in den letzten ca. 1700 Jahren. Nur: In unserer Zeit hätte der Staat die Möglichkeit, sich besser als früher gegen den klerikalen Druck zu wehren und – so in Deutschland – stattdessen die Werte des eigenen Grundgesetzes hoch zu halten.
 

DAS UNGESCHMINKTE GESICHT DER LUTHERISCHEN KIRCHE

 

Der Journalist: Wie hat die Kirche in unserer Zeit diese Auseinandersetzung geführt?

Der Theologe: Dazu wurden auch in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts – wie zu Zeiten Luthers – alle gesetzlich noch zulässigen Möglichkeiten an der Grenze zum Strafrecht genutzt.
Andersgläubige wurden nicht mehr dem "Henker" übergeben, wie Luther es noch forderte, sondern es wurden Unwahrheiten über sie den Medien zugespielt, um sie dem öffentlichen Rufmord preiszugeben. Hier zeigt die evangelisch-lutherische Kirche ein anderes Gesicht als das, worauf manche gerne hinwiesen, die Positives oder angeblich Positives herausstellen wollten.

So wurden zum Beispiel Menschen einer Gemeinschaft von Dr. Behnk als "psychisch und materiell abhängig" beschimpft und als "gewissenlos" oder "hysterisch" hingestellt. Von "Entpersönlichung" oder "Entindividualisierung" war die Rede, manchen wurde sogar ein möglicher "Massenselbstmord" unterstellt – alles Unwahrheiten und böse Verleumdungen. Das wäre ein eigenes Thema.
Und diese unwahren "Meinungsäußerungen" wurden nun in der Regel so geschickt verpackt, dass sie in der Öffentlichkeit vielfach als "Tatsachen" aufgefasst wurden; oft auch deswegen, weil viele Menschen einem kirchlichen Beauftragten noch vertrauten. So erzeugte die Kirche ein öffentliches Klima, in dem die Zugehörigkeit zu vielen nichtkirchlichen Religionsgemeinschaften – wie zu Zeiten Luthers – als "Gefahr für Staat und Gesellschaft" betrachtet wurde.

Mit konkreten Folgen: So versuchte die lutherische Kirche durch Amtsträger wie Dr. Wolfgang Behnk auch zu erwirken, dass die Lebensgrundlage solcher zuvor verleumdeter und beschimpfter Menschen zerstört wird: Es wurde zum Boykott oder zur Schließung ihrer Einrichtungen oder Betriebe aufgerufen, obwohl dort nichts zu beanstanden war. Weiter wurde der Entzug von Genehmigungen und Rechten gefordert, die Kündigung ihrer Versammlungsräume, das Verbot ihrer Werbung, oder es kam zu Verboten, Waren auf den dafür vorgesehenen Messen und Märkten anbieten zu können usw. Oder Firmen entließen Mitarbeiter, deren Glaube von der Kirche in den Schmutz ihrer Meinungslügen gezogen wurde, obwohl sie gut und loyal arbeiteten und sich nichts zuschulden kommen ließen. Erst vor kurzem wurde eine Firma wegen der Zusammenarbeit mit einem von der Kirche verleumdeten Betrieb so unter Druck gesetzt, dass sie ihre langfristig geschlossenen Verträge mit diesem Betrieb kündigte, obwohl auch dessen Arbeit sehr gut war. Elf Mitarbeiter wurden arbeitslos wegen der – man kann es am treffendsten so nennen – voraus gehenden Verhetzung durch die kirchlichen Beauftragten. Oder die Kirche säte Misstrauen und Argwohn in Familien, wo sich ein Familienmitglied einem anderen Glauben zuwendete usw. Die Liste ließe sich fortsetzen, und betroffen von dem hier nur angedeuteten systematischen Rufmord der Lutherkirche und ihren inquisitorischen Forderungen an den Staat waren vor allem die rechts- und gesetzestreuen Urchristen im Universellen Leben.

Mir kommt hierzu noch einmal das Bild in den Sinn, wie Martin Luther nach dem möglicherweise von ihm verursachten Tod von Hieronymus Buntz nur noch einen pechschwarzen Umhang mit schwarzem Ledergürtel und schwarzer Kapuze trug, unter der er sein Gesicht verbarg – Symbole der dunklen Macht.

 

PROJEKTION UND LÜGE

 

Der Journalist: Alle Vorwürfe und geforderten Konsequenzen wurden von so genannten "Experten" wie Kirchenrat Behnk ja damit begründet, dass der Glaube dieser anderen Gemeinschaften "gefährlich" sei. Doch wie ist es, nach allem was wir besprochen haben, mit ihrem eigenen Glauben?

Der Theologe: Was sie anderen vorwerfen, begegnet einem in Wirklichkeit in der Theologie und im Leben Martin Luthers: Zum Beispiel Knechtung des freien Willens, totalitäre Vereinnahmung des Menschen von einer anderen Macht, Verlust von Gewissensbildung und persönlicher Verantwortlichkeit usw. Alles das lässt sich in unserem bisherigen Gespräch mühelos nachweisen.

Der Journalist: In der Psychologie spricht man von "Projektionen".

Der Theologe: Ja. Das heißt: Jemand überträgt die Fehler und Schwächen seines eigenen Glaubens auf andere. Was jemand am Glauben seiner Mitmenschen Negatives zu sehen glaubt, ist in Wirklichkeit ein Teil der eigenen Weltanschauung.

Der Journalist: Das Negative zuerst bei sich selbst zu finden, das wäre ja eine der schlichten und einfachen Wahrheiten des Jesus von Nazareth, über die wir bereits anfangs gesprochen haben.

Der Theologe: Ja. Sie steht in der Bibel, in der Bergpredigt im Matthäusevangelium: "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? ... Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst." (7, 3.5)
Da eine Projektion unbewusst geschieht, führt es dazu, dass jemand den eigenen Balken oft lange nicht bemerkt. Dabei habe ich mich konkret gefragt: Wenn der Vertreter der lutherischen Kirche, Kirchenrat Behnk, die Unwahrheit über andere sagte oder log – tat er dies ebenfalls unbewusst oder bewusst?

Der Journalist: Welcher Art waren die Lügen?

Der Theologe: Bei ihm ist mir oft aufgefallen, wie er bei seinen Attacken Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und in völlig neue negative Zusammenhänge hineinmontiert hat. Das ist eine schon von Luther angewandte Technik der Lüge, so würde ich sie bezeichnen, die vordergründig nicht gleich auffliegt, da die Sätze als solche ja "belegbar" sind. Oder Dr. Behnk hat etwas weggelassen oder hinzugefügt, manchmal scheinbare Kleinigkeiten, was den Sachverhalt aber völlig verfälschte. Oder er mischte geschickt lügnerische und verleumderische Aussagen zu Tatsachen hinzu, so dass der Leser oder Hörer die Vermischung nicht merkte und alles als Tatsachen auffasste. Dann verwendete er auch eine Methode, um die Herkunft der Unwahrheiten zu verschleiern: Er verleumdete und gab die Verleumdung auch an die Presse. Danach sagte er, dies oder jenes sei in der Zeitung gestanden – ohne allerdings den Urheber zu erwähnen, nämlich sich selbst, und, und, und ...

 

 LUTHER HEUTE

 

Der Journalist: Wenn wir von bestimmten Verhaltensweisen zum Glauben selbst zurückkommen: Ist [der 2022 verstorbene] Dr. Behnk ein typischer Vertreter für den evangelisch-lutherischen Glauben?

Der Theologe: Als "Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter" war es sogar seine Aufgabe, eine klare und nachweisbare evangelisch-lutherische Position zu vertreten und wachsam zu sein, damit in der lutherischen Kirche nicht etwas anderes gelehrt wird als das, was die evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften fordern. Der Sektenbeauftragte könnte somit sogar als eine Art "Prototyp" des idealen Lutheraners bezeichnet werden.

Der Journalist: Sie haben ja anfangs darauf hingewiesen, dass es neben der Person Luther die so genannten lutherischen Bekenntnisschriften gibt, auf welche lutherische Theologen heute verpflichtet werden. Hat sich die Kirche darin nicht wenigstens ein Stück weit von Luthers Theologie distanziert? Teilweise haben wir ja schon Unterschiede aufgezeigt.

Der Theologe: Die Unterschiede sind nicht so gravierend und damit überschaubar, denn beides sprießt aus der gleichen Wurzel. Der Luther-Experte Behnk räumt in seinem Buch zwar ein, dass manches bei Luther "äußerst gefährlich" ist wie die "absolute göttliche Alleinwirksamkeit" (a.a.O., 344) oder "theologisch gefährlich" wie die Vorherbestimmung bestimmter Menschen durch Reformationsgott zu einer angeblich ewigen Verdammnis (354). Auch Luther, so der spätere lutherische Beauftragte für heutige Inquistion, muss sich an den lutherischen Bekenntnisschriften "messen und ggf. [= gegebenenfalls], wie es u. E. [= unseres Erachtens] hier erforderlich ist, kritisieren lassen" (396). Dort ist die Lehre Luthers dann etwas abgemildert, wie wir schon besprochen haben: Ewige Verdammnis – ja, aber nicht mehr vorherbestimmt, sondern nur noch, wie alles andere auch, vorhergesehen, wie es auch die römisch-katholische Kirche lehrt, was aber für das Opfer überhaupt keinen Unterschied macht. Unfreier Wille – ja, aber nur noch in Glaubensfragen, die aber für das Schicksal die einzig entscheidenden sein sollen. Alleinwirksamkeit Gottes – ja, aber nur noch "zum Heil", wohl die schwerwiegendste Änderung seiner Nachfolger. "Für das Böse" solle sich der Mensch nämlich doch wieder frei entscheiden können (vgl. 393). Doch Luthers vielfach teuflische Maßstäbe für das, was gut oder böse sein soll, wundern nicht geändert.

Der Journalist: Wird es nicht immer komplizierter?

Der Theologe: Die ganze lutherische Lehre ist sehr kompliziert. Als Luther-Experte sah es der evangelische Theologe aus München so: Bei Luther zeichnen sich "bestimmte argumentative und sprachliche Unzulänglichkeiten" ab, "die ein Nachdenken über das ohnehin schon so schwierige Willensproblem eher noch schwieriger machen" (397). Diese vorsichtige Kritik sei aber ausdrücklich "keine Verurteilung". Im Gegenteil: Luther sei "insgesamt seinem rechtfertigungstheologischen ´Thema` gerecht geworden" (397). "Luthers These vom ´servum arbitrium` [= geknechteten Willen] in ihrer Zusammengehörigkeit mit der von der libertas Christiana [= christlichen Freiheit] ist insofern eminent biblisch und darum auch für uns Heutige theologisch hilfreich und letztlich verbindlich." (397)
Schließlich sei es nach dem Glauben des lutherischen Theologen der angeblich "Heilige Geist", also der Kirchengott selbst, der Luther in seiner Schrift "angeleitet" hat, zum Zentrum seiner Lehre, zu den "Christus-Sätzen" hindurch zu stoßen (397 f.). Vom "Heiligen Geist geleitet" – das ist eine der schwerwiegendsten und verbindlichsten Aussagen, die innerhalb dieses Glaubens gemacht werden. Und es ist eine Gottesverhöhnung mehr, denn der freie Gottesgeist in allem Leben hat nichts mit den kirchlichen Vorstellungen über "heilig" zu tun.
 

FREIHEIT UND SKLAVISCHER GLAUBE

 

Der Journalist
: Der Luther-Experte will ja immerhin auch das Positive bei Luther herausstellen. Beispiel: "Christliche" Freiheit trotz "geknechtetem Willen".

Der Theologe: Dazu zitiere ich noch einmal aus der Dr. Behnks Doktorarbeit Contra Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei: "D. h. er [Luther] relativiert die Freiheit des kreatürlichen Willens hinsichtlich der Dinge unter ihm dadurch, dass er diese in die Freiheit des Schöpferwillens eingebunden und damit gebunden – als ein servum arbitrium (= einen geknechteten Willen) denkt." (a.a.O., 299)
Und dieser Satz bedeutet trotz seiner kaum zu durchschauenden intellektuell akrobatischen Schönfärbung: Gott sei frei, der Mensch aber sein "Sklave" und nur als "Sklave" frei.
Oder weiter im Text der Promotion des Luther-Experten:
"Der dreieinige Gott befreit uns sola gratia / sola fide / solo Christo (= allein aus Gnaden / allein durch Glauben / allein durch Christus) aus der ´sündigen` Zwangssituation, selber definieren zu müssen, worin die Freiheit unseres Wesens und Wollens besteht." (397)
Der mit dem Wort "befreit" schöngefärbte Sachverhalt lautet auch hier: Der Mensch braucht nicht mehr selber denken, es wird für ihn gedacht. Selbst zu definieren, worin unsere Freiheit besteht, wäre demnach eine "Zwangssituation".

Der Journalist: Wird hier nicht aus A ein B gemacht und aus B ein A?

Der Theologe: Der Beauftragte für die rechte evangelisch-lutherische Lehre gesteht ein, dass die Theologie die "intersubjektiv erfahrbare Willensfreiheit" nicht als "nicht-existent" ignorieren könne. Sie muss sich vielmehr darum bemühen, "die allgemeine Freiheitserfahrung von der besonderen Glaubenserfahrung des servum arbitrium (= geknechteten Willens) her auf Vermittlung hin zu bedenken und so dem Kriterium der Gegenwartsgemäßheit gerecht zu werden". (396)

Der Journalist: Diese Wortklauberei empfinde ich als eine Zumutung. Aber wenn ich es richtig verstehe, dann gibt der Kirchenmann zu, dass sich Menschen ohne den evangelischen Glauben als frei erfahren.

Der Theologe: Ja. Und die Kirche müsse sich dem anpassen. Ihre Lehre zu ändern bräuchte sie aber deswegen nicht. So wird argumentiert. Für den evangelisch-lutherischen Glauben, so wie er hier gelehrt wird, würden gerade Menschen, die sich von dem krankhaften kirchlichen Ballast in ihrem Kopf befreit haben, in einer "sündigen Zwangssituation" leben. Evangelisch-lutherische Theologen sprechen manchmal von der "Unverfügbarkeit" ihres Glaubens, was einen von der Anstrengung befreien soll, aus eigener Kraft zu diesem Glauben zu finden. Der Kirche und den Gläubigen seien lediglich Predigt und Sakramente anvertraut, der Glaube werde dann von ihrem Götzen Gott mithilfe dieser Mittel geschenkt. 

Der Journalist: Eigene Kraft oder Gottes Geschenk? Kann man das aber grundsätzlich nicht doch unterscheiden?

Der Theologe: Ich sehe das so: Alle Kraft wird uns von Gott geschenkt, ist also so gesehen Seine, nicht unsere. Es kommt auf uns an, ob wir die Kraft missbrauchen und etwas Schlechtes damit tun oder ob wir sie für etwas Sinnvolles und Gutes einsetzen. Negativ wäre es auch, wenn wir uns kraftvoll fühlen und deshalb stolz oder hochmütig werden. Paulus hat einmal geschrieben: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Galaterbrief, Kapitel 2). Wenn jemand dies nicht nur sagt, sondern Christus wirklich durch ihn und in ihm leben kann, dann ist es der christlich-mystische Weg, der aktive Glaube, der auch die Demut und die Freiheit beinhaltet.
Die so genannte "Unverfügbarkeit" des Glaubens, wie sie in den Kirchen gelehrt wird, läuft demgegenüber aber oft auf die Passivität hinaus. Und auf die "Freiheit", die sich viele herausnehmen, Christus in Wort und Tat zu widersprechen und sich trotzdem "christlich" zu nennen. Bestes Beispiel sind die Kirchen selbst, die einen schändlichen Etikettenschwindel mit dem Wort "christlich" betreiben.

 

KEINE BEVORZUGUNG FÜR DIE KIRCHEN

  

Der Journalist: Nach allem, was wir besprochen haben: Martin Luther ließ viele Menschen töten, manche wegen ihres Glaubens. In der jüngeren Vergangenheit gingen lutherische Kirchen immer wieder mit Verleumdungen und Unwahrheiten gegen viele Andersgläubige vor. Diese sprechen oft von Rufmord. Was hat sich geändert? Sind die Grausamkeiten des lutherischen Glaubens aufgearbeitet und geändert worden? Und gehören die totalitäre Gesinnung Martin Luthers und viele seiner Forderungen endgültig der Vergangenheit an? Diesen Eindruck habe ich in unserem Gespräch bisher nicht gewonnen. Manche sagen, als Luther lebte, war es eben eine andere Zeit. Hat sich also nur die Zeit geändert? Was ist mit dem Glauben und dem Verhalten der Pfarrer und Kirchentheologen? Und was ist, wenn die Zeit sich wieder ändert?

Der Theologe: Wenn die Kirche in Deutschland und auch in anderen Ländern einen weltanschaulich neutralen Staat auffordert, gegen die Gruppen vorzugehen, die von ihr verleumdet und bekämpft werden, dann frage ich: Sind das nicht faschistische Tendenzen? Und wohin sollen diese führen? Davor kann sich der Staat aber schützen, wenn er sich zum Beispiel in Deutschland an das eigene Grundgesetz hält, das die Glaubensfreiheit für alle gesetzestreuen Gemeinschaften garantiert, und wenn er sich nicht wie ein gezäumtes Pferd verhält, das von einem kirchlichen Reiter dorthin geritten wird, wohin die Kirche will.

Der Journalist: Sie sprechen von einem weltanschaulich neutralen Staat in Deutschland. Aber werden die evangelische und die katholische Kirche dort nicht massiv bevorzugt?

Der Theologe: Ja. Abgesehen von der staatlichen Einziehung der Kirchensteuer (über 12 Milliarden Euro jährlich) erhalten sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts jährlich staatliche Subventionen in Höhe von ca. 20 Milliarden Euro für innerkirchliche Zwecke, die Subventionierung der kirchlichen Sozialeinrichtungen noch gar nicht mitgerechnet (weitere ca. 50 Milliarden Euro jährlich). Mit den staatlichen Subventionen wird zum Beispiel der konfessionelle Religionsunterricht an den staatlichen Schulen komplett finanziert oder die Ausbildung der kirchlichen Theologen an den Universitäten und Priesterseminaren. Auch werden die teilweise fünfstelligen Monatsgehälter für Bischöfe, Oberkirchenräte und weitere hohe Amtsträger damit bezahlt. Dazu kommen Millionenbeträge, die der Staat immer noch für Kirchengebäude aufbringen muss und sehr vieles mehr. Hier sind oft die politischen Gemeinden betroffen, die zum Teil noch weitere Zahlungen leisten müssen. Um sich davon zu befreien, bezahlten viele Gemeinden Ablösesummen an die Kirche. Die entsprechenden Ablösebeträge, welche die Kirchen beanspruchen, sind allerdings so hoch (z. B. das 25fache einer Jahressumme), dass viele politische Gemeinden es sich nicht leisten können und deshalb weiterhin jährlich zahlen müssen. Das ist ein grober Missbrauch des Staates und seiner Bürger für kirchliche Interessen. Die komplette staatliche Kirchenfinanzierung gehört ersatzlos gestrichen.

Der Journalist: Die Kirchen werfen ihrerseits manchen anderen Gruppen vor, den Staat und die Glaubensfreiheit, die er gewährt, zu missbrauchen.

Der Theologe: Hier kann man wieder die Frage nach der "Projektion" stellen. Sind es nicht einmal mehr vor allem die Kirchen selbst, die ihren Missbrauch auf andere projizieren?

Der Journalist: Die Kirchen weisen auf die Nähe ihrer Lehren zum freiheitlichen Menschenbild im demokratischen Staat hin.

Der Theologe: Sehr oberflächlich betrachtet mag es einige Übereinstimmungen geben. Beim näheren Hinschauen zeigt sich jedoch der gravierende Widerspruch. Auch deshalb ist das Thema unseres Gesprächs so wichtig, und wer über die tatsächlichen Lehren der Kirche und die praktizierten Scheinheiligkeiten Bescheid weiß, käme nie auf die Idee, eine Nähe zum freiheitlichen Menschenbild in einem demokratischen Staat zu vermuten. Und selbst überzeugte Lutheraner wie Dr. Behnk bezeichnen ja Glaubensaussagen Luthers als "äußerst gefährlich" und dennoch für die heutige Zeit als "verbindlich". Die "äußerste Gefahr" ist also Gegenwart. Auch müsste ernsthaft geprüft werden, ob nicht bereits gegen geltende Gesetze und gegen die den Kirchen gewährte so genannte "Gemeinnützigkeit" verstoßen wird, z. B. durch Volksverhetzung, Lügen, Gefährdungen des Wohles von Kindern und manchem mehr.

Wie gefährlich Luthers Lehre v. a. für Kinder und Jugendliche werden kann, zeigt z. B. eine in den 90er-Jahren erschienene Dokumentation über die "Gruppe Luther", einem Zweig der Jugendarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (Veit Dittmar, Gruppe Luther und Kirche, 1995, Selbstverlag). Auf über 250 Seiten dokumentiert der Autor z. B. das seelische Leid von Betroffenen und Angehörigen, darunter Behandlungen in der nahe gelegenen Nervenklinik und Selbstmordgedanken. Wer Luthers Lehre kennt, mag mögliche Zusammenhänge selbst abwägen.

Ein weiteres Beispiel, was die kirchlichen Lehren betrifft: Viele ehemalige Kirchenmitglieder fühlen sich mittlerweile von den Kirchen getäuscht und fordern von den Kirchensteuerämtern ihre Kirchensteuer zurück. Sie bezahlten zum Beispiel jahrelang im guten Glauben, dass die Lehre Luthers mit der Lehre von Christus übereinstimme, und sie sehen sich jetzt, nachdem sie sich näher informiert haben, getäuscht. Auch ehemalige katholische Kirchenmitglieder wollen übrigens aus demselben Grund ihr Geld zurück. Schon seit 1998 sind mir diese Aktionen bekannt. Gleichzeitig protestieren immer mehr Menschen, dass sie, obwohl sie aus der Kirche ausgetreten sind, die Amtskirchen weiterhin durch die Subventionen aus dem allgemeinen Steuertopf mitfinanzieren müssen. Die Zeit ist überreif, dies endlich zu beenden, und zwar ohne so genannte "Ersatzleistungen", welche die Kirchen fordern würden. Stattdessen sollten sie einen großen Teil der früher erhaltenen Staatsleistungen dem Gemeinwohl zurückerstatten, als Beginn einer Wiedergutmachung für ihre vielen Verbrechen und Lügen. 

 

CHRISTLICHE FREIHEIT



Der Journalist
: Wir haben viel von Glaubensfreiheit gesprochen und von den Gefahren des Missbrauchs. Deshalb zum Schluss die Frage: Wie könnte denn eine wirklich christliche Freiheit beschrieben werden, bei der man sich nicht nur auf Glaubens
freiheit beruft, sondern bei der Freiheit auch gelebt wird?

Der Theologe: Die Freiheit des christlichen Glaubens wäre eine Freiheit für den Nächsten, so wie es uns Christus als Jesus von Nazareth vorgelebt hat.
Der christliche Glaube besagt auch: Gott ist die Freiheit. Er ist die unendliche, sich ständig verströmende Liebe, die in allen Seinen Geschöpfen wirkt. Wer bestrebt ist, in seinem Tun, in seinen Worten, Gedanken, Empfindungen und Gefühlen in diesen Strom zurück zu finden, der wird immer freier. Das Ziel ist, wieder eins mit der göttlichen Liebe zu werden; der Liebe eines Gottes, der jedes Seiner Geschöpfe liebt und keines verdammt. Auch straft und züchtigt Er nicht. Der Mensch selbst erleidet entsprechend der Gesetzmäßigkeit von Saat und Ernte die Wirkungen seiner selbst geschaffenen Ursachen, aus diesem oder aus früheren Leben und ist damit sein eigener Richter – allerdings auf unvorstellbar lange Zeiträume bezogen. Die Anfänge und ersten negativen "Saaten" liegen unermesslich weit zurück, am Beginn des so genannten "Fallgeschehens". Auch in den Bibeln steht eine Erzählung vom so genannten "Sündenfall" gleich in den ersten Kapiteln. Dieses Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte war auch Jesus von Nazareth und den ersten Urchristen bekannt, wurde aber von kirchlichen Gelehrten nach und nach aus der urchristlichen Botschaft heraus gestrichen und durch viele so genannte angebliche "Geheimnisse" ersetzt, die in Wirklichkeit aber nur die Geheimnisse der Theologen sind. Denn Gott hat keine Geheimnisse. Sowohl in den Bibeln als auch außerhalb ist dieses Wissen noch vielfach überliefert. Das ist ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser Zeitschrift
(siehe dazu Der Theologe Nr. 2 – Reinkarnation).

Der Journalist: Wenn wir bei diesem Leben bleiben: Welche Aufgabe hat der Mensch hier auf der Erde?

Der Theologe: Jeder Tag seines Lebens kann dem Menschen zunächst zur Selbsterkenntnis dienen. Geschieht etwas Negatives, kann er sich bewusst machen: Es kommt nicht zufällig auf mich zu, doch in jedem Augenblick steht mir Christus bzw. steht mir Gott, der Ewige, mit Seiner Hilfe bei. Ich lerne dann, die Ursachen der Situation zu finden, meinen eigenen Anteil daran zu bereuen, um Vergebung zu bitten, zu vergeben, wieder gut zu machen, was wieder gutzumachen ist und das, was ich als falsch erkannt habe, nicht mehr zu tun. So wirkt die Barmherzigkeit Gottes, die dem Menschen hilft, sein Leben mehr und mehr in Ordnung zu bringen und wieder zu lernen, im Einklang mit den Schöpfungskräften zu leben. Dieses Leben entspricht auch den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth. Dadurch wird der Mensch allmählich frei, und das hat auch positive auf alle anderen Geschöpfe wie die Tiere, die beim menschlichen "Fallgeschehen" mit in die Abgründe der Menschen und ihres Gottes der Unterwelt hinunter gezogen wurden. Der Gottesprophet Jesaja sprach vom kommenden Friedensreich, wo der Wolf friedfertig neben dem Lamm liegt und auch Frieden unter den Menschen und zwischen Mensch und Tier eingekehrt ist, wo also der Mensch die Tiere nicht mehr für seinen scheinbaren Nutzen mordet.
Es gehört allerdings dazu, dass jemand seinen Egoismus wirklich überwinden möchte und in ein selbstloses Leben hineinreifen möchte, wobei ihm auch eine Gemeinschaft hilft, in der sich jeder bemüht, für den anderen zu sein und nicht gegen ihn. Jeder Mensch kann sich jeden Augenblick frei entscheiden: Für ein Leben nach den Geboten Gottes oder dagegen. Wenn ich an die Richtigkeit dieser Gebote glaube, ihrem Inhalt vertraue, dann bemühe ich mich auch, sie zu befolgen, so wie es Jesus von Nazareth gesagt hat. Es kommt also auf das Tun an, nicht auf das intellektuelle Gaukelspiel von Theologen, welches diese "Glaube" nennen. Denn nur von einer guten Tat hat mein Nächster auch einen echten Gewinn, nicht von einem Wortgeklingel über die menschliche Schwachheit. Niemand muss das allerdings so sehen. Dann aber sollte er sich auch nicht christlich nennen, denn christlich ist das, was Christus lehrte und lehrt. Aber jeder kann es für sich halten, wie er möchte, denn jeder hat den freien Willen. Auf diese Weise kann er auch sein Schicksal in jedem Augenblick ändern, zum Guten, aber auch zum Schlechten.

Der Journalist: Wie ist es dann mit der Lebenserfahrung der Unfreiheit bei bestimmten Entscheidungen?

Der Theologe: Das kommt aus christlicher Sicht daher, dass sich der Mensch durch eigenes Verhalten im Laufe der Zeit unfrei gemacht hat, was auch nach der Gesetzmäßigkeit von Säen und Ernten erfolgte. Nach und nach kann jeder diese Gebundenheiten aber mit der Hilfe von Christus wieder lösen und wird auf diese Weise immer freier von Zwängen, Ängsten und Unfreiheiten. Er wird auch frei dazu, seinem Nächsten zu helfen und zu dienen und auch für seine "Übernächsten" da zu sein, für die Tiere, die – wie schon angedeutet – über Äonen teilweise negative Verhaltensweisen des Menschen in sich aufgenommen haben; auch für die Pflanzen, die Mineralien, ja für alle Geschöpfe auf diesem Erdplaneten und damit auch für die Mutter Erde, die ihm das irdische Leben schenkt. Das ist der christliche Weg.

Der Journalist: Können Sie noch ein paar mehr Worte zu dem Thema "Christlicher Weg" sagen?

Der Theologe: Ich kann einmal versuchen, noch einiges dazu mit ein paar Worten aus meinem Bewusstsein zu ergänzen.
Christus war in dem Menschen Jesus von Nazareth auf dieser Erde, um uns zu zeigen und vorzuleben, wie dies möglich ist. Und Sein Erbe für uns, Seine Kraft, trägt jeder in seiner Seele. Und Seine Kraft aus Seinem göttlichen Erbe trägt jeder in seiner Seele, den göttlichen Erlöserfunken als Stütze und eine Art Schubkraft auf dem Weg zurück in die ewige Heimat.
Eine ewige Verdammnis gibt es nicht. Früher oder später wird sich jeder beseelte Mensch, jede Seele, mit der Hilfe von Christus aus ihrer selbst geschaffenen "Verdammnis" lösen können, wenn er das möchte.
Es gibt auch kein Oben und Unten, keine Höhergestellten oder "Geweihten" im Glauben, keine "Kleriker" und keine "Laien". Alle Menschen sind Schwestern und Brüder, und keiner braucht einen kirchlichen "Amtsträger" als "Mittler" zu Gott.
Wer Christus nachfolgt, lässt die "Weihen" und "Würden" hinter sich und schaut nicht zu den Weihe- und Würdeträgern empor. Er lernt, allein Gott die Ehre zu geben, unserem Vater, dem Vater-Mutter-Gott, der jeden von uns unendlich liebt und ihm in jeder Situation hilft, den nächsten Schritt für sein Leben zu finden, und dem wir durch das Halten Seiner Gebote und Ausrichtung auf Ihn in unserem Inneren näher kommen.

Christus wollte keine äußere Religion mit Pfarrern, Sakramenten, Dogmen, Zeremonien, Altären und Kirchen aus Stein. Er lehrte als Jesus von Nazareth, wie wir das Reich Gottes in uns erschließen können durch das Leben nach den Zehn Geboten und nach der Bergpredigt, in der alles Wesentliche zusammengefasst ist. Das Reich Gottes in uns bedeutet: Gott ist nicht nur als Schöpfergott ein eigenständiges Wesen, unabhängig von den Menschen und allen Lebensformen, Er ist auch in uns lebendig. Er ist in jedem Menschen, in jedem Tier, in jeder Pflanze, auch im kleinsten Staubkorn oder Stein. Er ist die sich immer verströmende selbstlose Liebe. Dieser Gott zwingt niemanden, setzt niemanden unter Druck und "reitet" auch auf keinem Seiner Geschöpfe wie ein Reiter auf einem Reittier. Er ist die Freiheit, und Er lässt jedem Seiner Kinder die Freiheit zu glauben, zu tun oder zu lassen, was es für richtig hält, und zu gehen, wohin es gehen will. Wenn der Mensch sich dabei auch von Gott entfernt und Wirkungen seines Fehlverhaltens tragen muss, Gott entfernt sich nie vom Menschen und reicht ihm – symbolisch gesprochen – immer die Hand. Das ist die einfache und für jedes Kind verständliche christliche Botschaft, wie ich sie mit meinen Worten formulieren möchte, ganz ohne Geheimnisse der kirchlichen Theologen und ohne ihre Konstruktionen aus den Abgründen der Unterwelt und über ihren "Gott", dem sie damit dienen.

Der Journalist:
Ich denke, das sind passende Schlussworte. Denn was dahinter steckt, das ist in unserem Gespräch über Martin Luther, über die lutherische Kirche und deren Gott der Unterwelt sehr deutlich geworden. Und jeder, der möchte, kann nun mehr von dem sehen, was für ihn bis dahin wie hinter einem Vorhang verborgen war.

Im Text verwendete Abkürzungen: CA = Confessio Augustana = Augsburger Konfession: evangelische Bekenntnisschrift von 1530; WA = Weimarer Ausgabe der Lutherschriften

 



Weiterführende Literatur:

Zum Thema lesen Sie auch:
Der Theologe Nr. 89 – Der Inquisitor, "der alle Register zog" – Kirchenrat und Sektenbeauftragter Dr. Wolfgang Behnk

Der Theologe Nr. 21 – Der wegen Totschlags verurteilte Pfarrer Geyer und die lutherische Lehre vom grausamen Gott


Der verbogene Glaube: Weihrauch oder das Reich Gottes, Marktheidenfeld 2011; 11,90 € + Versand (bitte Cover links anklicken)


 


Der Text ist als Druckschrift erschienen unter dem Titel
:
"Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 1: Wer folgt Luther nach, und wer folgt Christus nach?, Wertheim 1996
(mittlerweile vergriffen). Die Internet-Ausgabe kann wie folgt zitiert werden: "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 1: Martin Luther und sein Gott der Unterwelt, zit. nach theologe.de/theologe1.htm, Fassung vom 27.8.2023; Copyright ©, Impressum und mehr zum Autor dieser Studie siehe hier.
 

  

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